Studieren in Absurdistan Zutritt zum Neubau verboten

Hier lassen die Schildbürger freundlich grüßen: Ein moderner Neubau für zwölf Millionen Euro schmückt die Hochschule Furtwangen. Aber die meisten Informatiker müssen draußen bleiben und dürfen dort nicht mal parken. Warum die verbotene Zone? Die Studenten sind sauer.

Von Frank van Bebber


Furtwangen - Die Eröffnungsfeier des schmucken Neubaus an diesem Freitagmorgen ist für die meisten Studenten und Dozenten der Hochschule Furtwangen die erste Veranstaltung in den modernen Räumen. Und zugleich die letzte.

Furtwanger Neubau: Verbotene Zone

Furtwanger Neubau: Verbotene Zone

Sie wollen die Festredner der Landesregierung darum in schwarzer Trauerkleidung begrüßen. Denn das zwölf Millionen Euro teure Gebäude steht nur drei von 25 Fächern offen. Wer Online-Medien, Wirtschaftsnetze oder Computer Science in Media studiert oder lehrt, darf hinein. Alle anderen müssen draußen bleiben, selbst Studenten ganz ähnlicher Angebote wie Medieninformatik.

Absurd? Rechtlich zwingend, sagen die Verantwortlichen den zornigen Hochschülern. Der Grund ist die besondere Konstruktion bei der Finanzierung: Die Baukosten trug die Landesstiftung Baden-Württemberg. Sie darf aber nur neue Fächer fördern, nicht bestehende Angebote. Würden im Neubau auch deren Veranstaltungen laufen, könne die Stiftung die zwölf Millionen Euro vom Land zurückfordern, bestätigt eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums.

Das Lachen verging den Studenten schnell

Auf dem Campus für 2310 Studenten im Schwarzwald-Ort Furtwangen führt das zu kuriosen Situationen: Sitzen in einer Vorlesung neben Hörern der drei Fächer auch andere Studenten, muss der Dozent in einen Altbau umziehen. Dort herrscht drangvolle Enge; im Neubau stehen derweil große und moderne Hörsäle leer.

Studentenprotest: Wir müssen leider draußen bleiben

Studentenprotest: Wir müssen leider draußen bleiben

Student Christian Geiger, der den Protest gegen die absurde Regelung organisiert, sagt: "Am Anfang haben wir noch geschmunzelt." Inzwischen ist dem 27-Jährigen das Lachen vergangen. Dabei studiert er sogar Online-Medien, ein Fach, für das der Millionen-Bau eigens errichtet wurde. Und trotzdem ist Geiger nie im für ihn und seine Kommilitonen reservierten Haus - denn in all seinen Vorlesungen sitzen auch Studenten anderer Studiengänge.

"Einfach nur lächerlich" findet Geiger, dass der Neubau selbst für Kommilitonen aus der gleichen Fakultät eine verbotene Zone ist. Fächerübergreifende Lehre werde bestraft, die Raumnot bleibe. Die Studenten empört auch, dass Dozenten geförderter Fächer sogleich in andere Büros wechseln müssen, wenn sie kurz einmal für einen anderen Studiengang arbeiten.

Schranke sichert Parkplatz vor den falschen Studenten

Furtwangens Hochschulrektor Rolf Schofer versteht den Unmut, zeigt sich aber demonstrativ glücklich über den Neubau mit Hörsälen, Büros und hochgerüsteten Laboren. Die Frage sei stets gewesen: "Gar kein Gebäude oder so?" Auch die Ministeriumssprecherin sagt: "Anders hätte es den Neubau nicht gegeben." Ihr Haus wies die Hochschule an, die Vorschriften zu beachten.

Das Stiftungsrecht lasse nichts anderes zu, bedauern Hochschulleitung und Wissenschaftsministerium unisono: Die aus Privatisierungserlösen gespeiste Landesstiftung kann nur unterstützen, was innovativ und gemeinnützig ist. Fließt Geld zurück ans Land, darf sich dieses nicht von bestehenden Aufgaben entlasten - sonst droht ein Steuerverfahren.

Ziemlich kompliziert sei das, gibt Stiftungssprecherin Iris Berghold zu. Doch sie sagt auch sehr bestimmt: "Wenn fehlfinanziert wird, müssen wir zurückfordern."

Rektor Schofer hat inzwischen bei Fachleuten Gutachten angefordert, um herauszufinden, "welche Interpretationsspielräume möglich sind". Bis Ergebnisse vorliegen, setzt die Hochschule die Vorgaben strikt um: Selbst den Parkplatz des Neubaus hat sie für Studenten der ausgewählten Fächer reserviert. Nur wenn der Studentenausweis des richtigen Studiengangs im Lesegerät steckt, öffnet sich die elektronisch gesicherte Schranke.



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