Subversive Medienkunst Fressen und gefressen werden

Wer sich im Web bewegt, steht unter Beobachtung, denn emsig jagen Firmen nach Nutzerprofilen. Der Leipziger Student Franz Alken hatte die digitale Überwachung satt und konterte: Sein "Superbot"-Projekt erzeugt fiktive Internet-Nutzer, die durchs Netz surfen und gezielt Nonsens in Datenbanken von Unternehmen ablaichen.

Von Oliver Baentsch


Superbot-Logo: Gegen die Datenspionage

Superbot-Logo: Gegen die Datenspionage

Rudi Mentär hat das große Los gezogen: Der 24-jährige Azubi einer Softwarefirma kassiert stolze 2000 Euro netto im Monat. Das Geld kann Rudi gut gebrauchen, denn der Düsseldorfer Snowboardfan steht in seiner Freizeit auf Drogen und Pornografie. Außerdem surft Rudi täglich durchs Internet, auf der Suche nach Formularfeldern, in denen er persönliche Angaben hinterlassen kann. Sorgen über den Missbrauch seiner Daten macht er sich keine. Wie soll er auch - Rudi Mentär ist bloß ein "Bot", ein Art körperloser Roboter, der programmiert wurde, um selbstständig das Web zu erkunden.

Was soll das? Und vor allem: Wer denkt sich so etwas aus? "Machines will eat itself" heißt das Projekt von Franz Alken, in Anlehnung an die Band "Pop will eat itself", die sich kritisch mit Popmusik auseinandergesetzt hat. Die Datenspionage im Internet will der 29-jährige mit subversivem Humor unterlaufen. Er hat darüber an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) sogar seine Diplomarbeit geschrieben und kürzlich in Linz den Preis "Digital sparks 2003" für studentische Medienkunst abgestaubt.

Firmen graben mit allen Mitteln nach Daten

"Mit dem Thema Datenschutz habe ich mich lange befasst", sagt Alken, der die Methoden einiger Firmen im Internet erschreckend findet: "Der Handel mit Datenbanken blüht." Manchen Firmen ist scheinbar jedes Mittel recht, um an Kundenprofile zu kommen. Der Wert dieser Datensammlungen ist enorm, die Motivation dahinter liegt in der Möglichkeit des gezielten persönlichen Ansprechens, auch "one to one Marketing" genannt.

"Machines will eat itself": Datenschutz ist eigentlich unsexy

"Machines will eat itself": Datenschutz ist eigentlich unsexy

Das funktioniert so: Ein Nutzer besucht eine Webseite, auf der es um Autos geht. Zusätzlich wird ein Werbebanner zum Thema präsentiert, das vom Server eines Werbenetzwerkes geladen wird. Dieses Banner legt nun einen Cookie auf dem Rechner des Nutzers ab, eine Textzeile, die Informationen über seinen Rechner sowie den aktuellen Seitenbesuch enthält.

Surft der ahnungslose Nutzer danach auf die Seite eines Online-Buchhändlers, der Partner des selben Werbenetzwerkes ist, ist es dank der Cookies möglich, ihn schon auf der Startseite mit neuen Büchern über Autos zu empfangen. Zunächst bleiben diese Daten anonym, doch bestellt man dann tatsächlich ein Buch des Händlers, sind persönliche Dateneingaben notwendig. Wer zu viele Spuren hinterlässt, etwa durch Angaben zu Geburtstag, persönlichen Interessen oder beruflichem Werdegang, braucht sich später über massenhaft Werbemüll in seinem Postfach nicht zu wundern.

Privatsphäre wird im Internet zum Luxus

"Die Privatsphäre wird im Internet zum Luxusgegenstand", sagt Franz Alken, der das Projekt zusammen mit dem Programmierer Michael Ohme entwickelt hat. Jeder Besucher seiner Webseite kann mitmachen und neue Bots kreieren. Man kann Alter, Beruf, Hobbys und andere Gewohnheiten wählen, dazu noch ein phantasievoller Name - fertig ist der kleine Störenfried, der von nun an seine täglichen Runden durchs Internet dreht. Wo immer die Bots auf Formularfelder treffen, tragen sie ihre Nonsens-Profile ein. Und sorgen dafür, dass sich der Wert der gesammelten Daten für die Firmen vermindert.

Sie heißen Anna Bolika oder Axel Schweiß: Bots suchen selbstständig im Web nach Formularen

Sie heißen Anna Bolika oder Axel Schweiß: Bots suchen selbstständig im Web nach Formularen

Dass man den Datenmüll spuckenden Bots bei ihrer "Arbeit" über die Schulter blicken kann, ist der besondere Clou auf Franz Alkens Seite. Und es bleibt nicht beim Zusehen: Gezielt hetzt man die Bots auf besonders penetrante Seiten, damit sie dort ihren Datenmüll hinterlassen.

Als "Data-Mining" bezeichnet Alken dieses Vorgehen, mit dem er sich, wie ihm sein Anwalt mitteilte, rechtlich in einer Grauzone bewege. "Letztlich drehe ich den Spieß ja nur um und spamme zur Abwechselung mal die Firmen zu. Außerdem ist jeder Bot täglich bloß fünf Minuten online - von einem wirtschaftlichen Schaden kann man da nicht sprechen." Zudem muss Alken darauf achten, dass die von den Usern erschaffenen Bots keinen realen Personen entsprechen. Daher kommen sie zur Überprüfung auf eine Art "Babystation", bevor sie im weltweiten Netz zum Einsatz kommen.

26.000 Kilobytes unsinniger Datenmüll

"Reaktionen von Firmen gab es bislang noch keine", sagt Franz Alken - ein wenig enttäuscht. "Vermutlich ist der Datenmüll, den wir verursachen, noch zu gering." Knapp 26.000 Kilobytes haben die 400 Bots in diesem Jahr verursacht, täglich kommen ein Dutzend neue Profile hinzu. Hört sich dürftig an, aber da eine ganze Seite Text gerade mal zwei Kilobytes ausmacht, häuft sich eine Menge unsinniger Daten an.

"Es wäre spannend", sagt der 29-Jährige, "einen Anruf aus einer Firmenzentrale zu bekommen, die sich bei mir beschweren will. Weil dann aus dem Monolog, den ich bislang mit meinen Bots führe, ein Dialog mit den Firmen entstünde."

Dialoge führt Alken meist mit anderen Usern, die eine fast zärtliche Beziehung zu ihren kleinen Lieblingen aufgebaut haben, was stark an den Tamagotchi-Kult in den Neunzigern erinnert: "Die Leute erkundigen sich, wie es ihren Bots geht oder warum irgend etwas nicht funktioniert", so der Medienkünstler, der es mit seiner Web-Aktion geschafft hat, ein für ihn wichtiges Thema visuell zugänglich zu machen. "Datenschutz an sich ist eigentlich unsexy. Umso herausfordernder ist es, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren."

Das versuchen auch Organisationen wie der Bielefelder "Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs e.V." (FoeBuD) zu erreichen. Jährlich verleiht FoeBuD den "Big Brother Award" - einen Überwachungs-Oscar - der die Diskussion über Privatsphäre und Datenschutz anstoßen soll.

Zu den prominenten Preisträgern der vergangenen Jahre gehören die Bayer AG ("für ihre demütigende Praxis, Auszubildende vor Einstellung einem Drogentest zu unterziehen"), die Firma "Loyality Partner" für ihr "Payback"-Karte oder der Mail-Anbieter GMX ("weil er die Post seiner User unzureichend gesichert hat"). Die diesjährige Preisverleihung findet am Freitag in Bielefeld statt, unter den Preisträgern tummeln sich einmal mehr Datenschutz-Sünder, die fast schon zu den üblichen Verdächtigen zählen.



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