Studieren in Oslo Zwischen Fjord und Fjell

Norwegen ist laut Uno-Statistik das Land mit der weltweit besten Lebensqualität. Deutsche Gaststudenten schwärmen von Skiwanderungen durch die Wildnis und Cafés in der Hauptstadt Oslo. Der Haken: Norwegen ist teuer - sehr teuer. Aber auch "veldig hyggelig".

Von Per Hinrichs


In bunten Lettern prangt das Bekenntnis an der Zimmerwand: "I can't relax in Doitschland" hat Björn Fröhlich in Großbuchstaben an die Wand im Studentenwohnheim Sogn geschrieben. "Es stimmt: In Oslo fühle ich mich wohler als zu Hause. Die Menschen sind einfach entspannt in Norwegen."

Also raus aus Marburg, dachte sich der 23-Jährige mit dem nordischen Vornamen und machte sich auf den Weg. Nicht ganz ohne Verstärkung - auch sein Freund Ingo Jacobs, 21, packte die Sachen und zog mit ihm in das olympische Dorf der Winterspiele von 1952.

Die beiden Sportfans fühlten sich wie im Paradies: "Wir haben Fahrradtouren unternommen, sind Ski gefahren und haben auf den 500 Kilometer langen beleuchteten Loipen rund um Oslo Langlauf gelernt", schwärmt Ingo.

An der Universität überraschte den angehenden Juristen die lockere Atmosphäre. "Die Kurse für die internationalen Studenten sind mit ein wenig Aufwand leicht zu schaffen. Zu vielen Themen kommen Experten in die Vorlesung. Und im Vergleich zu Deutschland werden die Höchstnoten in Jura sogar inflationär vergeben." Und die norwegische Sprache haben die beiden auch schnell in den Griff bekommen. "Nach drei, vier Monaten konnten wir uns schon gut verständigen", sagt Björn.

Alles hübsch, gemütlich, angenehm

Viel Freizeit, eine angenehme Uni in einer hübschen Stadt - alles hyggelig, wie die Norweger sagen würden; ein häufig verwendeter Begriff, der sich mit gemütlich, freundlich, nett übersetzen lässt. Der Fjord, der sich durch die Schären großzügig in die Stadt erstreckt und die Frühlingssonne widerspiegelt: hyggelig. Die vielen Straßencafés im Szeneviertel Grünerløkka, an denen sich unzählige junge Mütter an Kinderwagen und Milchkaffeegläsern festhalten: hyggelig. Und ein Skiwochenende auf der Hütte im Fjell, dem gebirgigen Hochland: sogar veldig hyggelig.

Skandinavien ist in. 142 Deutsche besuchen im Sommersemester 2006 die Universität Oslo, seit Jahren steigt die Zahl der Bewerber. "Ich habe das Gefühl, dass hier viel stärker auf die Studenten eingegangen wird", sagt Sonja Kienzle. Die 24-Jährige studiert Sozialwissenschaften und ist begeistert: "Ich fühle mich als Ausländerin hier besser und persönlicher umsorgt als an der Humboldt-Uni in Berlin." Kurse auf Englisch und umgängliche Professoren - die "Sie"-Form ist vor etwa 30 Jahren aus dem Alltagsleben verschwunden - machen es Studenten leicht, klarzukommen.

Oslo, diese "merkwürdige Stadt, die niemand verlässt, bevor er nicht von ihr gezeichnet wurde": So raunte einst Norwegens großer Dichter Knut Hamsun zu Beginn seines Romans "Hunger". Für heutige Verhältnisse scheint das ein bisschen dick aufgetragen; Oslo ist eine beschauliche Stadt, wenig Autoverkehr, keine Prachtbauten. Das Wasser beruhigt. Fähren schieben sich über den Fjord zum Hafen, beäugt von Cafégästen, längs der Aker Brygge, einer zum Shoppingcenter und zur Promeniermeile umgebauten alten Werft. Bunte Holzhäuschen leuchten von der gegenüberliegenden Halbinsel Bygdøy in der Frühlingssonne.

Probleme? Aber ja: Wer soll sich denn bei diesen Immobilienpreisen eine Wohnung leisten können? Wo bekommt das Land die Tausenden Ingenieure und Naturwissenschaftler her, die es dringend braucht? Und sollte man nicht doch lieber den Ölfonds, in dem fast 200 Milliarden Dollar verwaltet werden, für soziale Zwecke verwenden, als ihn nur für schlechte Zeiten aufzusparen, wie manche Politiker meinen?

Norwegen ist ein kleines Land, da kann vielleicht nicht so viel schiefgehen. Zum Vergleich: Allein in Hessen (6,1 Millionen) leben mehr Menschen als in ganz Norwegen (4,6 Millionen). Oder: Deutschland hat mehr Arbeitslose als Norwegen Einwohner. Dort herrscht bei einer Arbeitslosenquote von 2,9 Prozent nahezu Vollbeschäftigung, die Geburtenrate liegt bei fast zwei Kindern pro Frau, und der Haushaltsüberschuss von 30 Milliarden Euro - ohne Ölfonds - wirkt auf schuldengeplagte Deutsche fast schon provozierend. Auf der Uno-Rangliste zur Lebensqualität steht Norwegen auf Rang 1, Deutschland liegt auf Platz 20.

Öl und Gas in rauhen Mengen

"Ich finde es schon sehr interessant, wie sich das skandinavische Modell entwickelt hat", sagt Sonja Kienzle. "Auch wenn das Land Öl und Gas in rauhen Mengen hat: Bei der Familienpolitik und der Verteilung von Vermögen können wir uns einiges abgucken", meint sie.

Dabei ist es gerade mal gut 20 Jahre her, dass sich Hans Magnus Enzensberger in seiner Essaysammlung "Ach Europa!" das Land polemisch vorknöpfte. "Norwegische Anachronismen" nannte er seinen Aufsatz über das zerklüftete Königreich und machte sich zum Beispiel über das Telefonbuch lustig, in dem vom Unterwäschemagazin bis zur Kompost AG alles "norsk" war. Patriotismus ist hier auch heute kein Fremdwort. Eher eine unumgängliche Tugend. Mit der Fanfare "Ja, wir lieben dieses Land" beginnt die Nationalhymne. Man mag sich.

Viele Gaststudenten empfinden die Norweger auch als selbstbezogen. "Sie sind nicht sehr zugänglich, das stimmt schon", sagt Björn. Sonja drückt es drastischer aus: "Wer es schafft, mit einem Norweger in der Mensa zu essen, kann damit angeben." Selbst in der Wohnküche des Studentenheims, dem natürlichen Herzen jeder WG, halten sich hiesige Studis nicht länger auf als nötig. "Wenn ich in der Küche bin, stecken sie meist nur kurz den Kopf herein und verschwinden wieder", sagt Sonja.

Ob das an ausgeprägter Schüchternheit oder übertriebener Rücksichtnahme liegt, darüber rätseln die Gaststudenten noch. Gemeinsames Weintrinken am Küchentisch fällt jedenfalls aus; das mag auch den hohen Preisen für stärkere alkoholische Getränke geschuldet sein, die es nur im staatlichen Monopolgeschäft, dem Vinmonopolet, zu kaufen gibt.

Klassenziel: wochenendbesoffen

Am Wochenende, wenn das Café Sør oder der beliebte Club Dattera til Hagen öffnen, verwandeln sich die Kommunikationsmuffel allerdings plötzlich in Partyhelden. Das Bier fließt bei den Wikinger-Nachfahren in Strömen, und wer nicht völlig betrunken ist, hat das Klassenziel nicht erreicht - helgefyll, wochenendbesoffen, heißt der angestrebte Aggregatzustand. "Es ist manchmal kaum auszuhalten", sagt Ingo. Sonja hat sich in eine ganz spezielle Bar verliebt: den Underwater Pub. "Dienstags und donnerstags kommen Sänger von der Musikhochschule und singen dort kurze Opernstücke zu Klavierbegleitung. Inmitten von Fischernetzen und Tauchausrüstungen ergibt das einfach eine irre Atmosphäre", schwärmt sie. Opernabend im Tiefenrauschclub - das gibt es wohl nur in Oslo. Geht es ans Bezahlen, verfliegt die selige Stimmung aber gleich wieder, umgerechnet 6,20 Euro kostet hier ein Bier.

Das hohe Preisniveau, das die Norweger wegen der ebenfalls hohen Löhne nicht stört, zwingt die meisten Studenten, sich einzuschränken - und zügig zu studieren. Monika Aisch, 24, beispielsweise muss sich richtig beeilen: Ihr DAAD-Stipendium läuft bald aus, jeder Tag mehr im Land wird teuer. Die angehende Ernährungswissenschaftlerin untersucht für ihre Diplomarbeit die Wirkung verschiedener Fruchtextrakte im Labor des Domus Medica.

Im Institut für Ernährung forscht sie mit ihrer Kommilitonin Juliane Hrdina, 23, an speziellen Krebszellen. Ihr Chef kommt auch aus dem Ausland - Professor Andrew Collins stammt eigentlich aus England. Die multikulturelle Atmosphäre gefällt den beiden. "Hier ist es ganz normal, in internationalen Teams zu arbeiten. Bei uns ist das noch ungewöhnlich", sagt Juliane.

Die Universität Oslo tut einiges dafür, dass das so bleibt. In Straßenbahnen und Kinos wirbt sie mit Slogans wie "Was kommt nach dem Internet?" oder "Verstehen wir mehr, wenn wir verschiedene Sprachen sprechen?" um neue Studenten. "Es ist mittlerweile so, dass zwischen den norwegischen Hochschulen große Konkurrenz herrscht und vor allem kleinere Unis Nachwuchsprobleme haben", sagt Monica Bakken, Sprecherin der Uni Oslo. Das Budgetmodell des Bildungsministeriums sorgt zudem dafür, dass diejenigen Fakultäten finanziell bevorzugt werden, die viele Studenten haben und zum Abschluss führen. Und natürlich will die Uni "nur die Besten", wie Bakken versichert.

Björn wäre gern dabei. Er will es nicht nur bei einem Erasmus-Jahr belassen, sondern seinen Abschluss gleich ganz in Oslo machen. Im Juni entscheidet sich, ob er hierbleiben darf. Seine Chancen stehen gut, schätzt er. "Sonst gehe ich nach Berlin, da kann man es ja auch gut aushalten", sagt der Deutschland-Kritiker. Nur eins wird er dort bestimmt vermissen: das Wort hyggelig. Dieses Lebensgefühl haben die Skandinavier exklusiv.

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