Studiengebühren-Urteil Reiner Gripsrabatt gilt nicht

Wer einen IQ-Test mit Bravour schafft, zahlt an der Freiburger Uni bisher keine Studiengebühren. Jetzt haben Richter die Grips-Klausel gekippt: Auch herausragende Studienleistungen müssen zählen - ein Erfolg für die vier Kläger um Thorsten Deppner, 26.

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Universität Freiburg: Kein Freifahrtschein für Schlaumeier

Universität Freiburg: Kein Freifahrtschein für Schlaumeier

Die Universität Freiburg hatte eine Idee. Eine eigenwillige. Ob sie auch gut war, darüber gibt es völlig unterschiedliche Ansichten. Die Hochschulleitung führte einen Schlaumeier-Rabatt ein: Seit dem Sommersemester müssen Baden-Württembergs Studenten 500 Euro Campusmaut pro Semester zahlen - aber in Freiburg werden Studenten befreit, die einen "IQ von über 130 nachweisen können, der aus einem nicht länger als drei Monate zurückliegenden Intelligenztest resultiert".

Das gelingt nur gut zwei Prozent der Bevölkerung. Eine Bescheinigung zum Beispiel von Hochbegabtenverein Mensa reichte in Freiburg aus. Und prompt gab es einen Ansturm auf die Mensa-Intelligenztests. Auch SPIEGEL-ONLINE Mitarbeiter Marc Röhlig machte bei einem bundesweiten Testtag mit - und das sogar mit Erfolg. Den brauchte er gar nicht unbedingt, weil er ohnehin schon mit einem Stipendium behängt worden war. Denn neben den IQ-Königen befreite die Freiburger Uni auch Studenten mit Stipendien eines renommierten Begabtenförderungswerkes von den Studiengebühren.

Mit dem puren IQ-Rabatt ist es jetzt vorbei. In einem heute veröffentlichten Urteil hat das Freiburger Verwaltungsgericht die Regelung kassiert und mehr Befreiungsgründe gefordert. Ein Erlass der Gebühren allein wegen eines bestimmten Intelligenzquotienten oder eines Stipendiums sei unzulässig, so die Richter. Nach ihrer Auffassung müssen auch besonders gute Studienleistungen eine Rolle spielen.

Genau das war das Argument von Thorsten Deppner, 26. Der Jurastudent hatte gemeinsam mit einem weiteren angehenden Juristen, einem Mediziner und einem Physiker geklagt und sich selbst vor Gericht vertreten. Die Freiburger Uni hatte es abgelehnt, Deppner für sein noch nicht bestandenes zweites Fach Politik von der Gebühr zu befreien - mit dem Jura-Staatsexamen sei auch das relevante Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes ausgelaufen.

Dass eine Sachbearbeiterin ihn beschied, er könne ja seine Intelligenz testen lassen, fuchste Deppner mächtig: "Es ist ein Skandal, dass ein IQ-Test als Nachweis dienen soll und die eigentlichen Studienleistungen außen vor bleiben sollen."

Für großes öffentliches Echo reichte es allemal

So sah es am Ende auch das Verwaltungsgericht und verpflichtete die Hochschule, von den vier Klägern einen aus Gründen der Gleichberechtigung sofort von den Gebühren zu befreien und in den anderen drei Fällen über die bislang abgelehnten Anträge neu zu entscheiden und die Kriterien zu überdenken. Auch bei herausragenden Leistungen müsse eine Hochschule die Gebühren erlassen. Nur diese Auslegung vermeide das sinnlose Ergebnis, dass etwa Studenten gefördert würden, die trotz ihres hohen Intelligenzquotienten während des Studiums keine besonderen Leitungen erbrächten.

Diese Linie hatte der Vorsitzende Richter Mitte November bei der Verhandlung bereits angedeutet: Schließlich wolle man doch "Exzellenz prämieren, die sich an der Hochschule zeigt", hielt er der frisch zur "Elite-Universität" geadelten Hochschule vor. Zuvor hatte schon Klaus Michael Alenfelder, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anti-Diskriminierungs-Recht, die Regelung als nicht verfassungskonform eingestuft. Wenn Studenten keine Möglichkeit hätten, die Studiengebühren durch ein bestimmtes Verhalten erlassen zu bekommen, könne "von Chancengleichheit keine Rede mehr sein".

In Freiburg konnten sich im Wintersemester rund 650 der insgesamt 20.000 Studenten die Gebühren sparen, davon etwa 150 dank eines IQ- Tests. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig, aber wenn die Universität weiter um die pure Intelligenz-Regelung streitet, wäre das eine Überraschung. In Freiburg dient der IQ-Rabatt eher als Köder und Marketing-Gag: Die Hochschule wollte Hochbegabte nach Freiburg locken und bundesweit auf sich aufmerksam machen - Mission erfüllt, sozusagen.

Die benachbarte Universität Konstanz, die ebenfalls zu den Gewinnern des Exzellenz-Wettbewerbes zählt, hatte zunächst eine ähnliche Regelung verabschiedet, dann aber einen Rückzieher gemacht. Ein IQ-Test sei nicht geeignet, um eine Hochbegabung für das Studium festzustellen, sagte Rektor Gerhart von Graevenitz Ende Oktober. Und nach dem Stimmungsumschwung wusste plötzlich niemand mehr so genau, wer eigentlich auf die Idee gekommen war. Intern war selbstkritisch von "Blödsinn" die Rede.



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