Studium in Buenos Aires "Gott ist Argentinier"

Im Auto vertraut man auf himmlischen Beistand, an der Uni von Buenos Aires geht's entspannt zu. Austauschstudent Christoph Kölling hat sich damit angefreundet. Nur beim Fußball ist Schluss mit lässig - noch heute wurmt Argentinier der "verfluchte Lehmann mit seinem Zettel".

Von Benjamin Loy


"Díos es argentino", antworten die Porteños, die Bewohner von Buenos Aires, wenn man sie fragt, warum sie beispielsweise nie einen Sicherheitsgurt anlegen oder sich ohne Helm auf dem Motorrad durch den Verkehr auf der neunspurigen Avenida 9 de Julio schlängeln.

Auch an der Universität nimmt man's mit Pünktlichkeit und Ordnung nicht so genau. Am Anfang wunderte sich Christoph Kölling, 24, aus Karlsruhe noch darüber. Mittlerweile hat er sich aber daran gewöhnt, dass der Dozent gern mal eine Stunde zu spät kommt oder die Vorlesung gleich ganz ausfällt. Auch sonst unterscheidet sich das Instituto Tecnológico de Buenos Aires, kurz ITBA, von seiner Heimatuni in Karlsruhe. Den Wachdienst am Eingang kann man nur mit Chipkarte passieren, die Kurse sind sehr klein.

Das liegt wohl daran, dass das ITBA in der Nähe des schicken Hafenviertels Puerto Madeiro insgesamt nur 1300 Studenten, aber einen hervorragenden Ruf als Kaderschmiede für Nachwuchsingenieure hat. Daher betrachten es die Dozenten, die fast alle in der freien Wirtschaft tätig sind, als Ehre, die Studenten zu unterrichten. Die stammen zu einem Großteil aus der dünnen argentinischen Oberschicht - kein Wunder bei 600 Euro Semestergebühren, die für einheimische Verhältnisse extrem hoch sind. "Da wird am Wochenende auch gern mal in Papas Luxusvilla eingeladen", erzählt Kölling und runzelt die Stirn.

"In Deutschland läuft das ja alles perfekt..."

Während die Elitestudenten mit ihren dicken Autos vorfahren, schleicht vor der Uni ein cartonero, ein Papiersammler, mit seinem Eselskarren vorbei. Noch immer spürt man fast überall in der Stadt die Auswirkungen der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise, die das südamerikanische Land 2001 erschütterte und ganze Bevölkerungsschichten in die Armut stürzte.

Als arrogant, hysterisch und laut werden die Porteños von den übrigen Argentiniern oft bezeichnet. Zumindest das mit der Lautstärke trifft zweifellos zu, wie Kölling schmunzelnd erklärt: "Da denkt man manchmal, zwei Leute hätten den dicksten Streit, dabei diskutieren sie nur fröhlich über Fußball." Trotzdem hört beim Nationalsport für viele der Spaß auf, was der deutsche Austauschstudent auch schon zu spüren bekam: "Der verfluchte Lehmann mit seinem Zettel", hadern die Argentinier noch immer mit der letzten WM.

Ansonsten aber seien seine Kommilitonen wie fast alle Porteños sehr aufgeschlossen gegenüber Fremden und hätten vor allem von Deutschland ein manchmal fast romantisches Bild. "Ihr müsst wissen, in Deutschland läuft das ja alles perfekt…", schwärmen die Professoren häufig im Unterricht.

Kann der Deutsche Tango?

Der ist trotz aller Lockerheit sehr anspruchsvoll und praxisnah. So zerlegen die angehenden Ingenieure in Kleingruppen in der unieigenen Werkstatt zum besseren Verständnis schon mal Motoren und Getriebe. Allgemein sei auch das Verhältnis zu den Lehrenden wesentlich entspannter als in Deutschland: "Viele Professoren duzen ihre Studenten, die sie als ihre chicos, ihre Jungs, ansehen."

Außerhalb der Uni sind die Argentinier fast immer zum Feiern aufgelegt, besonders wenn es um die asados geht. Dann versammeln sich alle um den Holzkohlengrill, um wahre Berge des berühmten argentinischen Rindfleischs zu essen - dank Regierungssubventionen ist es auch für arme Argentinier erschwinglich. Anschließend kreist der Matetee, den alle Porteños samt Warmhaltekanne den ganzen Tag mit sich herumtragen.

Und auch die Gitarren dürfen niemals fehlen - die Argentinier sind leidenschaftliche Sänger. Zur Leidenschaft ist für Christoph Kölling auch längst Buenos Aires geworden, was der aus einem 2500-Seelen-Dorf stammende Saarländer anfangs nicht gedacht hätte.

Nur für eine so typisch argentinische Sache hat er bisher noch keine Zeit gefunden: "Einen Tangokurs würde ich doch noch gern machen", verrät er. Ob er keine Angst vor den talentierten argentinischen Tänzerinnen habe? "Manchmal ist Gott ja auch Deutscher", sagt er und lacht.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.