Studieren in Brunei Wie der Sultan es wünscht

Schicke Wohnung, Stipendium, Freiflug: Der Allgäuer Christoph, 24, studiert in Brunei. Materielle Sorgen hat er keine mehr, der Staat ist so reich, dass er Jungakademiker großzügig fördert. Doch der Luxus ist teuer erkauft.

Von , Brunei

Marcel Klovert

Chris steht an der Glastür zu seiner Studenten-WG und grinst schief. "Frauen dürfen hier nicht rein, es tut mir leid." Die Aufseher an der Universität in Brunei verbieten, dass eine Frau mittags um zwölf das Zimmer von Christoph Bracks, 24, aus Kempten im Allgäu betritt. Die Geschlechter sind zu trennen, so lautet die Regel im Reich von Sultan Hassanal Bolkiah. Willkommen in Brunei.

Chris studiert in dem winzigen Ölstaat an der Nordküste von Borneo seit vergangenem August Islamwissenschaft und Linguistik auf Master. Er wohnt in einem der acht Türme von "The Core". So heißt das moderne, schicke Studentenwohnheim auf dem Campus. Vier Türme für Männer, vier Türme für Frauen.

Die Universiti Brunei Darussalam hat rund 4500 Studenten, knapp 250 kommen aus dem Ausland. Chris ist einer von denen, die sich die Mühe gemacht haben, ihr polizeiliches Führungszeugnis übersetzen zu lassen und in dreifacher Ausfertigung an die Hochschule zu schicken, mit einem Stapel weiterer Dokumente. Der schlanke, muskulöse Deutsche ließ sein Blutbild analysieren und Herz, Lunge, Augen und Ohren testen, um in Brunei angenommen zu werden.

Er bekam den Flug, ein luxuriöses Zimmer und ein Stipendium von monatlich umgerechnet 380 Euro. "Zum ersten Mal habe ich keine materiellen Sorgen und muss nicht nebenbei arbeiten", sagt er. Der Staat Brunei nimmt so viel Geld mit Erdöl und Erdgas ein, dass er sich großzügig zeigen kann. Kein Einwohner zahlt Steuern oder Sozialabgaben, das Gesundheits- und das Bildungssystem sind kostenlos, ein Liter Benzin kostet weniger als eine Flasche Wasser.

Arabische Bücher sind verboten

Aber die Menschen in Brunei verzichten auch auf vieles. Auf freie Forschung zum Beispiel. Seit 1984 gilt ein Gesetz, das "unerwünschte Publikationen" verbietet. Unerwünscht ist alles, was dem "öffentlichen Interesse und der öffentlichen Sicherheit" zuwiderläuft - eine schwammige Definition, die Zoll-, Post- und Polizeibeamten praktisch freie Hand bei der Zensur lässt. So darf die islamwissenschaftliche Fakultät zum Beispiel keine arabischen Bücher einführen.

Brunei Darussalam ist ein absolutistischer Staat. Seine Bewohner dürfen nicht wählen gehen, das Parlament und die Minister sind praktisch machtlos. Der Sultan ist gleichzeitig Staatsoberhaupt, Regierungschef, Finanzminister, Außenminister, oberster Religionsführer und Kanzler der Universität. Staatsreligion ist der Islam shafeitischer Prägung, er beeinflusst das gesamte öffentliche und kulturelle Leben. Theater oder Museen für Kunst gibt es nicht. Wer den Sultan und seine Familie kritisiert, kann sein Stipendium verlieren, von der Uni fliegen oder im Gefängnis landen.

Auf dem Campus treffen wir deshalb nur Studenten, die sich mit Kritik zurückhalten. "Es ist sicherer, sich zu unterwerfen", sagt Omar Yahya, 27, aus Uganda, der seinen Master in Computing und Neuen Medien macht. Über Politik will er nicht reden, das ändere ja nichts. "Wir kommen her und wissen, dass wir gehorchen müssen. Wem das nicht behagt, der kann wieder gehen."

Ishan Johari, 22, ist in Brunei geboren, und auch er ist vorsichtig. Er feiert zum Beispiel keine Partys mit Alkohol. "Das ist nicht Teil meiner Religion und Kultur", sagt er. Doch vor allem ist Alkohol in Brunei verboten, genau wie Karaokebars und Weihnachtsbäume in der Öffentlichkeit. "Aber das macht mir nichts aus", sagt der Student der Sozialwissenschaft.

Die Herrscher feiern exzessiv

Nur abseits des Campus mit seinen weiß gekachelten Fakultäten, der prunkvollen Moschee und den Palmen am Straßenrand sprechen einige Studenten offener. "Man kann hier das Gefühl bekommen, dass man erstickt", sagt einer, der seinen Namen nicht nennen mag. Der Sultan führt gerade schrittweise die Scharia im Strafrecht ein. Homosexuelle und Ehebrecher können bald zu Tode gesteinigt und Dieben eine Hand abgetrennt werden.

Die fundamentalistische Staatspolitik macht es liberalen Studenten schwer. Aber feiern ist natürlich nicht unmöglich. In der Hauptstadt Bandar Seri Begawan gibt es zwar kein Nachtleben, aber nach Miri in Malaysia sind es drei Stunden im Auto. Auch in den Wohnungen von Ausländern steigen Feten - und bei der Herrscherfamilie. Einige der zwölf Kinder von Hassanal Bolkiah sind bekannt für ihre exzessiven Partys. So zahlte Prinz Abdul Azim auf einer Neujahrsparty Popstar Mariah Carey eine Gage von einer Million Euro, damit sie für ihn drei Lieder sang, berichtete die britische Zeitung "Daily Mail".

Wenn man das Glück hat, auf die Gästeliste solcher Feiern zu rutschen, muss man vorher seinen Namen und seine Passnummer durchgeben, erzählt ein Student. Auf den Partys selbst dürfe man keine Fotos schießen, müsse die Sultanskinder mit "Prinz" und "Prinzessin" anreden und tun, was sich das Geburtstagskind wünscht.

Nahverkehr? Fehlanzeige

423.000 Menschen leben in Brunei, und sie sind es gewöhnt, dass für die Obrigkeit andere Maßstäbe gelten als für sie selbst. Der Sultan gehört mit einem geschätzten Vermögen von 20 Milliarden Dollar zu den reichsten Menschen der Erde, berichtete die Zeitschrift "Focus Money". Doch in seinem Land gibt es keinen funktionierenden Nahverkehr. Busse fahren nur sporadisch, U-Bahnen oder Straßenbahnen überhaupt nicht. Christoph Bracks und die anderen internationalen Studenten ohne eigenes Auto sind deshalb angewiesen auf Einheimische, die sie mitnehmen, denn der Campus liegt 15 Kilometer außerhalb der Stadt.

Glücklicherweise treffen sie täglich auf hilfsbereite Einwohner wie Mas Dino Radin, 25, Studentin der Umweltwissenschaften. "Ach, ich hätte nichts dagegen, Steuern zu zahlen", sagt die kleine, fröhliche Studentin und ergänzt diplomatisch: "Wir könnten unser Bus- und Straßennetz damit weiter verbessern."

Doch der Sultan setzt andere Akzente. Er unterhält einen Fuhrpark mit mehreren Hundert Luxus- und Sportwagen, ließ sich eine Rennstrecke rund um den Palast bauen. Unlängst ließ Seine Majestät einen neuen Sitz für den Premierminister - also für sich selbst - errichten. Seither steht in der pompösen Hauptstadt noch ein Palast mehr, mit Marmorböden, Kristallleuchtern, Springbrunnen und einer Moschee im marokkanischen Stil für tausend Gläubige.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
a-mole 18.06.2014
1. optional
hmmm.. bei einem artikel über einen studenten in Breunei, hätte mich auch sehr das Bildungswesen und dessen Qualität interessiert. Was hat Christoph und andere Studenten dazu bewegt dort zu studieren? Wie es da zugeht, das weiß man ja - dennoch scheint es Gründe zu geben sich so einer Willkürherrschaft auszusetzen. Neben Geld gibt es garantiert noch andere Faktoren. Neugier, verstehen wollen, Abenteuerlust? Und was ist mit der Qualität der Lehre an der Uni? Hätte ich jetzt echt mal spannend gefunden.
collapsar 18.06.2014
2. Rezept für einen weiteren 'failed state'
Die islamische religiösen Fanatiker werden sich selbstverständlich mit den Erlassen des Sultans nicht zufriedengeben und eher früher als später mit den Bemühungen beginnen, sein Regime zu stürzen. Wie diese aussehen, läßt sich auf den geopolitischen Spielplätzen in Afghanistan, Pakistan, Syrien, Libyen, Nigeria, bis vor kurzem Ägypten und seit neuestem Irak besichtigen. Dem wird der Sultan bald nichts mehr entgegenzusetzen haben, insbesondere nicht die Kraft einer offenen und selbstbewußten Bürgerschaft. Sich und seine Famiie wird er dank seiner Milliarden natürlich in Sicherheit bringen können.
gracie 18.06.2014
3. Freiheit hat keinen Preis...
Zitat von sysopMarcel Klovert Schicke Wohnung, Stipendium, Freiflug: Der Allgäuer Christoph, 24, studiert in Brunei. Materielle Sorgen hat er keine mehr, der Staat ist so reich, dass er Jungakademiker großzügig fördert. Doch der Luxus ist teuer erkauft. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/studium-in-brunei-feiern-flirten-und-forschen-verboten-a-972845.html
...dass war schon immer mein Motto. Danch habe schon als Jugendliche gelebt und darauf werde ich auch im Alter nicht verzichten.
Kiste 18.06.2014
4.
Zitat von collapsarDie islamische religiösen Fanatiker werden sich selbstverständlich mit den Erlassen des Sultans nicht zufriedengeben und eher früher als später mit den Bemühungen beginnen, sein Regime zu stürzen. Wie diese aussehen, läßt sich auf den geopolitischen Spielplätzen in Afghanistan, Pakistan, Syrien, Libyen, Nigeria, bis vor kurzem Ägypten und seit neuestem Irak besichtigen. Dem wird der Sultan bald nichts mehr entgegenzusetzen haben, insbesondere nicht die Kraft einer offenen und selbstbewußten Bürgerschaft. Sich und seine Famiie wird er dank seiner Milliarden natürlich in Sicherheit bringen können.
Nun, in den genannten Staaten sind die jungen Männer arbeitslos und arm, hier werden alle versorgt. Allerdings frage ich mich, ob das Verbot von Sex nicht letztendlich zum Scheitern dieses Modells führt. Andererseits: die DDR ist auch gescheitert, obwohl alle versorgt waren und Sex und Alkohol reichlich vorhanden waren.
keinheiliger 18.06.2014
5. Da
lernt Christoph ja mal die große, weite Welt kennen. Aber vielleicht lernt er ja daraus. Ich würde dort nicht für 3800 € studieren wollen. Das ist irgendwie Nordkorea mit Sonnenkönig und Moschee , aber wohl besserem Wetter und Verpflegung.
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