Studienplatzsuche Neue ZVS-Software soll Vergabechaos stoppen

Das Studienplatz-Lotto treibt Unis und Bewerber seit Jahren zur Verzweiflung. Ein neues Computersystem soll helfen - ab dem Wintersemester 2011. Den Auftrag dafür vergab das Bundesbildungsministerium jetzt an ein Tochterunternehmen der Telekom. Anschubfinanzierung: 15 Millionen Euro.

Hilfe vom rosa Riesen? Telekom-Tochter entwirft neue ZVS-Softwaresystem
dpa

Hilfe vom rosa Riesen? Telekom-Tochter entwirft neue ZVS-Softwaresystem


Nach langem Hin und Her zwischen Kultusministern in Bund und Ländern und Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat der Bund nun einer Tochtergesellschaft der Telekom den Auftrag erteilt, ein neues Studienzulassungssystem zu entwickeln. Dies teilte das Bundesbildungsministerium am Dienstag mit.

Das neue Verfahren soll ab dem Wintersemester 2011/2012, also in anderthalb Jahren, dem anhaltenden Chaos bei der Studienplatzvergabe ein Ende setzen. Damit sei man "im Zeitplan", sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Als Anschubfinanzierung will das Bundesbildungsministerium 15 Millionen Euro in das Entwicklungsvorhaben stecken, das die Telekom-Tochter T-Systems International umsetzen soll.

Seit rund vier Jahren gleicht die Studienplatzsuche für Schulabgänger einem Dartspiel vor einer Deutschlandkarte - ohne feste Regeln und mit einer unbegrenzten Anzahl an Pfeilen. Abiturienten bewerben sich für ein oder zwei favorisierte Fächer an bis zu zehn Hochschulen zugleich - und erhalten manchmal eine, manchmal eine ganze Reihe positiver Antworten. Die Schulabgänger nehmen einen Platz an und lassen bis zu einem halben Dutzend Zusagen ungenutzt. Darum überbuchen Hochschulen ihre vorhandenen Plätze mehrfach - und müssen trotzdem Wochen in das laufenden Wintersemester hinein nachbesetzen und hoffen, dass genug Leute kommen.

Abhilfe erst für den Abi-Jahrgang 2011

Durch Doppelzulassungen kommt es zur wochenlangen Blockade freier Studienplätze ausgerechnet in den Mangelfächern. Allein in diesem Herbst waren dadurch vier Wochen nach dem offiziellen Semesterstart nach einer Erhebung der Kultusminister noch "mindestens 18.000 Studienplätze" in Numerus-clausus-Fächern unbesetzt.

Ein untragbarer Zustand, den sich Hochschulen und die zuständigen Minister seit der Entmachtung der Zentralstelle für Studienplatzvergabe (ZVS) in Dortmund vor drei Jahren fast untätig anschauten. Anfang 2009 kamen HRK, ZVS und Politik überein, dass etwas passieren muss - Bundesbildungsministerin Schavan stellte ein Computersystem zum bundesweiten Datenabgleich in Aussicht. Angekündigt war es zunächst für 2010, kommen soll es nun 2011.

Das neue zunächst 15 Millionen Euro teure System soll bei der ZVS angesiedelt werden, die in eine Stiftung umgewandelt wird. Das System wird von der ZVS und der HRK gemeinsam betrieben. Allerdings ist den Hochschulen die Teilnahme freigestellt. Auch wer Unterhalt und Betrieb des neuen Systems weiter finanzieren soll, ist noch nicht geklärt.

Bundesbildungsministerin Schavan sagte zur Entscheidung für den Software-Entwickler T-Systems: "Wir haben jetzt die Chance, in Kooperation von Bund, Ländern und Hochschulen ein effizientes Studienplatzvermittlungsverfahren zu schaffen." Sachsens Wissenschafts-Staatssekretär Hansjörg König sagte, aufwendige Nachrückverfahren würden künftig hinfällig und die Hochschulverwaltungen deutlich entlastet - allerdings erst für Abiturienten ab dem Jahrgang 2011 und nur, wenn die Entwickler im Zeitplan bleiben.

cht/dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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ma.ph.d 09.02.2010
1. Typisch!
Da gibt es bereits ein Produkt, das wunderbar funktioniert und das für einen Bruchteil der Summe schon im kommenden Sommersemester das Studienplatzchaos hätte beenden können. Aber statt auf eine bewährte Lösung zuzugreifen, wird einem ehemaligen Staatsunternehmen ein Millionenauftrag zugeschanzt, der das Chaos unnötig verlängert und mal wieder viele Millionen zum Fenster herausgeworfen. Und wenn ich mir vorstelle, welche Rolle die Telekom beim Maut-Desaster gespielt hat, kann ich nur hoffen, dass die nicht näher benannte Tochtergesellschaft wenigstens den Zeitplan einhält und das Chaos nicht noch weiter verlängert.
bafibo 09.02.2010
2. Wozu neue Software?
Wieder mal ein typisches Beispiel für Verschwendung von Staats wegen. Sicherlich ist die vorhandene Software verbesserungswürdig, aber muß man deshalb einen Haufen Geld ausgeben, um das Rad nochmal neu zu erfinden, um irgendwann (vorzugsweise erst im Wintersemester 2011) festzustellen, daß die Lauffläche bitteschön besser keine Ecken und Kanten haben sollte?
mahe.mi 14.02.2010
3. Noch eine Reform für den Abi-Jahrgang 2011!
Nun hatten wir anstatt zwei Jahren OS nur noch eins, wir sind der erste Jahrgang in Nidersachsen, der schon nach zwölf Jahren Abi macht. Natürlich muss es immer einen Übergangsjahrgang für so etwas geben - aber jetzt noch ein neues System? Muss das sein? Auch wenn die Situation jetzt alles andere als ideal ist, ist schließlich nicht sicher, ob dieses neue Programm tatsächlich reibungslos läuft. Allmählich bekommt man da doch das Gefühl, das der Abi-Jahrgang 2011 für so ziemlich alles das Versuchskaninchen ist.
karlibob 15.02.2010
4. Welche Software???
Sehr geehrter Herr/Frau ma.ph.d, welches Programm bitteschön soll das denn sein, "das wunderbar funktioniert und das für einen Bruchteil der Summe schon im kommenden Sommersemester das Studienplatzchaos hätte beenden können"?? Ich komme aus der Branche, ich wüsste, wenn es da was gäbe. "Aber statt auf eine bewährte Lösung zuzugreifen...", wo hat sich dieses wunderbar funktionierende Produkt denn bewährt?? Im Übrigen ist das Problem hausgemacht und von der Politik so gewollt: wenn ich im Rahmen der Förderalismusreform festlege, jede Hochschule darf machen was sie will, dann kann sich doch niemand ernsthaft wundern, wenn die Hochschulen nun machen was sie wollen. Aber man kann dann ja wunderbar auf die Software schimpfen. Software kann aber keine inhaltlichen Fehler beseitigen!
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