Studieren mit Kindern Mama muss lernen

Nur fünf Prozent aller Studenten in Deutschland haben Kinder. Wenn Ina Herweg morgens aufsteht, gehen ihre Kommilitonen oft gerade erst ins Bett. Deren mitleidige Blicke machen ihr nichts aus.

Katrin Binner / UNI SPIEGEL

Von Marie-Charlotte Maas


Als der Zeiger der Uhr im Seminarraum auf halb zwölf springt, packt Ina Herweg leise ihre Unterlagen zusammen, steckt das bunte Federmäppchen in die Tasche und schleicht sich aus dem Raum. Die Veranstaltung läuft zwar noch 20 Minuten, doch die Lehramtsstudentin muss los. Sie hat eine Verabredung, bei der sie unter keinen Umständen zu spät kommen kann.

Ina verlässt das Gebäude, läuft über den Campus der PH Heidelberg, überquert den Parkplatz und steigt in ihr Auto. Vor einer alten Villa macht sie halt. "Mama!", schallt es ihr auf der Treppe zur hochschuleigenen Kita entgegen. Lukas, der Zweijährige, hat schon gewartet.

Nur fünf Prozent der Studierenden in Deutschland haben laut der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ein Kind, so jung wie Ina mit ihren 26 Jahren sind allerdings die wenigsten. Studierende mit Kind im Erststudium sind durchschnittlich 31 Jahre alt - und damit fast acht Jahre älter als ihre kinderlosen Kommilitonen.

Ina hat Lukas inzwischen ins Auto gesetzt. Aus dem Radio dudelt das Kinderhörspiel "Leo Lausemaus". Im Kindersitz auf der Rückbank spielt Lukas gedankenverloren mit einem kleinen Auto. Ina schielt auf die Uhr, sie ist spät dran, müsste längst im Kindergarten im Nachbarort sein, Moritz abholen. Ein kurzer Anruf - die Erzieherinnen versprechen zu warten.

"Studium und Kinder lassen sich sehr gut verbinden"

Als sie ankommt, sitzt der Vierjährige, den Rucksack geschultert, bereits im Flur: "Mama, Mama, weißt du, was wir heute gemacht haben ...?" Zu Hause macht Ina Essen für ihre Jungs, dann haben die beiden Mittagspause und machen ein Nickerchen. Und Ina hat plötzlich Ruhe. Zum ersten Mal am Tag.

Die junge Mutter macht sich einen Kaffee und lässt sich auf einen Stuhl am Küchentisch fallen. Es ist gerade erst Mittag - und sie ist bereits seit mehr als sieben Stunden auf den Beinen. Kinder wecken, Kinder anziehen, Frühstück machen, Sachen für die Universität packen, Kinder in den Kindergärten abgeben, zur Hochschule fahren, eine Veranstaltung in Biologie, ein Seminar in Erziehungswissenschaften. Ihr Mann Sascha, der als Klimatechniker arbeitet, verlässt das Haus meist noch vor seiner Familie und kann Ina morgens nicht helfen.

Als Moritz zur Welt kam, war Ina 22 und schon sechs Jahre mit ihrem Mann zusammen. Angst, dass ihr Studium unter dem Familienleben leiden würde, hatte sie nie. "Im Gegenteil - ich war immer der Ansicht, dass sich Studium und Kinder sehr gut verbinden lassen, vor allem weil ich bewusst auf eine Fünftagewoche verzichte und mir den Stundenplan so lege, dass ich immer noch viel Zeit mit den Kindern verbringen kann, sagt sie. Zwar fehle es an der Zeit für Zusatzseminare, die sie manchmal gern belegen würde, um ihr Wissen zu vertiefen. Doch sie lerne heute viel intensiver: "Früher neigte ich dazu, mich zu verzetteln", erzählt Ina. Jetzt habe sie oft nur ein kleines Zeitfenster, wenn die Jungs schliefen oder die Oma mit ihnen spazieren gehe - und dieses Fenster müsse sie nutzen.

Besonders hilft es Ina, dass es an der Uni keine Anwesenheitspflicht gibt. Auch sonst seien die Dozenten sehr verständnisvoll. Ein Kind zur mündlichen Prüfung mitbringen? Kein Problem. Eine Klausur nachschreiben? Geht auch. Am wenigsten Verständnis hätten ihre Kommilitonen. "Vermisst du denn nichts?", fragen sie immer mal wieder. Subtext: "Das Studium ist die beste Zeit des Lebens - mit Kindern kannst du das doch gar nicht genießen." Ina sagt, sie sei auch früher nicht viel auf Partys gegangen. "Ich trauere dieser Zeit nicht hinterher."

Sich nicht mit kinderlosen Studenten vergleichen

Ähnlich geht es BWL-Studentin Jennifer Ludwig aus Cottbus. Als die 28-Jährige im Herbst 2010 mit dem Studium begann, war sie schwanger. Kurz darauf wurde ihr Sohn Ben geboren, fünf Jahre später bekam sie ihr zweites Kind, Tochter Ivy. Obwohl ihr Mann Michél beruflich viel unterwegs ist, schafft sie das Studium ohne größere Probleme. "Klar ist das anstrengend", sagt sie. "Aber im Berufsleben werde ich wohl nie wieder so flexibel sein; da stören Kinder im Zweifel viel mehr als während eines Studiums."

Um möglichst reibungslos durchzukommen, empfiehlt Jennifer allen anderen Studentinnen mit Kind, Gespräche mit dem Dekan oder den Professoren zu führen. Genau wie Ina ist sie dabei auf Verständnis gestoßen - und hat auch darum ihren Bachelor schon in der Tasche. Mit neun Semestern statt sieben lag sie nur leicht über der Regelstudienzeit. Trotzdem hat es sie anfangs gestört, langsamer zu sein als die Kommilitonen.

Mittlerweile macht Jennifer ihren Master und hat aufgehört, sich Vorwürfe zu machen. Sie teilt ihre Erfahrungen nun mit anderen und gibt auf ihrem Blog studentenmutter.de Tipps, wie sich Familie und Studium leichter vereinbaren lassen.

Auch Ina hat im Laufe des Studiums gelernt, sich selbst weniger zu stressen. Es ist halb vier, die Jungs haben ihren Mittagsschlaf beendet. Ina schultert ihre Tasche, sie hat noch ein Seminar. Ihre Söhne wird sie auf dem Weg zur Uni wieder in der Kita abgeben. In zwei Jahren will Ina, wenn alles gut geht, mit dem Referendariat beginnen. Auch Moritz, der Große, kommt dann in die Schule. Passt perfekt, findet Ina. "Ich würde es wieder so machen."

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insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 28.07.2016
1. Vorurteile...
...werden bei SPON ja gerne gepflegt. Wenn ich schon lese..."sie steht auf wenn andere Studenten heimkommen".... Wenn man sich diese Artikel so durchliest, hat man den Eindruck das die Mehrheit der Studenten hauptsächlich mit feiern, saufen und ausgehen beschäftigt ist. Der Rest tummelt sich in Burschenschaften oder in Linken Wohngruppen....das ist üble Berichterstattung. Ich kenne eigentlich nur Studis die entweder lernen oder nach dem Lernen arbeiten...zum feiern haben die weder Zeit noch Geld.
schgucke 28.07.2016
2. Alle und allergrößte Achtung
wer ein Studium unter diesen Umständen schafft, vor allem als Frau, schafft alles.
siebenachtneun 28.07.2016
3.
Alles eine Frage der Organisation. Studenten mit Kindern müssen einfach ein bisschen mehr organsieren. Manchmal sitzen die Kinder mit in der Vorlesung. Sie geben keinen Mucks von sich und malen einfach.
Henne31231233 28.07.2016
4. Vorurteile und unrealistisch
Wer in Regelstudenzeit sein Studium schaffen will der hat keine Zeit zum Feiern. Viel problematischer ist allerdings, dass Studenten doch garkein Geld für Kinder haben. Da muss der Partner schon Vollzeit arbeiten oder die Eltern aushelfen. Da ist doch wohl eher der Grund sich in dem Alter noch keine Kinder anzuschaffen?!
superbiti 28.07.2016
5. allein schon der erste satz...
..."Nur fünf Prozent aller Studenten in Deutschland haben Kinder." liest sich schon fast wie eine anklage an alle studierenden. "nur". sollten es der autorin nach etwa mehr sein? sollen studierende hier irgendeine quote erfüllen? von der bedienung der stereotypischen vorurteile im weiteren verlauf des artikels mal ganz abgesehen, fragt man sich, ob die autorin jemals selbst hat für ihr studium - mal vorausgesetzt sie hat eins abgeschlossen - arbeiten und für den eigenen unterhalt/auskommen hat sorgen müssen.
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