Studienplatzvergabe Zwei weitere Chaos-Jahre sind sicher

Alles sollte besser werden im Rekordjahr 2011: So viele Bewerber wie nie werden an die Hochschulen drängen - aber die Software für die Platzvergabe der beliebtesten Fächer floppt auf ganzer Linie. Das neue Verfahren steht vor dem Aus. Und auch im nächsten Jahr bleibt es chaotisch.

Abi: Die Hochschulreife berechtigt zur nervenaufreibenden Suche nach einem Studienplatz
DDP

Abi: Die Hochschulreife berechtigt zur nervenaufreibenden Suche nach einem Studienplatz

Von


Eigentlich sollte zum Herbst alles besser werden: Weniger freie Plätze in zulassungsbeschränkten Studienfächern, schnellere Entscheidungen über Studienplatzzusagen, größere Klarheit für Unis und Studenten.

Eine neue Wunder-Software sollte verhindern, dass sich die zum Teil chaotischen Verhältnisse vergangener Semester wiederholen. Bundesweit müssen dafür die Zu- und Absagen von Bewerbern und Hochschulen koordiniert werden.

Anfang 2010 hatte sich Annette Schavan (CDU), deren Bundesbildungsministerium die Einführung der Software veranlasst hatte, noch selbst auf den Start im Wintersemester 2011/2012 verpflichtet. Ein ehrgeiziger Plan - bis im März klar wurde, dass es so einfach nicht gehen wird. Informatiker hatten dringend davor gewarnt, die noch unausgereifte Software wie geplant schon zum kommenden Wintersemester einzusetzen. So ist das Programm beispielsweise nur für Ein-Fach-Bachelor brauchbar - wer eine Kombination aus zwei Fächern studieren will, kann mit der Software gar nichts anfangen.

Über eine Verschiebung hatte deshalb am vergangenen Freitag auch der Stiftungsrat der Stiftung für Hochschulzulassung - die Nachfolgeeinrichtung der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) - beraten und die Entscheidung dann auf Dienstagnachmittag vertagt.

Verschiebung um zwei Jahre "gar nicht mehr zu vermeiden"

Im sogenannten "Umlaufverfahren" wird diese Entscheidung derzeit vorbereitet. Gefragt sind die Voten der Wissenschaftsministerien aus 16 Bundesländern und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) - bis Dienstagnachmittag, 16 Uhr, sollen sie schriftlich erklären, wie es weitergeht. Dabei ist eigentlich längst klar: Die Software floppt, das Chaos geht erst einmal in eine neue Runde.

In einer Beschlussvorlage des Stiftungsvorstands, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wird dringend empfohlen, auf den Start der Software "zum gegenwärtigen Zeitpunkt" und "aus Gründen der Verfahrenssicherheit" zu verzichten. Genannt wird unter anderem der Datenschutz. Hauptproblem aber ist die fehlende Anbindung der Daten an die jeweiligen Hochschulen.

Denn jede Uni und FH arbeitet bisher mit anderer Verwaltungssoftware - damit die Verteilung der Studienbewerber jedoch klappt, müssen alle diese unterschiedlichen Programme mit der bundesweiten Datenbank koordiniert werden. "Insbesondere der aktuelle Informationsstand der Hochschulen in Detailfragen des Datenaustauschs" lasse zu wünschen übrig, heißt es in dem Papier.

Eine Einführung wie geplant sei damit "illusorisch", hieß es dazu am Montag aus einem Wissenschaftsministerium. Und außerdem wolle man sich nicht einmal mehr auf das kommende Jahr für einen Start festlegen. Eine Verschiebung auf 2013 sei daher "eigentlich gar nicht mehr zu vermeiden".

Bislang hatten sich vier Bundesländer, Berlin, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, auf das neue Verfahren verpflichtet. Aus mindestens einem dieser Länder ist SPIEGEL ONLINE bekannt, dass es nicht mehr mit von der Partie ist und sich am Dienstag gegen die Software aussprechen wird. Am Freitag sollte eigentlich darüber beraten werden, wie der neue Zeitplan für den Software-Einsatz aussieht. Ein Termin, der sich spätestens Dienstagnachmittag erledigt haben dürfte.

"Weiter wie bisher" - und am Ende muss die Resterampe helfen

"Natürlich gab und gibt es für diesen Fall einen Plan B", heißt es im Umfeld der HRK, die sich noch nicht offiziell äußern will. Bei einer Verschiebung werde man auf jeden Fall die Studienplatzbörse reaktivieren. Diese Resterampe für nicht besetzte Studienplätze hatte die HRK bereits im Herbst 2009 als Notlösung ins Leben gerufen, und über sie in den vergangenen Semestern frei gebliebene Plätze erneut anbieten lassen.

Auch an der TU Dortmund ist man auf ein Scheitern des neuen Zulassungsverfahrens vorbereitet: "Wir machen dann eben weiter wie bisher", sagt Uni-Sprecher Ole Lünnemann. Und das bedeute, "Studiengänge auf Basis unserer Erfahrung so zu überbuchen, dass sie am Ende möglichst gut ausgelastet sind".

Genau dieses Verfahren sollte eigentlich beendet werden - denn es sorgte dafür, dass die Hochschulen in eigenen Vergabeverfahren ihre Studenten selbst auswählten und anschließend mehr Zusagen verschickten, als Plätze vorhanden waren. Zum Semesterstart blieben dann aber trotz strenger NC und Überbuchungen Plätze frei. So soll es nun also wieder laufen - während zugleich so viele Schüler wie nie zuvor ihr Abitur machen und die Abschaffung der Wehrpflicht noch einmal einige Zehntausend zusätzliche Bewerber an die Hochschulen bringt.

Unterdessen erheben die Projektbeteiligten, also Hochschulen und die Software-Verantwortlichen erste Schuldzuweisungen. Eine zweijährige Verschiebung kostet schließlich Geld, "da wird es ein Ringen um Regress und um Verantwortlichkeiten geben", erklärte ein Hochschulrektor. Dieses Ringen hat bereits begonnen: "Schuld ist die Kurzsichtigkeit des Stiftungsrats, die zu Einschreibe-Chaos und Verunsicherung der Studienplatzbewerber führt", polterte am Montag die SPD-Vorsitzende des Bundestagsauschusses für Bildung, Ulla Burchardt: "Jeder, der bereits mit Software-Umstellungen zu tun hatte, kennt das Problem der Schnittstellen."

Aktuellen Abiturienten und anderen Studienbewerbern hilft das alles nicht: Bereits im vergangenen Jahr drängten über 440.000 Erstsemester an die Hochschulen und Doppeljahrgänge beim Abitur plus Wehrdienstabschaffung werden die Flut vermutlich noch einmal anschwellen lassen. Sie müssen sich, wie schon die Erstsemester der vergangenen Jahre, auf ein ziemliches Tohuwabohu gefasst machen.

insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Newspeak, 11.04.2011
1. ...
Es ist absolut lächerlich, wie in Deutschland die Bildung organisiert ist. Die Länder gehören radikal entmachtet und eine bundeseinheitliche Regelung her.
schnubbi79 11.04.2011
2. Softwarehersteller
Insbesondere gelten die entmachtet, die einer gewissen beteiligten Firma immer wieder Großaufträge zuschustern. Ein Projekt nach dem anderen fährt gegen die Wand und man lernt anscheinend nicht daraus...
runawaygirl 11.04.2011
3. -
Überbuchen klingt schlimmer, als es ist. Bei mir war das auch so. Im ersten Semester waren 100 Leute zuviel da - im zweiten waren die aber weg ;) Bis dahin war es eng und ungemütlich, aber es haben viele Leute verdient Plätze bekommen, auf die sie sonst keine Chance gehabt hätten. Was natürlich den Murks, der im Artikel bezüglich dieser Software beschrieben wird, nicht besser macht.
Trouby 11.04.2011
4. .
Zitat von NewspeakEs ist absolut lächerlich, wie in Deutschland die Bildung organisiert ist. Die Länder gehören radikal entmachtet und eine bundeseinheitliche Regelung her.
Ganz meine Meinung, das ist einfach nur noch peinlich und eines Wissenschaftsstandortes unwürdig! Und das alles zu Lasten dessen, was für uns am wichtigsten ist: Gute Bildung!
yogibimbi 11.04.2011
5. Software-Kompetenz
Gröhl! Das Projektmanagement hört sich ganz danach an, als wären bei dem Projekt, wie in Deutschland allgemein üblich, 2-4 "richtige" Programmierer angestellt, die das eigentliche Kodieren machen, dann nochmal doppelt soviele Knöpfchendrücker, die Anpassungen in bestehender Software vornehmen, sowie dann eine Horde von Rechtsanwälten, Projektmanagern, Ministerialdirigenten allgemeinen Besserwissern und anderen Heissluftgebläsen, deren Gesamtanzahl das 100-fache der der Fachkräfte nicht unterschreiten darf, und die sich die Zeit auf Telefon-, Video- und Livekonferenzen sowie in den Frequent-Flyer- und Businessclass-Lounges der Flughäfen vertreiben und allgemein nicht mal mehr Berge von Papier produzieren, weil mittlerweile alles virtuell ist, aber im Allgemeinen eher auf after-Parties und beim Spielen von Angry Birds und das Updaten von Facebook und LinkedIn-Profiles anzutreffen sind. In anderen Worten: Hochbezahlte Selbstbefriedigung und Wichtigfühlen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.