Elitestudiengang in Oxford Und später dann Premierminister?

Der Studiengang "Philosophy, Politics and Economics" in Oxford gilt als Schmiede für Top-Beamte - und als Symbol einer versnobten Führungselite. Einblicke in die Welt der PPE-Studenten.

Absolventen feiern in Oxford ihren Abschluss
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Absolventen feiern in Oxford ihren Abschluss


Daniel Wilkinson hat gute Chancen auf einen Ministerposten. Vielleicht sogar auf das Premierministeramt. Sechs Anzüge hat sich der 19-jährige Brite seit seinem Studienbeginn an der Universität Oxford schon zugelegt. Der Krawattenknoten kommt locker aus der rechten Hand. Dabei hat Daniel "nur" eine öffentliche Schule besucht.

Sein Bruder und er sind "die Ersten aus der Familie mit Studium". Und das in einem Land, in dem sich Reichtum, Einfluss und Bildung immer noch oft vererben. Aber die Zeiten, in denen die renommierten Colleges der Upperclass vorbehalten waren, sind längst vorbei.

Kaderschmieden wie Oxford und Cambridge bilden die künftige Elite aus - genauer gesagt: eine Handvoll Colleges und Studiengänge dort. Und Daniels Studiengang "Philosophy, Politics and Economics", kurz PPE, spielt da ganz vorne mit.

Wenn Daniel über den Innenhof seines fast 700 Jahre alten College schreitet, Hemd oben aufgeknöpft, Tasche über der Schulter, grüßt er alle Anwesenden mit Namen. Vom Pförtner am Eingang, der kontrolliert, dass ausschließlich Studierende das College betreten, bis zu Kommilitonen im Trainingsoutfit mit Ruderemblem auf der Brust. Manchmal schnalzt Daniel zum Gruß noch mit der Zunge oder legt ein Augenzwinkern nach.

Wenn er über seine Zukunft spricht, glänzen seine Augen. Ein kleines Stückchen Welt gehört ihm schon. Und für den Rest stehen ihm die wichtigsten Türen offen.

Daniel hat an diesem verregneten Nachmittag schon eine dreistündige Klausur zu politischer Theorie hinter sich. Eine Stunde Pause könne er sich jetzt schon mal gönnen, sagt er. Der junge Student ist guter Dinge. Dabei sind bis Ende dieser Woche noch eine weitere Klausur, zwei Aufsätze und Arbeitsblätter fällig. Und es ist schon Mittwoch. Eine verrückt anstrengende Woche sei das, merkt Daniel an, "doch man gewöhnt sich dran".

Für Stress und viel Arbeit ist sein Studiengang bekannt. Auch für unzählige Absolventen, die in britische Top-Ämter gelangten. Der ehemalige Premierminister David Cameron hat genau wie seine Vorgänger Edward Heath und Harald Wilson PPE studiert. Im jetzigen Kabinett haben vier Minister einen entsprechenden Abschluss - darunter Finanzminister Philip Hammond und Justizministerin Elizabeth Truss. In britischen Medienhäusern sieht es ähnlich aus.

Daniel Wilkinson
Annette Kammerer

Daniel Wilkinson

Auf Wikipedia hat sich jemand die Mühe gemacht und eine Liste berühmter PPE-Alumni erstellt. Sie hat 243 Einträge. Medien fragen nicht mehr ob, sondern warum PPE Großbritannien regiert.

Johanna Schiele ist groß gewachsen und hat wache Augen. Die Deutsche studiert wie Daniel - und insgesamt rund 700 andere - PPE in Oxford. Auch sie ist gerade im Prüfungsstress. Auf einem Karrierenetzwerk führt Johanna ihren Abiturschnitt von 0,7 und vier Fremdsprachen von Arabisch bis Russisch auf.

"Klar ist das Elite", kommentiert Johanna PPE und echot das Selbstverständnis ihrer Universität, "aber nicht Klüngel-Elite, sondern Leistungselite." Die Semester sind kurz, aber intensiv. Jede Woche sind zwei Aufsätze oder Arbeitsblätter zu einem neuen Thema fällig. In ein- bis zweistündigen Tutorien wird die eigene Arbeit dann auseinandergenommen. Wenig Unterricht ist das. Dafür aber mit einem Dozenten/Studenten-Verhältnis von meist 1 zu 2. "Eine derart intensive Betreuung", sagt Johanna, gebe es ansonsten kaum.

Scheiße labern, aber überzeugend

Am Ende steht der kritisch und analytisch denkende Absolvent, der so ziemlich alles werden kann: Minister, Banker, Aktivist. So sieht es PPE-Dozentin Patricia Thornton. Mancher Absolvent bezeichnet seine erworbenen Fähigkeiten allerdings als: "Bullshitting, yet convincing." Scheiße labern, aber überzeugend. Drei Disziplinen gleichzeitig, jede Woche ein neues Thema und dazu Aufsätze wie am Fließband - das könne nicht gut gehen.

Der interdisziplinäre Studiengang wurde vor fast hundert Jahren mit den besten Absichten ins Leben gerufen. Oxford war damit seiner Zeit weit voraus. Hier sollten die klügsten jungen Menschen mit fachübergreifendem Wissen auf den Dienst an der Gesellschaft vorbereitet werden: Generalisten statt Fachidioten. Zahlreiche Universitäten auf der Insel und auch in Deutschland ahmten das Modell später nach.

"Das Problem ist für mich nicht der Studiengang an sich", konstatiert Will Davis, der an der Goldsmith Universität in London forscht. Allerdings sei er Teil der Krise, in der die Demokratie inzwischen in vielen Ländern steckt. Der Studiengang repräsentiere das ungleiche und elitäre System Großbritanniens, ist Davis überzeugt.

PPE sei in Zeiten von Brexit, Trump und Co. zu einem Symbol geworden: für Parteiführungen, die sich aus alten Kumpels zusammensetzen; für arrogante Politiker, die zu wissen glauben, was für "das Volk" das Beste sei.

Als "PPE bollocks" (PPE-Schwachsinn) diffamiert bisweilen der Rechtspopulist Nigel Farage komplexe Sachverhalte. Die verbreitete Kritik an PPE verdeutliche, wie unwohl sich die Öffentlichkeit damit fühle, von der Führungsriege abgehängt zu sein. "Doch wir leben nun mal nicht in einem Wettbewerb darum, wer der Klügste ist, sondern in einer Demokratie", sagt Davis. Und so ordnet er das Brexit-Votum als "Rebellion gegen diese Art von Arroganz" ein.

Zurück in Oxford rückt Daniel Wilkinson an diesem Abend zusammen mit anderen Studenten Stühle im Union Debattierklub. Die Wände hängen voller Bilder ehemaliger Redner: Albert Einstein, Mutter Theresa, diverse Staatsoberhäupter.

"Es ist schon komisch, wenn ich darüber nachdenke, dass meine Kumpels von heute, die Einflussreichen von morgen sein werden", sagt Daniel. Gleich wird er die Hand des heutigen Redners schütteln, auf den Lippen ein selbstbewusstes Lächeln.

Morgen einflussreich - man nimmt es dem 19-Jährigen im Anzug ab.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 22.05.2017
1. ...
In 100 Jahren kennt keiner mehr Tony Blair oder einen anderen der angeblichen Elite. Einen Albert Einstein wird man noch in 10.000 Jahren kennen (wenn es dann noch Menschen gibt).
Tuolumne Meadows 22.05.2017
2. Viele Eliten verlieren die Bodenhaftung
Ein gute Ausbildung ist wichtig und vermittelt das Rüstzeug für den späteren Beruf. Aber viele Eliten verlieren auf solchen Unis die Bodenhaftung bzw. den Bezug zu den Menschen, die sie später führen oder überzeugen sollen. Vielleicht sollte auf deren "Triumphwagen" auch jemand mitfahren, der einem ständing einflüstert: "Sieh dich um; denke daran, dass auch Du ein Mensch bist“. Man sollte nie vergessen: Eliten in einer Gesellschaft sind ein paar wenige Prozent - der Rest sind Normalbürger, die oft mit harter Arbeit ihre Existenz sichern müssen. Eine Demokratie funktioniert jedoch nur, wenn es gelingt diesen "Rest" mitzunehmen oder zumindest zufrieden zu stellen. Das gelingt in letzter Zeit immer weniger und wird auf kurz oder lang zum offenen Bruch mit den Eliten führen - wenn das so weitergeht. Das nennt man dann Revolution und ist in der menschlichen Historie mehr als ein Mal vorgekommen.
sarkasmis 22.05.2017
3.
Der Artikel lässt die linken Politiker glatt aus. Die hat nicht selten auch PPE studiert, beispielsweise Blair, die Milliband Brüder, Ed Balls, Tony Benn etc., an Journalisten wäre Seumas Milne zu nennen. Wenn man die Liste der PPE-Alumni aus Oxford anschaut findet man 42 mal Labour, aber "nur" 30 Mal die Tories (Conservatives). Ironischerweise ist die radikale englische Linke häufig aus gutem Hause, von einer namhaften Privatschule und in Oxbridge ausgebildet worden.
gordito255 22.05.2017
4. Typisch Elite
das ist das typische an der englischen Elite. Sie studiert etwas möglichst unspezifisches, aber auf jeden Fall an einer anerkannten Elite-Uni. Das Studium ist dann "anstrengend" aber auf keinen Fall intellektuell herausfordernd, so dass das Selbstbewusstsein unangetastet bleibt. Am Ende steht ein junger, redegewandter und vom Habitus elitäter Absolvent, der überall reüssieren kann, entweder in der Politik oder im Finanzwesen.
wetzer123 22.05.2017
5. So toll sind die gar nicht
Wenn Johanna Schiele ihr Abi mit 0,7 angibt dann ist die gar nicht so schlau wie sie vorgibt zu sein. Ein solches Abi kann man nämlich in Deutschland gar nicht machen. Auch bei 900 von 900 möglichen Punkten bekommt man einen Schnitt von 1.0. Sie hat offenbar eine Funktion die den Abischnitt berechnet über den Definitionsbereich ausgedehnt. Das ist natürlich nicht zulässig. Aber zu Ihrem Glück studiert sie nicht Mathematik, da würde sie nämlich mit diesem Ansatz durchfallen. Ansonsten finde ich diese Art der Elitenrekrutierung ungefähr genauso dumm wie die das in Frankreich anstellen wo (fast) alle Eliten an der ENA studiert haben.
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