Studium in Südafrika Rassismus im Paradies

Tauchen im Indischen Ozean, Sonnenuntergang auf dem Tafelberg, Weinproben an der Uni - VWL-Student Alexander Schwan, 21, fühlt sich in Südafrika wie im Paradies. Die Kehrseite: Täglich erlebt er krassen Rassismus seiner weißen Kommilitonen.


Die Kulisse ist fast unfassbar schön. Die Sonne scheint, gleich hinter dem Uni-Gebäude strecken sich grüne Weinplantagen auf den Ausläufern mächtiger Berge. Die Stimmung auf dem Campus ist weniger idyllisch. Weiße Studenten stehen in Gruppen und lassen farbige Kommilitonen links liegen. Sätze wie: "Ich höre keine Rapmusik, die ist von Schwarzen gemacht" verderben mir die Stimmung.

Der Rassismus ist hier jeden Tag spürbar. Und das in einem Land, das die Rassentrennung 1994 offiziell abgeschafft hat. Südafrika ist Paradies und Hölle zugleich.

In Stellenbosch, wo ich seit Juli für ein Semester Volkswirtschaft und Politik studiere, dreht sich alles um Wein. Shiraz, Merlot, Pinotage, hier werden Spitzentropfen angebaut. Die Uni bildet Star-Winzer aus. An der Wine-Faculty habe ich die Grundlagen des Weintestens und der Weinproduktion kennen gelernt. Abends bei Straußenfilet und Cabernet Sauvignon dem Plätschern des Wassers am Eerste River lauschen und den vom Sonnenuntergang rot erstrahlten Tafelberg am Horizont ausmachen - das ist der paradiesische Teil.

"Ja, ich bin rassistisch!"

Aber da ist noch die andere, hässliche Seite Stellenboschs. Die Eliteuni wird wegen ihrer schönen, alten Gebäude und der Qualität der Ausbildung als "Harvard Afrikas" bezeichnet. Bis 1994 war die Universität ausschließlich für Weiße zugänglich, und viele Studenten verhalten sich, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Mehr als zehn Jahre später sind immer noch 80 Prozent der Studenten weiß. Rassismus gehört weiterhin zum Alltag. "Die Kriminalität auf den Straßen ist der Preis für die Demokratie", so reden die Maties, wie die Stellenboscher Studenten genannt werden. Oder geben ganz offen zu: "Ja, ich bin rassistisch!"

Die Uni versucht krampfhaft, Afrikaans - die Sprache der weißen Bevölkerung - als einzige Unterrichtssprache im Grundstudium beizubehalten. Auch im Alltag der Stadt ist die Rassentrennung immer noch spürbar. Wo Weiße ihre gut bezahlten Jobs in den Büroetagen bekommen, müssen sich Farbige mit Hungerlöhnen für minderwertige Arbeit zufrieden geben. Das so oft gepriesene "Nation Building" scheint in Stellenbosch noch nicht stattgefunden zu haben.

Eine Fahrt nach Kapstadt zeigt schnell, dass Stellenbosch nicht die Ausnahme ist. Im Gegenteil: Die Kontraste sind in der Millionenstadt noch viel drastischer. Binnen weniger Kilometer wechselt das Erscheinungsbild von Luxuswohnungen am Strand von Camps Bay zu den nicht enden wollenden Blechhüttenreihen in den Vororten, wo Millionen Menschen auf ihrer Suche nach Arbeit gestrandet sind.

"We are one nation", sagt Desmond Tutu

Beim Anblick dieser ungerechten Armut läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Eine ohnmächtige Wut macht sich breit. Und doch lächeln sie mich an, die Slum-Bewohner, mit denen ich über Armut und Reichtum in Südafrika rede. Ihr "Ubuntu" - die Lebensfreude und der Zusammenhalt untereinander - scheint stärker zu sein als die Ausweglosigkeit.

Die Kriminalitätsrate in Südafrika ist unglaublich hoch. Nie fühlt man sich völlig sicher, Überfälle sind an der Tagesordnung. Kommilitonen wurden von Jugendbanden ausgeraubt. Ich habe sogar Schüsse im Supermarkt nebenan mitbekommen. "Ich rette lieber mein eigenes Leben, bevor ich das eines anderen rette", sagte mir ein Wachposten hinterher.

Und am nächsten Tag freue ich mich trotzdem wieder, hier sein zu dürfen, in der zweitältesten Stadt Südafrikas. Das Level in der Hochschule ist zwar nicht so hoch wie an meiner Heimatuni in Maastricht, aber ich kann einmal ganz andere Themen studieren: zum Beispiel Gerechtigkeit in Krisenländern wie Ruanda, die Auswirkung der Globalisierung auf den afrikanischen Kontinent - und eben die Probleme bei der Errichtung einer demokratischen Nation in Südafrika seit 1994.

In puncto Freizeit liegt Südafrika klar vorn. Im Indischen Ozean kann man nach Walen und Haien tauchen, die bizarren Felsformationen der Zederberge sind toll zum Wandern, und in der Halbwüste von Oudtshoorn satteln Südafrikaner Strauße zum Ausritt.

Kürzlich habe ich den Nobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu, neben Nelson Mandela der Übervater Südafrikas, bei einem Vortrag zur Geschichte der "Rainbow-Nation" erlebt. Ich war beeindruckt, als dieser kleine und dennoch so große Mann zur unabdingbaren Integration aller Südafrikaner aufrief. "We are one nation!" Wenn er doch nur Recht hätte.

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