Studieren auf See Kulturschock bei acht Windstärken

Ob bei arktischer Kälte oder tropischer Hitze - Fahrten auf Forschungsschiffen faszinieren viele Studenten. Doch für Seefahrerromantik bleibt wenig Zeit an Bord. In den Labors und an Deck wird hart gearbeitet.

Von Helge Stroemer


Forschungsschiff "Meteor": Platz für 28 Forscher
Institut für Meereskunde Hamburg

Forschungsschiff "Meteor": Platz für 28 Forscher

Die "Meteor" fährt das ganze Jahr über im Nord- und Südatlantik. Exkursionen an Bord des Forschungsschiffes gehören für die Studenten der Maritimen Meteorologie, Ozeanographie oder Meeresgeologie zur Ausbildung. Mit einer Länge von 97,5 Metern, 32 Mann Besatzung und 28 Plätzen für Forscher dient das Schiff der weltweiten Hochseeforschung. Die deutsche Forschungsflotte verfügt neben der "Meteor" noch über zwei weitere große Schiffe: das Polarforschungsschiff "Polarstern" und die "FS Sonne".

Die Studenten und ihre Professoren fahren nicht nur auf deutschen Forschungsschiffen. Meeresforschung ist ein internationales Geschäft. Nicht immer arbeiten Wissenschaftler und Besatzung auf Expeditionen so gut zusammen wie auf russischen Schiffen, auch wenn das Material dort nicht immer westlichen Standards entspricht. "Die können mit einer Stecknadel einen Motor reparieren", begeistert sich Niko Lahajnar, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biogeochemie und Meereschemie, über die Geschicklichkeit der russischen Crew.

Studieren an Deck: Abschied von Seefahrtsromantik
Institut für Meereskunde Hamburg

Studieren an Deck: Abschied von Seefahrtsromantik

Im letzten Jahr fuhr der 33-Jährige für drei Wochen auf der russischen "Akademik Boris Petrov" von Murmansk in die sibirische Karasee. "Es ist oft viel einfacher, dort ein russisches Schiff zu günstigen Konditionen zu chartern", sagt Kay Emeis, Professor am Institut. Anlass der Fahrt: Aufgrund der globalen Erwärmung verändern sich die Bedingungen in den Meeren. "Wir dokumentieren den jetzigen Stand." Doch nicht jeder Student eignet sich für solche Fahrten. Die Grundvoraussetzung lautet: Fähigkeit zur Teamarbeit auf engstem Raum. Was sich wie eine Floskel anhört, ist auf einem Schiff von großer Bedeutung. Alle müssen mit anpacken. "Es geht nicht, dass jemand sein eigenes Süppchen kocht", so Emeis.

"Man fühlt sich wie in einer Bratpfanne"

Viele Studenten lockt die Aussicht auf weltweite Seefahrten an die Institute. "Ich war neugierig, wie das auf so einem Schiff funktioniert", sagt Birgit Nagel, eine 26-jährige Studentin der Geowissenschaften. Sie wechselte deshalb von Tübingen nach Hamburg. Manche Mitfahrer jedoch überschätzten sich, oder "sie merken, dass das doch nicht ihre Welt ist", so Lahajnar. Denn die Studenten müssen auf großen Forschungsfahrten arktische Kälte und tropische Hitze aushalten können. Hitze an Bord wie im südchinesischen Meer findet Lahajnar besonders unangenehm: "Man fühlt sich wie in einer Bratpfanne."

Labor im Schiffsbauch: Bei acht Windstärken eine prägende Erfahrung
Institut für Meereskunde Hamburg

Labor im Schiffsbauch: Bei acht Windstärken eine prägende Erfahrung

Die weltweiten Einsätze koordiniert die Leitstelle am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg. Angeschlossen sind die Institute für Meereskunde in Hamburg und Kiel, das Institut für Ostseeforschung in Warnemünde sowie das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Die Leitstelle organisiert die Fahrten der "Meteor", "Alkor", "Heincke", "Poseidon" und "Alexander von Humboldt". Die Kosten allein für den Betrieb der "Meteor" betragen neun Millionen Euro im Jahr, die der mittelgroßen Schiffe insgesamt zwölf Millionen Euro.

Die Studenten fahren in der Regel vier bis sechs Wochen auf der "Meteor" und bis zu vier Wochen auf den mittelgroßen Schiffen. Da einige Schiffe weltweit eingesetzt werden, fliegen die Teams zu den jeweiligen Häfen und gehen an Bord. Aber auch Tagesfahrten für studentische Praktika in der Nord- und Ostsee gehören zur Ausbildung. In den Exkursionen lernen sie, wie die Messgeräte funktionieren, wie Daten aufgezeichnet und wie die ersten Auswertungen vorgenommen werden.

"Meteor": An Bord gilt das Wort des Kapitäns
Institut für Meereskunde Hamburg

"Meteor": An Bord gilt das Wort des Kapitäns

Auf dem Schiff herrschen strikte Regeln. "Wenn die Studenten an Bord kommen, ist das für sie immer ein Kulturschock", sagt Kapitän Michael Berkenheger, Chef der Leitstelle. An Bord gilt allein das Wort des Kapitäns - Sicherheitsregeln bestimmen den Alltag. "Studenten haben die Neigung, das sehr locker zu sehen", weiß Jens Meincke, Professor am Hamburger Institut für Meereskunde. Doch allzu romantische Vorstellungen müssen ohnehin über Bord geworfen werden: "Die Studenten und Wissenschaftler sitzen die meiste Zeit drinnen im Labor", sagt Meincke. Wenn es jedoch anfängt zu stürmen und bei acht Windstärken ordentlich Seegang herrscht, "sind das prägende Erlebnisse."

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