Studienplatz-Lotto Vergabechaos droht trotz teurer Software

Kriegen sie es diesmal endlich hin? Im Sommer werden rund 450.000 Abiturienten um Studienplätze konkurrieren, so viele wie noch nie. Rektoren und Politik glauben an ihre neue Vermittlungssoftware - doch die Vorsitzende des Bildungsausschusses warnt vor einer Neuauflage des Chaos.

Medizinstudenten: Begehrtes Fach, lange Wartezeiten
dpa

Medizinstudenten: Begehrtes Fach, lange Wartezeiten


Ab Herbst 2011 sollte eigentlich alles besser werden: "Kein Einschreib-Chaos mehr an den Hochschulen" - versprechen Bund, Länder und Hochschulrektoren seit drei Jahren gemeinsam.

15 Millionen Euro zahlte der Bund für die Entwicklung eines "dialogorientierten" Bewerbungssystems via Internet für die begehrten Mangelstudienfächer, die mit einem lokalen Numerus Clausus belegt sind. Die aufwendige Software soll nun startklar sein. Doch jetzt streiten Länder und Hochschulen über die Folgekosten.

Die Versprechungen klingen verheißungsvoll: An einer zentralen Stelle soll sich ein Studieninteressent künftig online für bis zu zwölf Studienangebote verschiedener Hochschulen bewerben können. Gedacht ist es bislang so: Nur ein Formular und ein beglaubigte Zeugnis, einmal eingesandt, sollen reichen.

Anfang vom Ende der ungewissen Massenbewerberei?

Es wäre der wunderbare Anfang vom Ende einer alljährlichen unwürdigen Massenbewerberei von mehreren hunderttausend jungen Erwachsenen - mit stets ungewissem Ausgang. Seit der weitgehenden Entmachtung der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätze (ZVS) in Dortmund haben die Hochschulen die Freiheit, ihre Studenten selbst auszusuchen - nach ihren eigenen, verwirrenden Kriterien, der sich je nach Studiengang stark unterscheiden können. An der Aufgabe scheiterten die Hochschulen reihenweise, gerade in begehrten Massenfächern.

Dass sich Studieninteressierte bis zu zwölffach bewarben, führte in den vergangenen fünf Jahren zur Blockade gerade in den beliebtesten Studienfächern. Allein zum Wintersemester 2010/2011 waren nach Prüfung der Kultusministerien mindestens 18.000 Plätze in begehrten Fächern auch mehrere Wochen nach Semesterstart noch frei geblieben, weil ein Abgleich nicht stattfand. So warten die Hochschulen auf Bewerber, denen sie zugesagt haben, die aber längst an einer anderen Hochschule eingeschrieben sind.

All das soll der Datenabgleich im neuen System nun ändern. Die Entscheidung über die Zulassung trifft die Hochschule zwar nach ihren individuellen Kriterien - doch die anderen Hochschulen erfahren davon, die Software streicht den erfolgreichen Bewerber aus ihrer Liste, und die Hochschule hat so einen Platz mehr frei. Über Rang- oder Wartelisten kann der Bewerber im Internet jeweils aktuell seine Chancen ablesen.

"Es wächst die Gefahr, dass sich viele Hochschulen nicht beteiligen"

Experten der Fraunhofer-Gesellschaft haben das Grundkonzept für die Software entwickelt, 70 Informatiker und Programmierer der Firma T-Systems die Einrichtung und Installation vorbereitet. Nun sollte es im April losgehen, doch der Start ist gefährdet. Die Einführung des gewünschten Vollservice für Studienbewerber verzögert sich, weil die Stiftung Hochschulstart.de - Nachfolgeorganisation der Dortmunder ZVS - das Programm vorläufig gestoppt hat. Zwar soll es ab Herbst bei den Bewerbern einen Datenabgleich geben - nicht aber die angestrebte zentrale Überprüfung von Zeugnissen und Unterlagen.

Hintergrund ist - wie so oft in Bildungsfragen - ein Finanzierungsstreit. Länder und Hochschulen sind sich uneins über die laufenden Kosten für das neue Verfahren. Die Entwicklung zahlte mit 15 Millionen Euro der Bund. Die Länder wollen die Hochschulen für die Vermittlung zahlen lassen. Doch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hält dagegen, sie hätten nur vor dem Hintergrund der Kostenfreiheit ihre Teilnahme an dem neuen System zugesagt. Das sagte HRK-Vizepräsident Micha Teuscher der Deutschen Universitätszeitung (duz).

Kleine Hochschulen könnten Verlierer im neuen System sein

Der Bund hat zwar auch nach der Föderalismusreform von 2006 die Rahmenkompetenz für die Hochschulzulassung, nimmt sie aber nicht wahr. So gibt es in den Bundesländern 16 verschiedene Regelungen, die die Hochschulen zum Teil auch noch unterschiedlich auslegen. Der neue Länder-Staatsvertrag über die Stiftung Hochschulstart.de sieht außerdem keine Teilnahmeverpflichtung der einzelnen Hochschulen vor.

Die Vorsitzende des Bundestagsbildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), traut dem Verfahren deshalb nicht über den Weg: "Wegen der ungeklärten Kostenfrage wächst die Gefahr, dass sich viele Hochschulen erst gar nicht an dem neuen System beteiligen. Das Fortsetzung des Chaos ist damit programmiert."

Außerdem könnte die Hochschulen abschrecken, dass im bundesweiten Computerabgleich die langsamste Hochschule das Tempo bestimmen könnte. Braucht eine Massen-Uni von der Größe Münchens oder Kölns länger für die Bearbeitung ihre Antragsflut und möchte ein Bewerber genau dort hin, müssen vor allem kleinere Hochschulen mit bislang kurzem Bewerberverfahren wieder tage-, vielleicht wochenlang warten, bis die Wunsch-Uni in einer beliebten Großstadt dem Bewerber zu- oder absagt. Erst dann wird sich derjenige nämlich für seine Zweit- oder Drittwunsch entscheiden und aus der virtuellen Warteschlange verschwinden. Gerade für kleinere Hochschulen gebe es dann "möglicherweise mit dem neuen Verfahren den Zeitvorteil nicht mehr", sagt dazu HRK-Vize Teuscher.

Dabei wäre eine unkomplizierte Hochschulzulassung dringend nötig. Für 2011 wird mit 450.000 Abiturienten ein Bewerberrekord erwartet - eine Folge geburtenstarker Schülerjahrgänge, der Schulzeitverkürzung in mehreren Bundesländern und der jetzt beschlossenen Wehrpflicht-Aussetzung. HRK-Vize Teuscher hofft trotz der unklaren Finanzierung auf die Vermittlung von bis zu 250.000 Studienbewerbern über das Dialogsystem im kommenden Herbst. Aber er ist bei der HRK auch hauptverantwortlich für die Umsetzung und darum von Amts wegen optimistisch.

Karl-Heinz Reith, dpa/ cht



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insgesamt 4 Beiträge
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oscho 05.01.2011
1. Rätsel
"Im Sommer werden sich rund 450.000 Abiturienten um Studienplätze konkurrieren.." In diesem Satz verbirgt sich ein äußerst interessanter Fehler. Wer ihn findet, erhält einen Spon-Praktikumsplatz (für umsonst).
flaschengeist 06.01.2011
2. :)
Ich finde auch, dass das Ausmaß an ortographischen Fehlern auf SPON erschreckend ist - inbesondere, weil es sich um das Online-Aushängeschild eines "Qualitätsmediums" handelt.
Bogeyfox 06.01.2011
3. Peanuts
Der Narzissmus und Egoismus im deutschen Bildungssystem kennt keine Grenzen. Das jeder Kultusminister kein Interesse hat seinen Posten zu verlieren ist klar. Aber das es jetzt an Peanuts wieder scheitert eine Vereinfachung des Bewerbungsprozesses an Hochschulen einzuführen, zeigt Mal wieder wo die Prioritäten in Deutschland liegen. Lieber mehr als 1300 Millionen EUR in der HRE versenken, weil diese "systemrelevant" ist. Wieandt, dem Sanierer nach der Krise, der nach 18 Monaten die HRE in Richtung Heimatschiff Deutsche Bank verlässt, zahlt der Steuerzahler ab dem 60. Lebensjahr eine jährliche Pension von 0,24 Mio EUR und in seinen aktiven Jahren bei der HRE 0,50 Mio EUR. Da bleibt natürlich für Bedienstete im Bildungssystem nicht mehr viel übrig. Das System am Laufen zu halten wo es jetzt entwickelt ist, kostet wahrscheinlich pro Jahr auch ein Vielfaches der Entwicklungskosten von 15 Mio EUR. Und es spart auch an keiner Uni Zeit, die die Verwaltungsbeschäftigte anders nutzen könnten; womöglich könnte man langfristig auch keine Stellen abbauen... In diesem Sinne hat Sarrzin schon recht: Deutschland schafft sich ab. Nur bei der Erklärung hat der deutsche "Chefgenetiker" was verwechselt...
feyn-man 06.01.2011
4. ...
Zitat von flaschengeistIch finde auch, dass das Ausmaß an ortographischen Fehlern auf SPON erschreckend ist - inbesondere, weil es sich um das Online-Aushängeschild eines "Qualitätsmediums" handelt.
Wenn man sich schon als schockierten Bildungsbürger in Szene setzt, sollte man zumindest das Wort Orthographie richtig schreiben. Und vielleicht die Bedeutung dieses Worts kennen. Wer sich über folgenlose Flüchtigkeitsfehler aufregt, hat wohl sonst wenig zu klagen.
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