Studium in Finnland Nicht ohne meinen Overall

Spinnen die Finnen? Das nordische Studentenleben kennt sonderbare Rituale: Erstsemester werden in Eiswasser getunkt, dann dürfen sie wieder in ihre Overalls mit vielen Aufnähern schlüpfen. Bei Partys erkennt man am Einteiler das Studienfach. Güldene Regel: niemals waschen.

Von Christian Werner, Tampere


Thomas Olsson, 26, posiert mit stolz geschwellter Brust auf dem Campus der Technischen Universität Tampere (TUT). Die Arme in die Hüften gestemmt, blinzelt er mit erhobenem Haupt in die Sonne. Fürs Foto hat sich der Doktorand herausgeputzt: Anstelle eines Anzugs trägt er einen blütenweißen Overall.

Braucht die Uni etwa einen neuen Anstrich? Olsson grinst und schüttelt den Kopf, auf dem er eine Art Schaffnermütze trägt, daran baumelt eine übertrieben große Quaste. "Das", sagt er, "ist die typisch finnische Studentenkluft."

Overalls gibt es an fast allen finnischen Hochschulen. Jede Fachschaft und jeder studentische Verein hat eine eigene Farbe, die Ganzkörperanzüge sind auf dem Campus Erkennungsmerkmal und Identitätsstifter. An der TU in Tampere, im Südwesten Finnlands, gibt es 13 Farben für Studienrichtungen und noch ein paar mehr für Campus-Vereine. Olsson hat gleich zwei Overalls: einen weißen vom Verein, der Auslandsexkursionen organisiert und den schwarzen der Informatikstudenten.

Schweden erfanden den Saubären-Overall

Studenten aus Tampere führten angeblich als erste die Tradition Mitte der sechziger Jahre in Finnland ein. Juha Suvanto von der Student Union weiß, woher der Brauch kommt: "Die ersten Overalls gab es Anfang der sechziger Jahre in Schweden an der Königlichen Technischen Hochschule Stockholm." Die Schweden, so Suvanto, suchten angeblich eine funktionale Kleidung für ihre wilden Partys. Bald schwappte die Mode auf die skandinavischen Nachbarländer über.

Die Overalls gehören nicht zur offiziellen Uni-Etikette und sind auch keine Form einer nordischen Hörsaal-Uniform. Im Gegenteil. Die verschieden farbigen Blaumänner fungieren als bequeme Überzieher über der normalen Kleidung, vor allem auf Partys. Die Uni schmückt sich trotzdem mit der Studententradition. Auf Plakaten, die für ein Studium in Tampere werben, tragen Studenten die typischen weiß-schwarzen Mützen mit der Quaste.

"Am Anfang dachte ich, das wäre hier eine Art Burschenschaft", sagt Benjamin Söllner, 21. Der Student von der TU Dresden verbringt zwei Auslandssemester in Tampere. Vor allem die Mützen nährten seinen Verdacht. Als in der Einführungswoche an der TUT dann jeder freiwillig einen Overall trug, hatte der deutsche Student bald auch einen. Benjamin geht seitdem in der Farbe seines Studienfachs Medieninformatik: grau in grau.

Nur eine Kappe fehlt Benjamin zur waschechten finnischen Unikluft. Knapp 100 Euro muss man dafür berappen, ganz schön viel für eine chronisch leere Studentengeldbörse. Die Overalls dagegen sind für Erstsemester meistens kostenlos. Möglich macht das ein ausgeklügeltes Sponsoring von Firmen, die zum jeweiligen Studiengang passen. So prangt auf Benjamins grauem Einteiler in großen Buchstaben der finnische Handygigant Nokia.

Pimp my Overall - mit Nadel und Faden

Doch Overall ist nicht gleich Overall - auf die Aufnäher kommt es an. Die können Studenten beim Besuch von Partys sammeln, bei Sportveranstaltungen, für ihre Vereinsmitgliedschaften, von anderen Unis oder von Firmen. Zwei bis zehn Euro kosten solche Stoffflicken, oft sind sie zugleich Eintrittskarten. Dann heißt es "Pimp my Overall", mit Nadel und Faden.

In seinem Overall sieht Benjamin aus wie ein Formel-1-Pilot auf der Höhe seiner Werbeverträge. Von einem Jahr finnischem Studentenleben zeugen gut 20 Aufnäher. Eine übliche Ausbeute, doch finnische Studenten liefern sich schon mal Wettkämpfe um die meisten Aufnäher. "Je mehr man hat, umso höher das Ansehen", so Thomas Olsson. Einer seiner Kommilitonen trägt zum Overall inzwischen einen kompletten Umhang - er hatte einfach zu viele Aufnäher.

Das Geschäft mit der Studententradition blüht. Einige Firmen haben sich auf die Herstellung der Overalls spezialisiert, inklusive Werbe-Aufdruck, sagt Studentenvertreter Suvanto. Kein Wunder: Finnland verzeichnet rund 300.000 Studenten, alles potenzielle Overall-Träger. Allerdings kaufen fast nur Studienanfänger einen Ganzkörperüberzieher, das Teil hat man sein Leben lang.

"Ein guter Student ist auch ein guter Trinker"

Für die freiwillige Kollektiv-Uniformierung haben die Finnen keine Erklärung. "Eigentlich sind wir Individualisten, wie alle Skandinavier", so Olsson. Ein praktischer Nutzen liegt in der Natur der Overalls als Schmutzfänger - weniger für Motoröl als für Alkoholika. In Finnland gehöre Trinken zur Kultur, nicht nur auf dem Campus, sagt Benjamin. In der Öffentlichkeit würden die Overalls deshalb oft mit Alkohol in Verbindung gebracht. Doktorand Olsson sagt es so: "Ein guter Student ist auch ein guter Trinker."

Größter Härtetest für Studenten und ihre Overalls ist das finnische Volksfest Vappu am 1. Mai. Zwei Wochen lang stimmen sich die Studenten in Tampere darauf ein. Zum Höhepunkt um Mitternacht setzen sie einer Frauenstatue eine übergroße Studentenkappe auf, dann knallen die Sektkorken. Schon Stunden zuvor ziehen die Studenten feiernd in ihren Overalls und mit selbstgebauten Figuren durch die Innenstadt. Ihr Ziel: die Stromschnellen zwischen den beiden Seen in der Stadtmitte.

Dort werden die Erstsemester im eiskalten Wasser getauft. Der Krankorb bleibt im Wasser, "bis keiner mehr schreit", versichern Beobachter. Das Ritual ist beliebt, inzwischen braucht man zwei Kräne, um die Massen zu Wasser zu lassen. Auch der alte Rektor und sein Nachfolger nahmen letztes Jahr ein Bad im Fluss.

Für die Taufe dürfen die Erstsemester ihre Overalls ausziehen. Denn es gibt ein ungeschriebenes Gesetz: Ein Overall darf niemals gewaschen werden.

Benjamin würde bei massivem Fleckenteufel-Alarm trotzdem zum Waschmittel greifen. "Ein bisschen verrückt ist das alles hier schon", sagt der deutsche Student. Aber so seien die Finnen eben, im Alltag eher still und zurückhaltend, um dann zu überraschen und sich keine Gedanken zu machen, was die anderen darüber denken. "Wie die Band Lordi beim Grand Prix."

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