Studieren in Tokio Mathe sehr gut, Diskutieren mangelhaft

An Japans wichtigster Privatuni studiert es sich eher geistlos, findet Karl Stubbe - die Frage nach ihrer eigenen Meinung irritiert Studenten. Dafür ist der Name Waseda-Uni ungemein klangvoll. Sogar Polizisten drücken alle Augen zu, wenn sie den Studentenausweis sehen.


Ein Auslandsjahr eines Japanologen hat einen relativ unerklärlichen Charme: Japan ist das Land der U-Bahn-Reinquetscher und der Studenten mit Louis-Vuitton-Taschen. In der Regenzeit ist es in Tokio schwül und heiß. Im nördlichen Hokkaido drohen sechs Monate Schnee und ein Schulweg auf Skiern. In Kyoto müsste man sich von Mönchen unterrichten lassen. Wo soll man da hin?

"Wir glauben, dass Waseda sehr gut zu dir passen könnte", sagte mein Japanologie-Professor beim endgültigen Auswahltermin. Angesichts des auffordernden Blicks konnte ich nur schwer ablehnen. Es war besiegelt - mein Auslandsjahr führte mich an die Waseda-Universität in Tokio.

Waseda, gegründet 1882 vom ehemaligen japanischen Premierminister Okuma Shigenobu, verstand sich immer als die private Alternative zu den beiden staatlichen "Über"-Universitäten von Tokio und Kyoto. Bekannte Absolventen gibt es zuhauf, und sogar Wasedas Studienabbrecher, etwa der japanische Kultautor Haruki Murakami, brachten es zu Weltruhm. Elite-Uni kann man sie also auf jeden Fall nennen.

Allerdings ist im Jahr 2008 eine japanische Universität nicht mehr nur Brutstätte zukünftiger Überflieger, sondern in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen. Zur Uni-Firma Waseda gehören zum Beispiel eine eigene landesweite Vier-Sterne-Hotelkette, sowie private Vorbereitungsakademien für künftige Studenten.

40.000 Studenten stürmen los zum Lunch

Das Geschäft brummt, denn die Studienplätze sind rar, die Nachfrage steigt. Wer an einer Aufnahmeprüfung teilnehmen möchte, muss dafür mindestens 100 Euro zahlen. Da sich 18-jährige Gymnasiasten aber gleich für eine ganze Reihe von Hochschulen bewerben, wird es für die Familien schon vor dem ersten Unitag richtig teuer. Die Uni-Vorbereitungsschulen reißen oft ein fünfstelliges Loch ins Budget.

Und wofür das alles? Für Weltklasse-Bildung? Für einen erweiterten Horizont? Kaum. Es ist eine Investition der Eltern in den Wohlstand der Kinder, denn für deren Zukunft zählt der Name der Uni oft mehr als das, was dort gelehrt wird. Der Unterricht an sogenannten Elite-Universitäten wie der Waseda erreicht besonders in den Geisteswissenschaften allenfalls deutsches Abiturniveau.

Waseda-Campus, 13 Uhr, die Uni-weite Mittagspause endet. Brillante Idee übrigens, 40.000 Studenten gleichzeitig auf die rund 50 Nudelbars in der näheren Umgebung loszulassen. Das alltägliche Schauspiel von Endlos-Schlangen und halbstündiger Wartezeit bei 30 Grad hat Tradition.

Danach in den Hörsälen: Beim Thema "Wie äußert sich der Einfluss weltweiter Medienunternehmen auf unsere tägliche Informationsaufnahme?" geht der Spaß schon los. Bis viertel nach eins ist die Hälfte der Studenten nach der obligatorischen Anwesenheitsunterschrift durch den Hinterausgang raus und schon über alle Berge. Unter den Verbliebenen kann man nach einer weiteren Viertelstunde ein kollektives Schnarchen wahrnehmen. Sieht so ein Elitestudium aus?

Die schwierige Frage nach der eigenen Meinung

Als auf die etwas locker gestellte Frage des Professors "Was sind Medien?", immerhin in einem fortgeschrittenen Medienwissenschaftskursus, auch nach gefühlten drei Stunden keine Antwort kommt, versinkt sogar der sonst so engagierte Sensei in Resignation.

Ortswechsel, moderne japanische Literatur. Rund 70 Studenten, davon fünf Austauschstudenten, warten gespannt auf den Vortrag eines Murakami-Experten. Bei einer Vorlesung über Japans "Literaturgott" und internationalen Bestsellerautor könnte man ein gewisses Maß an Enthusiasmus und Vorwissen vermuten. Zunächst läuft auch alles blendend, die Zahl der schlafenden Zeitgenossen hält sich in Grenzen. Doch wieder erschüttert eine einzige Frage des Professors die Studenten - die Frage nach der eigenen Meinung, ein Pfeiler der Geisteswissenschaften und für westliche Studenten meist eine willkommene Einladung für eine Runde selbstverliebten Palaverns.

Japan indes verzeichnet Pisa-Höchstnoten in Mathematik - eigenständiges Denken stand nie auf dem Stundenplan. Wer heute studiert, hat mindestens zwölf Jahre strikter Einbahnrhetorik mit autoritären Erziehern hinter sich. Und an 16-Stunden-Tagen mechanisch für die Aufnahmeprüfung der besseren Mittelschule gepaukt, weil das sonst später nichts wird mit der Prestige-Uni. Die Nachteile dieser strengen Informationsbefütterung sind offensichtlich.

Keine Samurai: Japans Studenten fechten mit Tennisschlägern

Aber Bildung ist nur ein Teil des japanischen Uni-Erlebnisses. Viel wichtiger für eine glorreiche Zukunft in der Japan AG sind zwei ganz andere Faktoren: der Name der Universität sowie das auf die Spitze getriebene Networking.

Die Waseda hat einen klangvollen Namen in Japan. Dass dieser Name auch eine Art Freifahrtschein sein kann, war mir neu. So musste ich bei Routinekontrollen durch die Polizei, in die Nicht-Japaner etwa beim Fahrradfahren immer mal geraten können, einfach nur galant darauf hinweisen, dass ich an der Waseda studiere. Prompt entließ mich der Wachmann mit einem Lächeln und einer überhöflichen Entschuldigung.

Beim Networking orientieren sich japanische Studenten vor allem am amerikanischen Fraternity-System. Zugelassen sind Jungen wie Mädchen, allerdings haben die Bruderschaften eine zweifelhaften Ruf - sie gelten als regelrechte Kuppelbörsen. Viele der Verbindungen sind als Tennisclubs organisiert. Neuankömmlinge werden über Jahre schikaniert, müssen den kaum älteren Verbindungsbrüdern die Schläger nachtragen und verbringen die restliche Zeit mit Laufübungen. Ansonsten bestehen die Pflichten darin, Trinkgelage zu organisieren und die Älteren möglichst respektvoll und höflich anzusprechen. Der Lohn sind Uni-übergreifende Beziehungen - unschätzbar wertvoll in einem auf Seilschaften basierenden Land wie Japan.

So gut es mir in Japan gefällt, hoffe ich doch, dass die Situation hier kein Ausblick auf die Zukunft der Bildung in Deutschland ist. Waseda ist ein abschreckendes Beispiel dafür, wie elitäre und privatisierte Universitäten aussehen können. In Japan muss man für eine rosige Zukunft oft sehr viel Geld bezahlen - das erfahren japanische Eltern jedes Jahr aufs Neue.



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