Studium bei der Bundeswehr "Die nehmen einen ganz schön in die Zange"

Ein Studium an der Universität der Bundeswehr ist nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig und eine harte Schule. Gesucht werden ehrgeizige Leute mit großer Selbstdisziplin, die fit sein und sich für zwölf Jahre verpflichten müssen - darunter inzwischen auch Frauen.


Ein Maschendrahtzaun schützt den Campus vor der Außenwelt, an den Eingangstoren stehen Schilder mit der Aufschrift: "Achtung, militärischer Sicherheitsbereich". Beim Gang über das Gelände trifft man fast immer Männer, die wenigen Frauen fallen umso mehr auf. Keine Wandzeitungen mit Zimmergesuchen oder Aufrufen zu Partys - die studentische Spaßgesellschaft findet hier nicht statt.

Im Oktober 1973 wurde die Bundeswehr-Uni München gegründet und in Neubiberg angesiedelt, einer schmucklosen Vorortgemeinde im flachen Süden der Metropole, wo man bei schönem Wetter wenigstens einen grandiosen Fernblick auf die Berge Oberbayerns hat. Der Mangel an Zeitoffizieren und die steigenden Ansprüche an das militärische Führungspersonal veranlasste die Bundeswehr, einen eigenen akademischen Betrieb zu gründen. Eine Filiale ist in Hamburg, die bedeutendere in München. Rund 2500 Studenten (etwa 15 Prozent Frauen) sind in Neubiberg eingeschrieben, das ist die Höchstgrenze.

Hohe Anforderungen an Kopf und Körper

Weil die Bundeswehr dieser Tage unter dem Rückgang der Studentenzahlen leidet, sind Werbeaktionen angelaufen, um akademisch geschulten Führungsnachwuchs zu rekrutieren.

Aufnahmeprüfung: Auch Studenten bei der Bundeswehr brauchen Fitness
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Aufnahmeprüfung: Auch Studenten bei der Bundeswehr brauchen Fitness

Vor allem im Fliegerischen Dienst habe man erhebliche Nachwuchssorgen, sagt Fregattenkapitän Roland Obersteg vom Personalmarketing im Verteidigungsministerium. Die strengen Studienanforderungen wolle trotzdem nicht aufweichen.

Vorab hat sich ein Student für zwölf Jahre Dienst in einer Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr zu verpflichten, den Nachweis der Studierfähigkeit muss er bei einem dreitägigen Test in Köln erbringen. Komplexe Fertigkeiten und Fähigkeiten sind gefragt, aber auch die körperliche Fitness muss stimmen. "Die nehmen einen ganz schön in die Zange", sagt Pädagogik-Studentin Barbara Schierl, 25, mit Dienstgrad Fähnrich zur See.

Als Offizier in die erste Vorlesung

Je 15 Monate Dienst und Offizierlehrgänge haben die Angehörigen der Luftwaffe und der Marine bei Studienbeginn vor der ersten Vorlesung hinter sich, Soldaten des Heers blicken gar auf 39 Monate zurück. Der Panzersoldat Falk Gimmler, 25, wähnte sich dann nach dieser Zeit gar im Paradies, als er endlich zur Uni kam und beginnen durfte, Bauingenieurwesen zu studieren.

Studentin Barbara Schierl (links): Die wenigen Frauen fallen auf

Studentin Barbara Schierl (links): Die wenigen Frauen fallen auf

Die militärische Prägung der Studenten bestimmt den Alltag an der Hochschule. Professor Alfred Hoffmann, Dekan des Fachbereichs Pädagogik, beschreibt seine Studenten als "belastbar, stressresistent, nicht ängstlich - aber intellektuell nicht besonders neugierig".

Wer hier studiert, sei gewohnt, Aufträge auszuführen, so Hans Georg Lößl, Präsident der Uni in Neubiberg und von Haus aus evangelischer Theologe. Neulingen müsse erst beigebracht werden, "dass wissenschaftliche und militärische Disziplin nicht deckungsgleich sind".

Im Galopp durchs Studium

Das Studium bei der Bundeswehr ist verschult und hart. Die Regelstudienzeit für alle Fächer beträgt zehn Trimester oder dreieinhalb Jahre, an öffentlichen Universitäten hat man ein Jahr mehr Zeit. "Wir haben hier eine gedrängte Studienzeit", sagt Professor Lößl, "die erlaubt keine Auszeiten."

So ein Eiltempo lässt sich aber nur abfordern, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. In Neubiberg betreut ein Professor durchschnittlich 15 Studenten, an einer öffentlichen Uni ist das Verhältnis 1:40. Auch die Ausstattung mit Lehrmitteln ist viel besser als an öffentlichen Hochschulen, an die BWL-Dekan Peter Weinert "nie wieder" zurück möchte.

Dass Existenznöte fehlen, begünstigt das akademische Lernen bei der Bundeswehr. Alle Studenten wohnen auf dem Campus in etwa 20 Quadratmeter großen Zimmern, erst ab dem 25. Lebensjahr muss man dafür monatlich eine Pauschale in der Höhe von 85 Euro entrichten. Als Fähnrich zur See bekommt Studentin Barbara Schierl etwa 1200 Euro Sold jeden Monat. Lästiges Jobben in Kneipen ist daher nicht nötig - die ganze Kraft bleibt fürs Studium.

Ein Drittel ohne Abschluss

Trotzdem schaffen zwischen 30 und 40 Prozent der Bundeswehr-Studenten keinen Abschluss. Auf eine niedrigere Quote wird man wohl nie kommen, "dafür ist das Studium zu kompliziert", sagt Präsident Lößl. Auch abbrechen ist nicht möglich; jeder muss bleiben, bis er entweder einen Abschluss gebaut hat oder die Studienzeit abgelaufen ist. Danach geht es wieder zurück zur Truppe. Drei Wunschstandorte kann jeder Absolvent nennen, und in der Regel wird man an einen auch versetzt.

Soldatin beim Einkleiden: Helm auf
DPA

Soldatin beim Einkleiden: Helm auf

Trotzdem bleiben dann noch sechs Jahre Militärdienst, bevor man ins Wirtschaftsleben eintauchen darf. Das erscheint angesichts der rasanten Entwicklungen, vor allem im technischen Bereich, sehr lang, um sofort Anschluss zu finden. Und es macht deutlich, dass die Bundeswehr an ihrer Hochschule vor allem den eigenen Führungsnachwuchs ausbilden will.

Trotzdem habe ein Absolvent auch später in der Wirtschaft kein Job-Problem, versichert Professor Weinert: "Die werden uns später aus den Händen gerissen".

Von Steffen Gerth, Jobpilot.de

Demnächst im zweiten Teil: Kadettenanstalt, Kaderschmiede, Kommissköppe? Die Vorurteile gegen die Bundeswehr-Uni und die Realität



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