Studieren in Sibirien Im Land der schönsten Frau und des größten Diamanten

Mord, Totschlag und Suff prägen das Leben in Sibirien, sagen Statistiker. Doch Börries Hornemann fand atemberaubende Natur und herzliche Menschen. In der Sommer-Uni lernte er, dass die Wiege der Menschheit in der russischen Taiga steht - und dass Urrussen sogar das Feuer erfunden haben.

Börries Hornemann

In Deutschland musste ich oft erklären, was ich im Sommer in Sibirien suche. Dabei ist die Antwort ganz leicht: Die Natur ist wunderschön, die Taiga schier endlos, der Urwald des Nordens und darüber der Wolkenhimmel herrlich, Tag für Tag ein grandioses Schauspiel.

Zugleich frage ich mich aber auch: Wo bin ich denn hier gelandet? Im Dorf Amga etwa stehen auf einem Platz silber strahlende Büsten von Lenin und Stalin. Frische Blumen säumen die Statuen. Ganz Russland feierte zum 65. Mal den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg", wie sie hier den Zweiten Weltkrieg nennen. Da sind wir deutschen Studenten ein besonderer Besuch.

Abgesehen vom Weltkriegsfimmel beeindrucken die Jakuten mit ihrer Kultur und Lebenskunst. Sie trotzen seit Urzeiten einem sehr unwirtlichen Klima. Im Sommer sind es zwar angenehme 25 Grad, im Winter aber herrschen oft minus 60 Grad. Das prägt, und während in Europa die Zeit der Jäger und Sammler weit zurückliegt, fordert die sibirische Natur weiterhin das Wissen der Vorfahren. Auch heute gibt es für den Kopf keinen besseren Frostschutz als eine Polarfuchs-Pelzmütze, sagen die Einheimischen.

Striktes Kulturverbot zu Sowjetzeiten

Wir sind 13 Studenten, die mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) nach Sibirien gekommen sind. Nur vier von uns sind Ethnologen, die anderen studieren Russisch, Philosophie, Biologie oder Archäologie. Ich teile ein Zimmer mit Arno, der kein Wort Russisch spricht und eher zufällig hier ist. Wegen seiner kasachischen Freundin will er hier ein bisschen Russisch lernen, sagt er. Im Rahmen des DAAD-Programms "Go East" erhalten wir für unseren Summerschool-Aufenthalt Teilstipendien für Anreise- und Unterhaltskosten. Unser Seminar heißt "Sacha-Jakutien: lebendige Kultur im Permafrost".

Die Kultur der Jakuten ist besonders interessant, weil sie in der Sowjetzeit fast völlig verboten war. Seit den Neunzigern stellen sich die Jakuten verstärkt die Frage nach ihrer Identität - und wir Sommerschüler werden Zeugen einer manchmal kuriosen Traditionssuche. Doktor Yegor Shishigin etwa ist Direktor des staatlichen Museums der Geschichte und Kultur der Völker des Nordens und er erzählt allen Ernstes, dass die Wiege der Menschheit eher in Jakutien als in Afrika liege.

Und falls es doch in Afrika war, dann habe man zumindest das Feuer hier erfunden. Denn, fragt Shishigin, wozu bräuchte man im warmen Afrika Feuer? Neben dem Feuer wurde auch so ziemlich alles andere in Jakutien ge- und erfunden. Hier war das größte Mammut zu Hause, der größte Diamant, der reinste Fluss, der tapferste Bärenjäger und die schönste Frau sowieso.

"Der echte Jakute ist sauber"

Und die Müllmassen, die überall im Wald verbrannt werden, die werden nicht von Jakuten, sondern von den Touristen verursacht. "Der echte Jakute ist sauber", lernen wir in einem Vortrag. Fragt sich nur, welche Touristen das sein sollen. Wir als Mitteleuropäer sind hier jedenfalls so exotisch, dass uns die Menschen aus dem Auto heraus zuwinken.

In Jakutsk stehen die Häuser auf langen Betonsäulen. Der Permafrost, der den Boden die längste Zeit des Jahres gefroren hält, taut im Sommer oberflächlich auf. Alles, was nicht im ewigen Eis verankert steht, gerät ins Wanken. So gleichen die wenigen geteerten Straßen im Land buckeligen Off-Road-Pisten, übersät mit Löchern und Hügeln.

Wir Deutschen werden auf Schritt und Tritt von dortigen Kommilitonen begleitet. Die Stadt gilt als gefährlich. Die Haupttodesursache in Jakutien soll laut einer amtlichen Statistik von 2001 "Trauma" sein, also Tod durch Gewalteinfluss. Bei der arbeitsfähigen männlichen Bevölkerung stirbt sogar jeder zweite durch Mord, Totschlag oder eine andere Form von Gewalt. Als weiteres großes Problem gilt der Alkohol. Gewalt und Suff führen dazu, dass die Lebenserwartung der Männer nur erschreckende 58,4 Jahre beträgt, bei Frauen sind es ein paar Jahre mehr.

Für mich fühlt sich die Hauptstadt der Region mit ihren 240.000 Einwohnern allerdings nicht sehr gefährlich an. Zwar wurde der nette Koreaner aus unserem Wohnheim während meiner Zeit hier grundlos verprügelt. Auch hingen im Bus zwei neue Vermisstenanzeigen, zu denen Vladlen Kugunurov, Germanistikdozent der Jakutsker Uni, aber nur lakonisch bemerkte: "Die findet man oft erst Jahre später. Die Taiga ist groß, da fällt eine Leiche nicht auf."

Mehr Kindergartenbetreuung als Universität

Aber tagsüber scheint mir Jakutsk wie jede andere Stadt auch. Es gibt zwar pöbelnde Betrunkene, doch die einheimischen Studenten lotsen uns als recht auffällige Gäste sicher durch die Straßen. Und wer nachts unterwegs ist, nimmt eben die Taxis mit ausgewiesener Nummer, denn diese staatlichen Karossen gelten als sicher.

Die meiste Zeit verbrachten wir an der Maxim-Ammosov-Universität in der Hauptstadt Jakutsk. Die Vorträge kamen meist über allgemeines Museumspädagogikniveau nicht hinaus. Überhaupt kam mir die russische Uni nicht nur verschult vor, sie glich mitunter einer Kindergartenbetreuung. Hier studiert man mit 17 Jahren und ist mit 22 fertig. Die Studenten waren kaum davon abzubringen, uns mit unseren durchschnittlich 25 Jahren wie selbstverständlich zu siezen.

Trotz vieler Uni-Tage kamen wir bei mehrtägigen Ausflügen ganz gut im Land herum. Auf einer abenteuerlichen Fähre setzten wir über den gigantischen, drei Kilometer breiten Fluss Lena und reisten in die Region Amga, die uns als "Perle Jakutiens" das dörfliche Leben zeigen sollte. Dort war alles noch recht ursprünglich, allerdings ergänzt durch die neuen Kulturgüter Fernsehen, Internet und Disco.

..und nächstes Jahr zur Winterschule

Doch den Winter bezwingt die neuere Technik kein bisschen besser als die Methoden der Urjakuten. Die Wohnhäuser in dem Dorf, in das wir reisten, sind aus Holz, die Isolierung aus Moos. Das Zentrum des Hauses bildet der offene Ofen. Brennholz gibt es genug und ein einfaches Rohrsystem beheizt das ganze Haus.

Einen Keller im Permafrost gibt es nicht, stattdessen aber ein Erdloch als natürliches Eisfach. Die alten "Balahans", niedrige Holz-Lehm-Hütten, die nur für den Winter gedacht waren und früher mit den Tieren geteilt wurden, dienen heute nur noch als Stall.

Die Winterkleider sind nach wie vor aus Fell. Fürs Gesicht gibt es Nasenschoner, die Schuhe werden aus dem Leder der Rentierbeine gemacht, denn die robusten Tiere halten es seit Jahrhunderten unbeschuht in bitterster Kälte aus. Was liegt also näher, als sich ihre Füße überzuziehen.

Es ist ein wunderbarer Einblick in die fremde Kultur. Hier erlebe ich, dass Russisch auch eine asiatische Sprache sein kann, denn neben Jakutisch sprechen zumindest in der Hauptstadt alle auch Russisch. Wenn in meinem Masterstudium noch Zeit bleibt, dann komme ich nächstes Jahr wieder. Dann aber zur Winterschule.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
sukowsky, 03.09.2010
1. Grausamen menschengemachten Vergangenheit
Ein wunderschönes Land zur richtigen Jahreszeit mit einer grausamen menschengemachten Vergangenheit (Zaren, Lenin, Stalin).
cobobka 03.09.2010
2. .
Welche ist die richtige Jahreszeit? Der Winter ist nur was für die ganz Harten, obwohl die trockene Kälte dem Hören nach wesentlich angenehmer als unser feuchter Winter sein soll. Im Sommer gibt es reichlich Mücken und teils unpassierbaren, weil morastig aufgetauten, Boden. Trotzdem möchte ich dort gern hin.
meinungsherrscher 03.09.2010
3. von titelitis befallen
Zitat von sukowskyEin wunderschönes Land zur richtigen Jahreszeit mit einer grausamen menschengemachten Vergangenheit (Zaren, Lenin, Stalin).
Es gibt auch Leute, welche die USA schön finden und da gibt es neben einer grausamen, menschenverachtenden Vergangenheit auch eine grausame, menschenverachtende Gegenwart ... (Liste der US-Präsidenten bitte bei Wikipedia einsehen)
creativefinancial 03.09.2010
4. GUte Reise
Zitat von cobobkaWelche ist die richtige Jahreszeit? Der Winter ist nur was für die ganz Harten, obwohl die trockene Kälte dem Hören nach wesentlich angenehmer als unser feuchter Winter sein soll. Im Sommer gibt es reichlich Mücken und teils unpassierbaren, weil morastig aufgetauten, Boden. Trotzdem möchte ich dort gern hin.
Gute Reise.Ich lebe in den Sub-Tropen, fuer mich war schon St Petersburg vom Klima unbewohnbar und ueber den Rest wollen wir den Mantel der Naechstenliebe decken. Die schoenste Frau ? Vielleicht nach dem 10. Wodka,.
croydon 03.09.2010
5. Was
Zitat von meinungsherrscherEs gibt auch Leute, welche die USA schön finden und da gibt es neben einer grausamen, menschenverachtenden Vergangenheit auch eine grausame, menschenverachtende Gegenwart ... (Liste der US-Präsidenten bitte bei Wikipedia einsehen)
hat denn dass damit zu tun?
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