StudiVZ-Selbstversuch Persönlichkeits-Striptease ist saublöd!!!

Wer einmal drin ist, wird fix angefixt. Wie süchtig macht StudiVZ wirklich? Christian Hambrecht, Jura-Erstsemester in Passau, will es wissen. Er testet sein Suchtpotential und erlebt erst einen derben Donnerstag, dann einen schwarzen Freitag.


In Passau stöhnen Jura-Erstsemester über zweierlei. Erstens: Du musst unfassbar viel tun - weit mehr als anderswo. Die Morgendämmerung schon bringt es an den Tag. In Passau stehst du auf, putzt dir die Zähne und gehst in die Vorlesung. In allen anderen Uni-Städten dagegen torkeln diese Jura-Luschen beim ersten weichen Lichtschimmer nach Hause, quälen sich aus einem Hosenbein, bleiben im anderen stecken und pennen ein. So jedenfalls geht die Passauer Juristenlegende.

Der Autor warnt: StudiVZ kann zu einer langsamen und schmerzhaften Exmatrikulation führen
Christian Hambrecht

Der Autor warnt: StudiVZ kann zu einer langsamen und schmerzhaften Exmatrikulation führen

Am Nachmittag und frühen Abend sind dann die Unterschiede zwischen Passau und anderen Uni-Städten passé. Die meisten gammeln vorm Bildschirm und sind unterwegs auf Deutschlands größter Studentenplattform - StudiVZ. Und das ist der zweite Grund zur Klage: StudiVZ macht süchtig.

Man verbringt dort viel zu viel Zeit, und zwar sinnlos. Die Tastatur hat Magnetkraft, wie von selbst tippen die Finger Nachrichten, Pinnwandeinträge, neue Gruppennamen. An Problembewusstsein fehlt es nicht: Bei der Gruppensuche kommen mit der Kombination "StudiVZ" und "süchtig" 172 Treffer. Viele gehen die Gefahr offensiv an, Gruppen locken mit Linderung und Heilung: Suchtberatung, Selbsthilfegruppe, Entzugsklinik, die ganze Palette.

Jetzt will ich's wissen - wie suchtanfällig bin ich?

Für einen Selbsterfahrungstrip wähle ich den richtigen Zeitpunkt. Ein Uhr Donnerstagnacht vor einem verplanten Wochenende, ich starte den Laptop. Bisher war ich ein mäßig engagierter StudiVZ-User, habe nur brav mein Profil ausgefüllt: Lieblings-Dies, Lieblings-Das, locker-lässige Eigenaussagen, flüchtig in fünf Minuten hingerotzt. Und stets hübsch unverbindlich.

Auf der Jagd nach passenden Gruppen

Man weiß ja nie. Später bewirbst du dich vormittags um einen Arbeitsplatz; nachmittags taucht in der Leiste "Wer zuletzt deine Seite angesehen hat" irgendein Max Mustermann auf (ohne Profilbild, nur dieser graphisch reduzierte Kopf mit fettem Fragezeichen statt eines Gesichts). Und am nächsten Morgen bekommst du eine telefonische Absage. Tja, leider passen Sie nicht ganz ins Firmenprofil. Statt des Fragezeichens nun drei fette Ausrufezeichen: Achtung, Persönlichkeitsstriptease in StudiVZ ist saublöd!!!

Die neuen AGBs haben viele wachgerüttelt, Änderungsfieber grassiert, das letzte Kontinuum im narzisstischen Selbststilisierungseifer geht flöten - der Name. Auch ich ändere meinen. Da fällt mir der dämliche Lehrerspruch ein, wenn ich mal bös war: "Stell dir vor, das würden alle machen. Wie wär das?!"

Ja, wie wäre es, wenn alle ihre Namen änderten? StudiVZ würde den großen Vorzug verlieren, Leute sehr einfach zu finden. Irgendwo eine hübsche, unbekannte Kommilitonin, geheimnis- und reizvoll. Eine Bekannte der Freundin eines Freunds kennt den Namen, du schnappst ihn zufällig auf, entdeckst das StudiVZ-Profil und weißt schnell, ob du Lust hast, sie mal anzuquatschen oder doch lieber nicht.

Ich hüpfe hin und her, stoße auf eine Gruppe "Meine Gruppenliste sagt mehr über mich aus als mein Profil". Meine Liste ist noch kurz, die Gruppennamen sind nicht gerade originell. Das muss sich ändern, aber subito. Jetzt beginnt mein StudiVZ-Trip erst so richtig.

Um neue Gruppen zu finden, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man stöbert in den Profilen der Freunde oder füttert die Suchmaschine mit eigenen Begriffen. Schon stoße ich auf die Gruppe "Ich klaue die Gruppen von den Seiten meiner Freunde". Autsch, erwischt!

Auf welcher Party warst du denn?

Wonach aber soll ich sonst suchen? Ich bin müde, mir fallen nur viele blöde Dinge ein, sarkastisch oder grenzdebil. Also trete ich der Gruppe "Freunde des gepflegten Sarkasmus" bei, lande alsbald bei den "Freunden des ungepflegten Sarkasmus" und schließlich bei der "Gruppe derer, die sich ihren Teil denken". Die Nacht vergeht, ich treffe auf Freunde von Freunden von Freunden von... Eigentlich müsste ich nun fast die ganze Passauer Uni vom (StudiVZ-)Sehen kennen.

Ich blinzle zur Uhr. Es ist fünf Uhr morgens, die Gruppenausbeute spärlich. In meinem Kopf hämmert es: schon Morgen. Prompt gebe ich "morgen" ein und stoße auf die Gruppen "In einer Stunde ist morgen" und "Bei 20 Minuten Schlaf, Freitag Morgen um 8 zur Uni-Geher". Da mach ich doch mit.

Um acht Uhr muss ich im Hörsaal sein. Ich haue mich noch für zwei Stunden aufs Ohr, kann kaum schlafen und stehe in der Morgendämmerung auf. Mit einem Brummschädel wie nach einem Besäufnis. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel, rote Augen stieren mir entgegen, umrandet von schweren, schwarzen Ringen. Der PC läuft noch, ein StudiVZ-Fenster ist offen. Zur Aufmunterung scheint eine Gruppe genau für diese Situation gegründet: "Angehende Juristen, aber auch noch mit Augenringen cool und sexy".

Im Hörsaal fragen Freunde, auf welcher Party ich war. Sie finden: Ich sehe fertig aus, warum ich sie nicht mitgenommen habe? Sie sind sauer, ich bin wortkarg. Den Prof höre ich nur gedämpft wie durch Ohropax. In der Mensa mosert Natalie, dass mir nur Witze über die Namen von StudiVZ-Gruppen einfallen.

Kurz und schlecht, es war ein schwarzer Freitag. Das einzig Gute an dieser Überdosis StudiVZ, jetzt weiß ich: "StudiVZ ist ein Arschloch" (schon wieder ein geklauter Gruppenname, Natalie hat Recht!).

Die nächste Nacht habe ich erneut wenig geschlafen. Schuld war eine WG-Party. Die Hälfte der Leute kannte ich vom Sehen… Woher nur?



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