Studienwahl Informatik ja - aber mit oder ohne Bindestrich?

Digitale Medien, Computerlinguistik, Umweltinformatik: Über 100 verschiedene, Informatik-nahe Studiengänge stiften Verwirrung. Abiturienten rätseln oft, was die klassische Informatik von ihren neuen Verwandten unterscheidet - und hoffen vergeblich, der ungeliebten Mathematik ausweichen zu können.

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Jobs in der Medizin: Eines der Arbeitsfelder für Informatiker
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"Und ich dachte, das Studium hätte was mit Kommunikation und Gestaltung zu tun", stöhnt Ines Falk (Name geändert), Studentin der Medieninformatik. Mit einem solchen Anteil höherer Mathematik hatte sie nicht gerechnet. Die nächste Enttäuschung: Medien stehen in der Medieninformatik weniger für SPIEGEL und "Stern" als vielmehr für die Funktionsprinzipien von Internet und DVD.

Derartige Kritik von Erstsemestern überrascht Professor Jörn Loviscach von der Hochschule Bremen. Schließlich informiert er in ausführlichen Briefen über die Studieninhalte und weist zudem Interessenten für die Studiengänge "Digitale Medien" (Bachelor) und Medieninformatik (Diplom) schriftlich darauf hin, dass im Studium Programmieren und Mathematik ganz oben auf dem Lehrplan stehen. Denn Ziel des Studiums sei es, Studenten in die Lage zu versetzen, beispielsweise Web-Shops, Spiele oder Grafiksoftware selbst zu entwickeln.

Kein Entrinnen: Überall Mathe auf dem Lehrplan

Doch das tiefere Verständnis von Software und Hardware setzt ausgerechnet fundiertes Wissen in einem der unbeliebtesten Schulfächer voraus: Mathe. Logisch-abstraktes Denkvermögen bildet die Basis für ein erfolgreiches Informatikstudium. Und das gelte, mit Einschränkungen, auch für die "Verwandten" der klassischen Informatik, betont Loviscach - zumindest an seiner Hochschule.

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Einen Weg aus zu viel höherer Mathematik sehen manche Studenten in der "angewandten Informatik", etwa Wirtschafts-, Ingenieurs-, Bio-, Umwelt- oder Medizin-Informatik. Ein Studium dieser auch "Bindestrich-Informatik" genannten Fächer verbindet Veranstaltungen aus der klassischen Informatik mit dem jeweiligen Anwendungsgebiet. Kaum einen Informatik-Fachgebiet-Mix, den es noch nicht gäbe - über 100 verschiedene Fachrichtungen listet etwa das Internetangebot Studienwahl.de auf.

Das Kombinationsfach reduziert logischerweise den Mathe-Anteil. Wer beispielsweise Angewandte Informatik an der Uni Bayreuth studiert, muss "nur" 24 von 128 Semesterwochenstunden Mathe büffeln. Der reinen Stundenzahl nach rechnen die technisch orientierten Ingenieur-Informatiker mehr als etwa die Wirtschafts-Informatiker, bei denen zur Hälfte BWL auf dem Lehrplan steht. Doch leichter zu nehmen sind die Mathe-Hürden damit nicht unbedingt: In Kursen und Vorlesungen treffen sich meist Studenten aller Informatikdisziplinen - oft auch der Mathematik oder Physik - wieder, auf gleichem Lernniveau.

Bis zu 70 Prozent Studienabbrecher

Ein grundsätzliches Bekenntnis zu Analysis und Linearer Algebra ist also unumgänglich, die Entscheidung zwischen angewandter und klassischer Informatik hingegen eher eine Frage der persönlichen Neigung. Dabei sieht die Gesellschaft für Informatik angesichts der fortschreitenden Technisierung weiterhin gute Berufsaussichten für Informatiker und Wirtschaftsinformatiker. Über andere Fächer und frisch eingeführte Abschlüsse wie Bachelor und Master ließen sich aber noch keine Prognosen treffen - sie seien zu neu.

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Ein Argument für ein Studium der angewandten Informatik ist die frühe Spezialisierung auf einen Fachbereich. Andererseits spricht gerade die breite Grundausbildung für Informatik pur, weil damit ein Fundament für eine spätere, marktorientierte Spezialisierung gelegt wird: ein Vorteil, wenn Studenten kurzfristig auf Trends reagieren möchten, die derzeit noch gar nicht absehbar sind.

Hinzu kommt die Frage: Welcher Hochschultyp? Fachhochschulen vermitteln die Inhalte eher praxisnah und schulisch, die Universitäten abstrakter und wissenschaftlicher. Auch der Ruf der Hochschule kann eine Rolle spielen. "Für mich funktionierte die Hochschule immer als Türöffner", sagt zum Beispiel der selbstständige Hamburger Wirtschaftsinformatiker Philipp O. Meißner, der an der privaten Fachhochschule in Wedel studiert hat.

In jedem Fall gehört Durchhaltevermögen dazu. Bis zu 70 Prozent aller Informatik-Studienanfänger, mit Bindestrich oder ohne, springen nämlich vor dem Diplom wieder ab. Mögen Informatiker auch "alles nette Leute" sein, wie der Fachschaftsrat der Uni Tübingen auf seiner Webseite schreibt - nur mit der Hilfe guter Kumpels allein ist das Pensum nicht zu schaffen.

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