Auslandsstudium in Polen Breslau, du bist so wunderbar

Hier leben, feiern, lernen 140.000 Studenten, fast so viele wie in Berlin, dabei hat Breslau gerade mal 650.000 Einwohner: Wenn das keine Uni-Stadt ist, dann gibt es keine Uni-Städte. Michael Merkel, 26, aus Dresden hat sich in den wilden Osten gewagt - und kommt aus dem Schwärmen kaum heraus.

Marc Oliver Rühle

Von Marc Oliver Rühle


Bei Görlitz, kurz hinter der Grenze, füllen sich die Abteile des Regionalexpresses mit polnischen Studenten. Sie pendeln für Seminare nach Breslau, das auf Polnisch Wroclaw heißt. Michael Merkel, 26, saß auch in diesem Zug, der ihn von der TU Dresden für ein Jahr nach Breslau brachte.

Er schwärmt von dieser Stadt, er preist "das Nebeneinander von gotischem Sakralbau und sozialistischen Plattenbauten", er ist fasziniert von "sanierten Markthäuserfassaden und vor sich hin bröckelnder Altbausubstanz". Michael Merkel studiert Kulturwissenschaften. "In dieser Kontrastwelt kann man immer wieder neue Entdeckungen machen", sagt er über Breslau.

Mehr als 140.000 Studenten tummeln sich in der - nach Warschau, Krakau und Lodz - viertgrößten polnischen Metropole, mehr als zehn Hochschulen gibt es, bei 650.000 Einwohnern. Merkel entdeckt eine Stadt im Aufbruch, neue Theater und Konzerthallen werden eröffnet - schließlich ist das hier die Kulturhauptstadt Europas 2016. "Es entstehen viele junge, kreative Einrichtungen wie Galerien, Cafés und Kulturzentren."

Michael Merkel findet, in Breslau lasse sich das Studium besser mit dem Alltag verbinden als in seiner deutschen Heimat. "Die Uni liegt im Herzen der Altstadt, so dass man das Gefühl hat, mittendrin zu sein", sagt er. Schnell ist er zu Fuß überall, wo er hin muss; vom Wohnheim zur Uni, vom Café zum Oderufer oder von einer Fakultät zur nächsten - nie müsse er mehr als drei Kilometer laufen.

Grilleinladung vom Professor

An der Uni sprechen die Dozenten fast ausnahmslos einwandfrei Englisch oder Deutsch, was auch mit der Geschichte der Stadt zu tun hat: Im 19. Jahrhundert war Breslau die drittgrößte deutsche Stadt, nach Berlin und Hamburg. Etwa tausend Deutsche leben noch immer hier. Aber es schade natürlich nicht, Polnisch zu können, sagt Michael Merkel. Die Universitäten bieten dazu kostenfreie Sprachkurse an.

So viele Studenten in einer Stadt mit vielen Traditionen und einer langen Geschichte - wie gut funktioniert das? Schließlich ist die Trink- und Feierfreude im Studium vergleichsweise hoch. Breslau, eine Partystadt? "Ja und nein", sagt Michael Merkel. "Natürlich gibt es hier Möglichkeiten, sich preiswert zu betrinken, und auch eine Partykultur, die sich aber im kleineren Rahmen bewegt." In den Bars legten am Wochenende oft DJs auf, dann würden einfach die Stühle zusammengeschoben, um Platz zum Tanzen zu haben. "Das schafft eine familiäre Atmosphäre", sagt Merkel.

Familiär geht es auch an der Uni zu. Die Räume sind viel kleiner als an der TU Dresden, zu den Veranstaltungen kommen auch weniger Teilnehmer. Man lernt jeden Professor persönlich kennen - und wird auch zum Grillen nach Hause eingeladen.

Doch die älteren Breslauer fühlen sich, so sagt es Merkel, schon manchmal vor den Kopf gestoßen. Und auch sonst sei das Konfliktpotential hoch: "Die polnische Gesellschaft ist tief gespalten zwischen rechtem und linkem Lager, zwischen katholischer Allmacht und subversiver Jugendkultur, was sich leider auch regelmäßig in Übergriffen entlädt." Vor kurzem sei ein Bekannter von ihm auf der Straße zusammengeschlagen worden, ein Kurator des Museums für zeitgenössische Kunst.

Insgesamt aber hat sich Breslau sein multiethisches Erbe bewahrt und zeigt sich offen für Zugezogene. Ob er bleiben will, weiß Michael Merkel trotzdem noch nicht.



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insgesamt 21 Beiträge
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Stäffelesrutscher 09.08.2013
1.
Zitat von sysopMarc Oliver RühleHier leben, feiern, lernen 140.000 Studenten, fast so viele wie in Berlin, dabei hat Breslau gerade mal 650.000 Einwohner: Wenn das keine Uni-Stadt ist, dann gibt es keine Uni-Städte. Michael Merkel, 26, aus Dresden hat sich in den wilden Osten gewagt - und kommt aus dem Schwärmen kaum heraus. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studieren-in-polen-auslandsjahr-in-breslau-a-915473.html
Würde SPON auch folgendes schreiben? ... nach St. Veit am Flaum, das auf Kroatisch Rijeka heißt ... ... nach Neu-Amsterdam, das auf Englisch New York heißt ... ... nach Christiania, das auf Norwegisch Oslo heißt ... ... nach Konstantinopel, das auf Türkisch Istanbul heißt ... ? Aber bei Deutschland in den Grenzen von 1937 geht so was immer ...
frühlicht 09.08.2013
2. Blödsinn
@Stäffelesrutscher Breslau ist die deutsche Übersetzung für Wroclaw, genauso wie Köln im Rest der Welt Cologne heißt. Ebenso bei Munich / München.
lukas555 09.08.2013
3.
Zitat von StäffelesrutscherWürde SPON auch folgendes schreiben? ... nach St. Veit am Flaum, das auf Kroatisch Rijeka heißt ... ... nach Neu-Amsterdam, das auf Englisch New York heißt ... ... nach Christiania, das auf Norwegisch Oslo heißt ... ... nach Konstantinopel, das auf Türkisch Istanbul heißt ... ? Aber bei Deutschland in den Grenzen von 1937 geht so was immer ...
Problem damit? Ich glaube nicht, dass Sie auch nur im Ansatz imstande wären Wroclaw auszusprechen. Ich bevorzuge jedenfalls die deutschen Orts- und Städtenamen, vor allem wenn es sich um ehem. deutsche Gebiete wie das Sudetenland oder einen Großteil Polens handelt.
kjeldahl 09.08.2013
4. naja...
Zitat von StäffelesrutscherWürde SPON auch folgendes schreiben? ... nach St. Veit am Flaum, das auf Kroatisch Rijeka heißt ... ... nach Neu-Amsterdam, das auf Englisch New York heißt ... ... nach Christiania, das auf Norwegisch Oslo heißt ... ... nach Konstantinopel, das auf Türkisch Istanbul heißt ... ? Aber bei Deutschland in den Grenzen von 1937 geht so was immer ...
Cologne... Vienna... Munich... Aix-la-Chapelle... Nuremberg... man sollte die Kirche mal im Dorf lassen. Sprache ist nun einmal so. Politische Korrektheit kann man auch übertreiben. Aber "Breslau" (Wroclaw - für deutsche Zungen schlecht zu sprechen) ist schon eine interessante und lebendige Stadt. Entspannte Grüße :-)
xcountzerox 09.08.2013
5. man kann übertreiben
Zitat von StäffelesrutscherWürde SPON auch folgendes schreiben? ... nach St. Veit am Flaum, das auf Kroatisch Rijeka heißt ... ... nach Neu-Amsterdam, das auf Englisch New York heißt ... ... nach Christiania, das auf Norwegisch Oslo heißt ... ... nach Konstantinopel, das auf Türkisch Istanbul heißt ... ? Aber bei Deutschland in den Grenzen von 1937 geht so was immer ...
die polen sagen auch zu münchen: monachium, oder zu lübeck: lubeka. kiel: kilonia und köln: kolonia. das könnte man stundenlang fortführen. manche namen sind halt geschichtlich eingebürgert oder einfach schwierig auszusprechen. keine sorge, die polnische und deutsche sprache (sowie die völker selber) haben, entgegen der oberflächlichen betrachtung, mehr gemeisamkeiten, als man denkt.
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