Studium in Coimbra Die Untaten der Taufpaten

Coimbra ist die traditionsreichste Hochschule Portugals - in jeder Hinsicht. Richtig geht die Lernerei erst Ende Oktober los. Vorher nehmen Trinkgelage und gemeine Rituale für Erstsemester alle zu sehr in Anspruch. Die Studenten haben die Stadt fest im Griff.

Von

Nelson dAires

An ihre erste Begegnung mit den örtlichen Gebräuchen denkt Katharina Kunstmann mit Befremden zurück: Von ihrem Zimmer aus konnte sie beobachten, wie in einem Café am Platz vorm Haus eine Gruppe Studenten einem jüngeren Kommilitonen ein Glas Wein nach dem anderen aufzwang. Am Ende konnte er sich kaum auf dem Stuhl halten, doch die anderen nötigten ihn immer noch, weiterzutrinken.

Die 23-jährige Jurastudentin aus München wollte hinuntergehen und eingreifen, doch ihre Vermieterin hielt sie zurück: Das könne sie nicht machen, die Tradition gehe in Coimbra über alles. Und zur Tradition gehöre es eben auch, Studienanfänger sturzbetrunken zu machen. "Da sind die Studenten hier fast ein bisschen verbissen", sagt Katharina Kunstmann.

Das sind die Kommilitonen in Coimbra ansonsten eher nicht, und deswegen nimmt Kunstmann, wenn auch widerwillig, das Ritual inzwischen hin. Sie hat ein Jahr als Erasmus-Entsandte hier verbracht, nun ist sie für zwei Wochen zurückgekehrt, aus Sehnsucht nach der Stadt und - ihrem brasilianischen Freund, den sie dort kennengelernt hat. "Wenn ich könnte, würde ich mein ganzes Studium hierherverlegen", sagt sie.

"Coimbra lebt überwiegend für die Uni"

Dabei kam Kunstmann eher aus Zufall nach Coimbra. Eigentlich wollte sie ihr Auslandsjahr nicht in Portugal, sondern in Frankreich verbringen. Doch der Auslandskoordinator ihrer Fakultät stimmte sie um. Das portugiesische Recht baue auf dem deutschen auf, argumentierte er, zudem genieße die juristische Fakultät in Coimbra einen ausgezeichneten Ruf.

Den beansprucht die ganze Universität für sich. Coimbra, etwa 200 Kilometer nördlich von Lissabon gelegen, ist die älteste Uni des Landes und eine der ältesten in ganz Europa: Sie wurde im Jahr 1290 gegründet. "Studenten sind in Portugal sehr angesehen", erzählt Katharina Kunstmann. "Nicht so wie in Deutschland, da gelten wir ja manchen als Gammler."

Selbst wenn die rund 100.000 Bewohner Coimbras wollten, sie könnten der Universität und ihren fast 22.000 Studenten nicht entgehen. Die Gebäude der acht Fakultäten verteilen sich auf die ganze Stadt, die meisten thronen auf einem Berg in der Mitte. Und morgens schlägt im Turm neben der juristischen Fakultät eine Glocke mit dem Spitznamen "Ziegenbock", um den Uni-Tag einzuläuten. "Die Stadt lebt überwiegend für die Uni", sagt der 24-jährige Wirtschaftsstudent Luis Beato Nunes.

Studenten aus 71 Ländern im mittelalterliche Touristen-Mekka

Das schätzen auch die Gaststudenten aus 71 Nationen, die hier eingeschrieben sind, und Scharen von Touristen, die jeden Tag die mittelalterlichen Gemäuer besichtigen. Die barocke Bibliothek oder die Jurafakultät zum Beispiel, mit einer Treppe, breit wie eine Straße, und Säulen, hoch wie die griechischen Tempel. Drinnen in den Hörsälen schmücken feine Malereien die Decken und blau-weiße Kacheln die Wände. An Festtagen und zu einigen anderen Gelegenheiten schreiten die Studenten in traditionellen Uniformen - weiße Bluse, schwarzer Anzug, Schlips und Umhang - über den mit Mosaiken verzierten Vorplatz zur Universität.

Doch Coimbra erstarrt nicht in seiner Tradition. Die Stadt ist ungeheuer vital, auf den Gassen und Plätzen, in Dutzenden von Cafés und Restaurants tummeln sich Studenten und Familien, Einheimische und Besucher. Die Preise laden ein zu einem Leben außerhalb der Studentenbude: Ein Bier während der Happy Hour kostet 50 Cent, ein Kaffee 90 Cent und ein Sandwich 2 Euro. Auch für ihr Zimmer hat Katharina Kunstmann nur 200 Euro im Monat gezahlt - bar auf die Hand von Dona Rosa, der Vermieterin; einen Vertrag gab es nicht. Zwar funktionierten in dem Haus, in dem 30 Leute wohnen, nur zwei von fünf Badezimmern, und besonders sauber war es auch nicht. Aber dafür nahm Dona Rosa, die Vermieterin, sie gleich in den Arm und rief: "Willkommen in der Familie!" Danach hieß sie nur noch "meine Tochter".



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