Neuer Streit um Bachelor und Master Don Quijote de la Bologna

Mehr Druck, mehr Vorschriften, weniger Freiheit im Studium: Die Abschlüsse Bachelor und Master hatten an den Unis keinen guten Start. Jahrelang warben sogenannte Bologna-Experten für die Studienreform, nun müssen sie ihre Arbeit einstellen, analysiert das Hochschulmagazin "duz". Dabei gäbe es noch viel zu tun.

Von Benjamin Haerdle

Absolventen in Bremen: Beim Gedanken an Bologna jubeln nicht viele
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Absolventen in Bremen: Beim Gedanken an Bologna jubeln nicht viele


In Deutschland wird Gerhard Schröder neuer Bundeskanzler, die Terrororganisation Rote Armee Fraktion löst sich auf und die Rechtschreibreform tritt in Kraft. Das war 1998. Im gleichen Jahr unterschrieben einige EU-Bildungsminister die Sorbonne-Erklärung und setzten damit die Initialzündung für den Bologna-Prozess. Die wesentlichen Ziele: Mobilere Studierende, international wettbewerbsfähigere Hochschulen und Absolventen, die bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Für Deutschlands Hochschulen brachte das gravierende Änderungen. Bachelor- und Master-Abschlüsse hielten ebenso Einzug wie das European Credit Transfer System (ECTS) zur Bewertung der Studierendenleistung.

Schon damals hagelte es reichlich Kritik daran. Und auch heute, 15 Jahre später, lässt sich feststellen: Ist von Bologna die Rede, gehen die Emotionen hoch. Die Abwehrhaltung lag und liegt manchmal auch an Unkenntnis. Genau an der Stelle sollten die Bologna-Experten ansetzen. Seit 2004 versucht die beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) angesiedelte Gruppe den Hochschulen und Fakultäten bei der Einführung der gestuften Studiengänge zu helfen. Die Berater sind Ansprechpartner bei Fragen zur Studiengangsgestaltung über die Modularisierung bis zu hin zur Nutzung von ECTS-Instrumenten.

Zum Team, das der DAAD im Projekt Promoting Bologna in Germany koordiniert, zählen überwiegend Hochschulvertreter, dazu kommt je ein Vertreter aus der Studierendenschaft, von der Arbeitgebervereinigung BDA und von der Gewerkschaft GEW. Anfang Dezember nun werden sie bei und mit einem Abschlusstreffen in Berlin verabschiedet. Der Grund: Die Finanzierung läuft aus.

Wie denken die Hochschulchefs über Bologna?

Dabei ist die Mission der Bologna-Experten noch längst nicht erledigt. Bis heute hadern nicht nur viele Studierende und Professoren mit der Studien-Reform, auch die Führungsebene der Hochschulen hat ihren Frieden mit Bologna noch nicht so ganz geschlossen. Auf der Mitgliederversammlung der Hochschulrektorenkonferenz, die am 20. November nach "duz"-Redaktionsschluss in Karlsruhe stattfand, waren die 266 Mitgliedshochschulen aufgerufen, Handlungsempfehlungen im Umgang mit dem Bologna-Prozess zu beschließen.

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Zu wenig Master-Plätze: Zwangspause nach dem Bachelor
Ein Jahr lang bereitete der für Studium und Lehre zuständige HRK-Vizepräsident Prof. Dr. Holger Burckhart den Beschluss in einer Arbeitsgruppe vor und meint: "Das Papier versucht auch innerhalb der HRK im Bereich Studium und Lehre einen Konsens zu finden." Offensichtlich gilt das Dokument damit auch als Versöhnungspapier.

"Eine Uni muss mehr leisten als Ausbildung"

Entzündet hatte sich der Konflikt unter den Rektoren zwischen Universitäten und Fachhochschulen (FH) im Sommer vorigen Jahres. Kaum im Amt, knöpfte sich HRK-Präsident Prof. Dr. Horst Hippler den Bologna-Prozess vor und polterte gegenüber den Medien los: "Eine Universität muss mehr leisten als Ausbildung, nämlich Bildung. Das tut sie mit dem Bachelor nicht." Und: "Wenn es sich dahin entwickeln sollte, dass wir die Hochschulen in reine Berufsausbildungsstätten verwandeln, dann machen wir alles falsch." Hipplers Äußerungen sorgten vor allem für Zwist zwischen Universitäten und den anwendungsnahen FHs, die sich durch die Pauschalschelte des früheren Präsidenten des Karlsruher Instituts für Technologie ins falsche Licht gerückt fühlten.

Umso diplomatischer bereitete der Siegener Uni-Rektor Burckhart deshalb die Handlungsempfehlungen vor: Neben elf Rektoren und Präsidenten aus Universitäten und Fachhochschulen berief er Prof. Dr. Reinhold Grimm, Vorsitzender des Akkreditierungsrates, und fünf Studierende in die AG. Er richtete ein Blog ein, um sich ein möglichst breites Meinungsbild zu machen, und er holte Stellungnahmen beispielsweise bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dem Deutschen Studentenwerk und beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) ein. "Das war eine sehr umfängliche Partizipation", betont Burkhart. Der Aufwand scheint sich gelohnt zu haben. Der HRK-Senat nickte im Oktober die Empfehlungen jedenfalls ohne Gegenstimme ab und auch der für die Fachhochschulen zuständige HRK-Vizepräsident Prof. Dr. Micha Teuscher sagt: "Das Papier ist überzeugend."

Ab ins Ausland, nur wie?

Die Kernbotschaft der Handlungsempfehlungen birgt keine allzu großen Überraschungen: Grundsätzlich sei der Bologna-Prozess richtig, er müsse aber in Einzelaspekten optimiert werden. So müssten Auslandssemester künftig leichter planbar sein und gesichert werden, so dass Studierende ihre im Ausland erworbenen Leistungen auch tatsächlich anerkannt bekommen. "Da müssen sich die EU-Mitgliedstaaten etwas einfallen lassen", sagt Burckhart. Auf nationaler Ebene müsse die Kultusministerkonferenz die länderspezifischen Strukturvorgaben zurückfahren. "Hochschulen können so Studiengänge flexibler gestalten, um Studierenden individuelle Bildungsbiografien und lebenslanges Lernen zu ermöglichen", erklärt Burckhart. Ähnlich sieht das FH-Sprecher Teuscher: "Dass für ein Master-Studium exakt 300 ECTS-Punkte nachgewiesen werden müssen, schränkt uns ein. Die Hochschulen brauchen die Möglichkeit, davon abzuweichen." Hinzu kommen die fehlenden Studienplatzkapazitäten beim Übergang vom Bachelor zum Master. "Viele Bachelor-Absolventen wollen einen Master-Platz, da spüren die FHs einen starken Druck."



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