Studium in Australien Barbie geht immer

"Here’s your ticket, sweetie!" Meint die Schaffnerin etwa Lukas Peuckmann? Der Gaststudent aus Münster schippert täglich mit Brisbanes Schnellfähre zur Uni und merkt schnell, dass Australier ziemlich entspannt sind. Beim Tauchen schaut er schon mal einem Hai ins Auge.


Besonders dem warmen Wetter, den tollen Surfstränden und Tauchspots habe ich mich entgegengesehnt, als ich die Zelte in Deutschland abgebrochen hatte und mein Auslandssemester in Brisbane an der University of Queensland begann. Tatsächlich ist Australien eine andere Welt - schon am Flughafen merke ich beim ersten Zusammenprall, dass der englische Linksverkehr auch für Fußgänger gilt.

Aber "No worries!" – Australier und besonders "Brisbanites", die Bewohner Brisbanes, sind entspannt und eigentlich immer freundlich. Die Hauptstadt von Queensland mit etwa 1,7 Millionen Einwohnern ist eine junge und sehr internationale Stadt. Das liegt mit Sicherheit an den über 100.000 Studenten, die an den drei Universitäten eingeschrieben sind.

Die University of Queensland (UQ) im Stadtteil St. Lucia am Brisbane River ist die älteste und renommierteste Universität, bekannt für internationale Spitzenforschung etwa in Meeresbiologie oder Sozialwissenschaften. Erst kürzlich stufte das englische "Times Higher Education"-Magazin sie auf Platz 33 der weltweit besten Universitäten ein.

Der "Marihuana Appreciation Society" knapp entkommen

Der Campus mit seinen edlen Sandsteingebäuden und dem Great Court vermittelt zudem einen Hauch von Elite-Uni. Und doch stolperte ich auf dem Campus gleich am ersten Unitag in die Arme von Anhängern des "Social Marxism Club". Kapitalismus- und Systemkritik liefern sicher interessante Debatten, aber dass die Mitglieder Studiengebühren von über 5000 Dollar pro Semester zahlen und zugleich so vehement Kapitalismuskritik übten, wunderte mich dennoch. So war ich wenigstens vorgewarnt - und entkam knapp dem Werben des Lego Clubs und der "Marihuana Appreciation Society".

Studieren an der University of Queensland ist generalstabsmäßig organisiert. E-Mails werden binnen Stunden beantwortet, auch von den Professoren. Tutorien sind nie mit mehr als 20 Studenten besetzt, andernfalls werden schnell und unkompliziert neue angeboten. Diskussionen in Seminaren sind dabei wenig formal: Wer etwas weiß oder zu wissen glaubt, wirft es ohne Voranmeldung in die Runde.

Australische Studenten können dabei wunderbar vom Thema abschweifen. Wie eine Diskussion über Crossmedialität in den Medien binnen Minuten zum Erfahrungsaustausch über die gestrige Simpsons-Folge wird, ist bisweilen eine rhetorische Meisterleistung, wird auch von der Dozentin erst Minuten später erkannt und wieder in die richtige Bahn gelenkt.

Hör mal, wer da klickt - Flipper oder ein Hai?

Zudem lohnt es sich, auch mal in andere Fachbereiche reinzuschnuppern. Von einem australischen Freund gebeten, fand ich mich als Experte für deutsche Weltkriegsgeschichte im historischen Seminar wieder. Mein Abiturwissen und die regelmäßige Zeitungslektüre reichten aber dennoch aus, um Dozent und Plenum in eine angeregte Diskussion über deutsche Freikorps und preußisches Junkertum zu verstricken.

Wer ein "guter" internationaler Student sein möchte, der belegt an der UQ gleich einen ganzen Kurs einer anderen Studienrichtung und erweitert so seinen Horizont. Neben meinem Kommunikations- und Politikstudium habe ich mich für den UQ-Klassiker "Marine Biology" entschieden. Der auf internationale Studenten ausgerichtete Kurs, in dem kein einziger Australier saß, dafür aber zu 95 Prozent Amerikaner, umfasste zwei Forschungsexkursionen ins Great Barrier Reef und nach Stradbroke Island vor der Küste Brisbanes.

Die Uni-eigene Forschungsstation auf der Koralleninsel Heron Island wurde von uns genutzt, um ausgiebig zu schnorcheln und die Unterwasserwelt voller Paradiesfische, Rochen und Schildkröten zu erkunden. Es war schon eine bemerkenswerte Begegnung, beim Schnorcheln von Klickgeräuschen überrascht zu werden - und beim Umdrehen nicht Flipper, sondern einem zwei Meter langen Hai ins Gesicht zu schauen. Wegen unserer vagen Beschreibungen ist sich unser amerikanischer Dozent Davey bis heute nicht sicher, ob es sich um einen harmlosen Riffhai oder angriffslustigen Ammenhai handelte. Da war das abendliche Schwimmen mit den großen Loggerhead-Schildkröten bei Sonnenuntergang doch entspannter.

Schwitzen beim Nationalsport "Barbie"

Nationalsport ist in Australien eindeutig das Barbecuegrillen, kurz "Barbie". Wann immer Australier Zeit und Lust haben, füllen sie den Picknickkorb mit viel Fleisch und marschieren ins Freie. In jedem Park und auf jeder Grünfläche stehen als Grundversorgung Münzschlitzgrills bereit, die mit Gas funktionieren. Dieser Tradition bin auch ich gern gefolgt und veranstaltete in unserem "Shared House" regelmäßig Barbie-Abende mit Freunden und Bekannten. Häufigster Gast war dabei unser Haus-Possum, der eigentliche Hausbesitzer. Mit ein wenig Brot vom Grill haben wir so einen treuen Freund gewinnen können.

Gerade Brisbane, das in der Mitte der Ostküste Australiens liegt, eignet sich als idealer Ausgangspunkt für Ausflüge etwa zur nahe gelegenen Moreton Bay, durch die im Juni die Buckelwale auf ihrer Wanderung gen Norden ziehen, oder zu den bekannten Surfstränden um Byron Bay, dem östlichsten Punkt Australiens.

Reisen wird in Australien nie langweilig. Wenn man etwa in die kleine Surferstadt Town of 1770 fährt und abends gemütlich mit Australiern in der Kneipe Live-Musik hört, kann es vorkommen, auf einmal mitten in einen Junggesellenabschied zu geraten. Dass die Herren dann in Frauenkleidern bis zum Umfallen Alkohol trinken und anschließend noch auf die Bühne gehen und tollen "Aussie-Rock" spielen, ist eben auch eine typisch australische Begegnung.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.