Sexismus an indischer Uni Frauen müssen weiter draußen bleiben

Eine Universität in Indien untersagt Studentinnen in ihrer Bibliothek den Zutritt. Der Bann wurde jetzt verlängert, die neueste Begründung ist absurd: Wären Frauen in dem Lesesaal, könnte das noch mehr männliche Leser anlocken.

Studentinnen in Indien: In der Hauptbibliothek der Aligarh-Universität haben Frauen keinen Zutritt
AP

Studentinnen in Indien: In der Hauptbibliothek der Aligarh-Universität haben Frauen keinen Zutritt


Frauen müssen draußen bleiben: Eine indische Universität verweigert einem Teil ihrer Studentinnen weiter den Zutritt zur Hauptbibliothek, der Maulana Azad Library. "Wenn wir Frauen in die Bibliothek lassen, werden viermal so viele Männer kommen", sagte Zameeruddin Shah, der Vize-Rektor der islamischen Aligarh-Universität (AMU) im Bundesstaat Uttar Pradesh. Bildungsministerin Smriti Irani ordnete am Dienstag eine Untersuchung der Regeln der Aligarh-Universität an.

Bislang dürfen alle Studenten sowie alle Master-Studentinnen die Bibliothek benutzen, nicht aber Bachelor-Studentinnen. Shah erklärte, es gebe nicht ausreichend Platz für alle. "Unsere Bibliothek ist brechend voll. Nicht einmal die Männer haben Platz zum Sitzen." Die etwa 2500 Bachelor-Studentinnen dürfen nur in der Bibliothek neben ihrem zwei Kilometer entfernten Frauen-College lernen und Bücher leihen, nicht aber die 1,4 Millionen Bände vorhaltende, besser ausgestattete Hauptbibliothek.

Auch von der Leiterin des Frauen-Colleges der AMU erfahren die Bachelor-Studentinnen keine Solidarität. Naima Gulrez sagte laut "Times of India", sie verstehe zwar, dass die Frauen Zutritt verlangen. An die Studentinnen gewandt sagte sie jedoch: "Habt ihr jemals die Bibliothek gesehen? Sie ist überfüllt mit Männern. Wenn auch noch Frauen anwesend wären, könnten Disziplinprobleme entstehen."

Inzwischen versucht die renommierte AMU laut "Indian Express" zu beschwichtigen: Frauen hätten schon seit Bestehen der Bibliothek keinen Zutritt, also seit 1960. Überhaupt gehe es nicht um Sexismus, sondern eben nur um Platzmangel. Für die Frauen ist das kein schlagendes Argument. Studentenvertreterin Gulfiza Khan sagt: Wenn es tatsächlich nur ein Platzproblem sei, dann würden sie auch darauf verzichten, in der Bibliothek zu sitzen und die Bücher der renommierten Hauptbibliothek entleihen.

fln/dpa



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insgesamt 4 Beiträge
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Sibylle1969 11.11.2014
1. So, so...
Wieder einmal sollen Frauen dafür büßen, dass manche Männer sich nicht zu benehmen wissen. Gibts ja leider nicht nur in Indien... Wenn wirklich nur Platz das Problem ist, dann könnte man es auch so lösen, dass z.B. montags nur die Studenten reindürfen, deren Name mit A-E beginnt, dienstags F-J usw. Ein klarer Fall von Frauendiskriminierung. Männliche Bachelorstudenten dürfen rein, aber weibliche nicht. Ist sicher auch ein Nachteil im Studium.
muffelkopp 11.11.2014
2. Unfassbar
Zitat von Sibylle1969Wieder einmal sollen Frauen dafür büßen, dass manche Männer sich nicht zu benehmen wissen. Gibts ja leider nicht nur in Indien... Wenn wirklich nur Platz das Problem ist, dann könnte man es auch so lösen, dass z.B. montags nur die Studenten reindürfen, deren Name mit A-E beginnt, dienstags F-J usw. Ein klarer Fall von Frauendiskriminierung. Männliche Bachelorstudenten dürfen rein, aber weibliche nicht. Ist sicher auch ein Nachteil im Studium.
Ich, männlich und einigen oder vielen hier sicher total unsympathisch, gebe Ihnen vollkommen recht. Ist beknackt wie die Begründung, warum Frauen im Iran nicht in Stadien dürfen (aktuell: Volleyball-Spiel im Stadion sehen). "Die offizielle Begründung: um sie vor dem Verhalten männlicher Fans zu schützen." http://www.spiegel.de/panorama/iran-ein-jahr-haft-wegen-eines-volleyballspiels-a-1000610.html Es ist unfassbar, mit welch absurden Gründen patriarchalische Gesellschaften Frauen unterdrücken - und hier beschäftigen wir uns mit dem "#Aufschrei", welcher berechtigt, aber unter dem Strich ein Luxusproblem ist.
Ulrike E. 11.11.2014
3. Fragwürdig,
es steht zwar im Artikel, dass den Frauen direkt *neben* ihrem College auch eine Bibliothek zur Verfügung steht, die hauptsächlich für die *Bachelorstudentinnen* gedacht ist. Nur es bleiben wie immer Fragen offen: Z.B. ist es möglich, aus der Hauptstelle Bücher und Materialien in die Zweigstelle zu transferieren? Darauf geht der Artikel nicht ein. Ebenso bleibt die Frage offen, wie viele Studenten die Universität besuchen. Platzmangel kann es dennoch geben. Es bleibt merkwürdig und selbst wenn es seit der Gründung der Universität gilt, sollte man evtl. überlegen, ob man diese Regel überarbeiten kann. @muffelkopp: Moment, Frauen dürfen bei Sportveranstaltungen in die Stadien in Iran gehen, wenn die *Frauenmannschaften* spielen. Die besagte Dame, die sie ansprechen, wusste dass dieses Gesetz existiert und hat sich *bewusst* darüber hinweg gesetzt. Vermutlich dachte sie, "britische Staatsbürgerschaft, mir kann nichts passieren." Man kann gegen diese Gesetze sein, aber ähnliche Bestimmungen galten z.T. bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts auch in Europa.
quark@mailinator.com 12.11.2014
4. Ja, aber ...
Ich vermute mal, daß Männer nicht in die Bibliothek des genannten Frauen-College dürfen. D.h. Studentinnen finden in den ersten Studienjahren die dafür nötige Literatur dort vor. Sobald sie mit ihrer Ausbildung weiter sind und genug Wissen haben, um die große Bibo zu brauchen, können sie die auch nutzen. Die männlichen Bachelor-Studenten, welche die Bibo des Frauen-College nicht nutzen können, haben in der überfüllten Uni-Bibo vermutlich die schlechtere Situation in ihren ersten Jahren an der Uni. Komisch, daß niemand von Sexismus spricht, wenn es um die für Männer geschlossene Bibo des Frauen-College geht.
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