Studieren ohne Abi Mit dem Meister an die Uni

Studieren ohne Abitur, das geht längst. Doch bisher erschwerten die Sonderregelungen der 16 Länder den Zugang zu Unis und Fachhochschulen. Jetzt haben sich die Kultusminister auf gemeinsame Standards geeinigt - Eignungstests und Probezeiten soll es bald nicht mehr geben.


Die Kultusminister haben ein Versprechen des Bildungsgipfels vom vergangenem Herbst eingelöst: Sie öffnen die Hochschulen für Meister und andere Fachkräfte auch ohne klassisches Abitur. Auf knapp zwei Seiten sind jetzt die Mindestanforderungen und bundesweiten Standards festgelegt, die beruflich Qualifizierte für Weiterbildung an einer Hochschule oder für ein Vollstudium erfüllen müssen.

Der Hochschulzugang wird für Bewerber mit Berufsausbildung leichter
DDP

Der Hochschulzugang wird für Bewerber mit Berufsausbildung leichter

Bislang mussten sich Studieninteressente ohne Abitur mit 16 völlig unterschiedlichen Sonderregelungen der Bundesländer auseinandersetzen.

Nach dem langen Tauziehen mutet es nun fast wie eine kleine Sensation an: Meistern, Technikern und Fachwirten wird ein allgemeines Hochschulzugangsrecht zuerkannt. Das heißt, sie können ohne weitere Eignungstests oder Probezeiten jedes Fach ihrer Wahl an einer Universität oder an der Fachhochschule studieren. Berufstätige mit mindestens zweijähriger Ausbildung plus dreijähriger Berufspraxis bekommen ein fachgebundenes Zugangsrecht. Ihr Studienfach muss in etwa ihrer bisherigen beruflichen Fachrichtung entsprechen.

Bisher sind Studenten ohne Abitur selten

Einige Länder wollen den Zugang sogar noch weiter liberalisieren, was nach den Absprachen in einigen Punkten möglich ist. Rheinland- Pfalz will die für die Berufspraxis vorgeschriebene Zeit auf zwei Jahre verkürzen. Baden-Württemberg strebt an, sie sogar ganz abzubauen. Die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen (SPD): "Nächstes Ziel muss sein, eine echte Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung herzustellen. Der Prozess, die Hochschulen für Menschen mit beruflicher Qualifizierung zu öffnen, darf mit dem Stralsunder Beschluss noch nicht abgeschlossen sein."

Studieren ohne Abitur - geht denn das überhaupt? Es funktioniert auch in der Bundesrepublik schon seit mehr als drei Jahrzehnten. Doch anders als im Ausland schafft in Deutschland bisher nur ein verschwindend kleiner Anteil beruflich Qualifizierter nachträglich den Sprung ins Studium. Allenfalls 0,6 Prozent der Neueinschreibungen an Universitäten und 1,9 Prozent an Fachhochschulen haben keine reguläre Hochschulzulassung.

Die Studienleistungen unterscheiden sich kaum

An schwedischen Hochschulen hingegen besitzt heute mehr als jeder Dritte Studierende kein klassisches Abitur und hat über berufliche Qualifizierung den Sprung ins Studium geschafft. Besonders gut sind die Chancen für Berufstätige zum Hochschuleinstieg auch in Spanien und Schottland, wo jeder dritte bis vierte Studierende ohne Abitur den Weg ins Studium findet. Nach dem "Europäischen Studentenreport" liegt Deutschland in Sachen Hochschulöffnung für Nicht-Abiturienten im Vergleich mit 22 anderen Staaten bislang weit abgeschlagen auf einem der hinteren Plätze.

Alle bisherige Untersuchungen über das Studium der Nicht- Abiturienten belegen: Die Differenzen bei den Vorkenntnissen werden nicht verkannt. Doch weder die Betroffenen noch ihre "gymnasialen" Kommilitonen schätzen dies im Verlauf des Studiums als dauerhaft gravierend für die Studierfähigkeit ein. Ist der Einstieg geschafft und das erste Semester gemeistert, werden Zwischenprüfungen und Abschlussexamen später ebenso häufig bestanden wie von herkömmlichen Abiturienten.

Hohe Identifikation mit dem Fach

In einigen Fächern, so beim Lehramt, werden sogar häufig bessere Ergebnisse erzielt. Nicht selten sind diese Studenten in ihrem Lernverhalten stabiler und leistungsorientierter. Generell wird ihnen eine besonders hohe Identifikation mit dem Fach bescheinigt.

Nach dem Beschluss der Kultusminister werden nun einige Länder ihre Hochschulgesetze ändern müssen. Dabei werden die Minister vor allem bei den Universitäten noch eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ist zwar nicht grundsätzlich gegen die Aufnahme von qualifizierten Berufstätigen, hat jedoch erst im Januar deutlich andere Aufnahmekriterien empfohlen.

So möchte sie Meister nur fachgebunden für das Studium einschreiben. Die Universität Frankfurt/Main berief sich kürzlich auf ihre Hochschulautonomie und beschloss, entgegen der bisher schon üblichen Landesregelung künftig ausschließlich Abiturienten zum Studium zuzulassen.

So mahnte auch der Philologenverband angesichts des Stralsunder Öffnungsbeschlusses davor, "Hochschulzugangsberichtigungen nicht wie Discountware zu verramschen".

Von Karl-Heinz Reith, dpa

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