Studium in Israel Wo Araber und Juden den Dialog lernen können

Seit einer ihrer Studenten Israels Ministerpräsidenten Rabin ermordete, wehrt sich die Universität Bar-Ilan gegen den Ruf als Kaderschmiede radikaler Spinner. An der religiösen Hochschule bei Tel Aviv lernen Juden und Araber gemeinsam, vor allem die Fähigkeit zum Dialog. Die Uni scheint programmiert für Konflikte - und deren Lösung.


Wenn in Jerusalem oder Haifa wieder ein Selbstmordattentäter eine Bombe hochgehen lässt, setzt Sehawit Groß, 38, auf "kontrollierte Eskalation". So nennt die Pädagogin das Instrument der Gruppendynamik, mit dem sie an der Bar-Ilan-Universität (BIU) in Ramat Gan bei Tel Aviv Workshops mit jüdischen und arabischen Studenten moderiert. Als im vergangenen März der Golfkrieg drohte, waren die Fähigkeiten der Dozentin besonders gefordert. "An einem Mittwochabend, einen Tag bevor der US-Angriff auf den Irak begann, wurden wir in Rundfunk und Fernsehen aufgefordert, unsere Gasmasken auszupacken und in den nächsten Wochen bereitzuhalten."

Natürlich erschienen zum Workshop am nächsten Tag muslimische und jüdische Studierende mit ihren Masken unter dem Arm. Sehawit Groß: "Ich habe dann gefragt, wie sich denn alle bei der Aufforderung im Radio gefühlt hatten, und eine arabische Studentin bekannte: 'Ich habe zu Gott gefleht: Hilf Saddam, er ist dein Sohn!'" Im Seminar brach daraufhin ein Tumult aus, geschockte Juden bezeichneten Saddam Hussein als Massenmörder, arabische Kommilitonen nannten George Bush einen Kriegsverbrecher. Der Ausbruch der Emotionen war der Dozentin gerade recht. "Wir brauchen in unseren Gruppen Platz für Authentizität und streitbare Kommunikation", sagt Groß, "unsere Aufgabe als Leiter ist es, diese Auseinandersetzungen von persönlichen Vorwürfen freizuhalten und sie hinterher wieder zu kanalisieren."

Die Bar-Ilan-Uni scheint programmiert für Konflikte - und deren Lösung. Die Hochschule mit stark ausgeprägter jüdisch-religiöser Grundhaltung zieht wegen ihrer akademischen Qualitäten auch viele Israelis arabischer Herkunft an. Mit knapp 30.000 Studenten ist sie die am stärksten wachsende Universität des Landes. Verständnis und Dialog in einem heillos zerstrittenen Klima zu fördern gehört hier zum Lehrauftrag. "Die israelische Gesellschaft ist gespalten - in säkulare und religiöse Juden, in Juden und israelische Araber. Hinzu kommt noch der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern", sagt Pädagogikprofessor Jaakow Iram, an dessen Institut Groß ihre Workshops veranstaltet. Seine Professur, der "Dr.-Josef-Burg-Lehrstuhl für die Erziehung zu Ethik, Toleranz und Frieden", wurde just in jenem Jahr gegründet, das für Bar-Ilan das bitterste in der fast 50-jährigen Geschichte war: Am 4. November 1995 ermordete der Bar-Ilan-Student Jigal Amir den israelischen Ministerpräsidenten Jizchak Rabin. "Das war eine Tragödie für uns", sagt Doron Schlesinger, Europa-Direktor der Universität. Denn damit hatte Bar-Ilan den Ruf als religiöse Kaderschmiede radikaler Spinner weg - und müht sich seither, das Gegenteil zu beweisen.

"Allein kann ich Palästina sowieso nicht befreien"

Trotz Terrors und kriegsähnlicher Zustände in den besetzten Gebieten wirkt der Universitätsalltag erstaunlich normal. Zwar kontrollieren an jedem Eingang zum Campus bewaffnete Sicherheitsleute die Taschen, und auf das Gelände dürfen nur registrierte Fahrzeuge von Hochschulangehörigen. "Aber deswegen können wir doch nicht aufhören zu leben", sind sich die Studierenden einig. "Natürlich weiß ich, dass ich als Muslim eigentlich den Auftrag habe, Israel zu bekämpfen", grinst ein arabischer Student vielsagend, "aber allein kann ich Palästina sowieso nicht befreien, da lebe ich lieber so, wie ich will, und kümmere mich um eine ordentliche Ausbildung."

Als "Oase der Harmonie innerhalb der tief gespaltenen israelischen Gesellschaft" stellt sich die Hochschule dar, sie will "Brücken bauen". Gerald Steinberg, Leiter des Studien- und Forschungsprogramms für Konfliktmanagement und Verhandlungsführung, meint: "Letztlich geht es darum, aus den Begegnungen zwischen Angehörigen völlig verschiedener Lager die Emotionen rauszunehmen und sie erst einmal spüren zu lassen, dass es überhaupt möglich ist, miteinander zu reden." Nicht ohne Stolz verweist er darauf, dass unter anderem ein jordanischer Diplomat, aber auch israelische Militärs zu den ehemaligen Studenten im Bereich Konfliktmanagement gehören.

Kurse mit dem "jüdischen Zeug" für alle

Dass in den BIU-Seminaren genau die zusammenkommen, die sich sonst nicht unbedingt über den Weg laufen, ist Programm. "Wer in Bar-Ilan studiert, muss von Anfang an auf Überraschungen gefasst sein", sagt Psychologiestudent Oded Karew, 27. Der Israeli besuchte eines der größten Begegnungsprojekte, das die BIU anbietet. 4000 Studenten haben bereits an diesem "religiös-säkularen Dialog" zwischen Kippa-Trägern und bekennenden Atheisten teilgenommen, 700 neue Studierende kommen jedes Jahr hinzu.

"Die vielen Kippa-Träger hier, das war für mich am Anfang schon beängstigend", erinnert sich Oded. Der angehende Psychologe hatte sich die Bar-Ilan-Universität zunächst nämlich nur ausgesucht, "weil das die nächstgelegene Hochschule für mich war und das Niveau meines Fachs hier ziemlich hoch ist". Dafür war er bereit, auch an eine, wie er fand, "sehr religiöse" Hochschule zu gehen. Ein bisschen ärgerlich sei es anfangs für ihn gewesen, dass er hier jedes Semester zwei Pflichtkurse mit "jewish stuff", mit jüdischem Zeug, belegen musste: "Das war nicht meine Welt." Vier Semester dauerte es, bis Odeds klare Weltsicht erste Risse bekam - dann meldete er sich für den Dialog-Workshop zwischen Religiösen und Säkularen an.

Seinem Kommilitonen Eitan Kaspi, 27, aufgewachsen in einem tief gläubigen Dorf, erschien das Studentenleben in Bar-Ilan dagegen "als nicht sehr religiös", schließlich waren in den Image-Broschüren der Hochschule nicht nur Fotos von jungen Jüdinnen mit orthodoxer Kopfbedeckung, sondern auch von Studentinnen mit Hosen und bauchfreien Tops. "In meiner Kindheit gab es immer zwei klare Lager", erzählt Eitan, "auf der einen Seite wir, die Religiösen mit dem richtigen Weltbild, und dann die anderen, denen alles egal war."

Arabische wie jüdische Klischees wanken

Entsprechend selbstsicher ging Eitan zum ersten Treffen des Workshop - und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auch Oded und dessen Freunde, stellte er fest, "sind ja Menschen und nicht nur Abziehbilder eines Klischees".

Die Araberin Ichlas, 21, und die Jüdin Schira, 22, trennen eigentlich Welten - und ausgerechnet an einer jüdisch-religiösen Hochschule nahe der weltlichsten aller israelischen Städte, Tel Aviv, kommen sie sich näher. "Araber habe ich vor dem Studium nur im Fernsehen gesehen", sagt Schira, die israelische Regionalwissenschaften studiert. Sie kommt aus einer stark religiös geprägten Umgebung und heiratete einen Mann aus einer jüdischen Siedlerfamilie im Westjordanland. Zum Studium zog das Paar aus dem unsicheren Intifada-Land ins Studentenwohnheim auf dem Campus - weg aus den palästinensischen Gebieten, aber hin zu arabischen Kommilitoninnen wie Ichlas.

Die stammt zwar aus dem israelischen Kernland und hatte immer schon auch einen israelischen Pass. Aber dass sie Kopftuch trägt und zu Hause nur Arabisch spricht, ist für die junge Muslimin selbstverständlicher Bestandteil ihrer Kultur. "Ausgerechnet Bar-Ilan - das sind doch radikale Juden, überleg dir das noch mal", warnten sie einige Freunde. In ihren Studienfächern Erziehungsberatung und Literaturwissenschaften ist sie die einzige Araberin ihres Jahrgangs. "Natürlich hatte ich vorher große Angst, hierhin zu kommen", erzählt Ichlas, "aber mittlerweile kann ich das wirklich weiterempfehlen."

Kaum noch Studenten aus Deutschland

Die akademischen Lehrer mischen sich durchaus aktiv in die brisante Diskussion über die Zukunft der palästinensischisraelischen Beziehungen ein. Motti Kedar, 50, Leiter der arabischen Abteilung der BIU und selber religiöser Jude, schreibt zum Beispiel Artikel zum Nahost-Konflikt in Zeitungen der besetzten Gebiete und liefert sich dort heftige Debatten etwa mit einer bekennenden Hamas-Anhängerin aus dem Gaza-Streifen. Seine Erfahrung: "Die politischen Diskussionen sowohl unter den arabischen Israelis als auch unter den Palästinensern sind viel differenzierter, als das normalerweise dargestellt wird."

Gern würden die Professoren von Bar-Ilan auch den Dialog zwischen Deutschen und Israelis intensivieren - doch es fehlt an Partnern. "Über Juden forschen will jeder, mit ihnen forschen und ihnen in die Augen sehen kaum noch jemand", sagt Miriam Gillis-Carlebach. Sie leitet das Joseph-Carlebach-Institut für zeitgemäße jüdische Erziehung, benannt nach ihrem Vater, dem von den Nazis ermordeten letzten Hamburger Oberrabbiner.

"Vor ein paar Jahren hatten wir einen Offizier der deutschen Armee hier, der seine Dissertation bei uns geschrieben hat", berichtet Gillis-Carlebach. Der Student der Bundeswehr-Universität in Hamburg hatte über Joseph Carlebach geforscht. Doch mittlerweile kämen Studierende aus Deutschland so gut wie gar nicht mehr nach Ramat Gan, sagt die Pädagogik- und Soziologieprofessorin enttäuscht. "Vielleicht hat Mami ihnen gesagt, dass das zu gefährlich ist."

ARMIN HIMMELRATH



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