Szene-Professorin Auf der Fährte der Jugendkultur

Ob Nietenhalsband, Energy-Drink oder Baseballkappe: Kein Szene-Objekt ist vor Birgit Richards Sammelwut sicher. Mit ihrem Archiv ermöglicht die Frankfurter Kunstpädagogin eine Zeitreise durch die Jugendkultur der letzten 30 Jahre.


Kunstpädagogin Birgit Richard sammelt alles, was sich nicht aus eigener Kraft retten kann
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Kunstpädagogin Birgit Richard sammelt alles, was sich nicht aus eigener Kraft retten kann

Frankfurt/Main - Im alten Fabrikgebäude führt eine enge Treppe steil hinauf. Oben auf dem winzigen Treppenabsatz ist es dunkel und eng, an der Tür klebt ein Zettel: "Jugendkultursammlung". Hinter der Tür eine Kammer mit schreiend roten Wänden. Aus den Regalen quellen T-Shirts, Platten, Schuhe, Schmuck und Zeitschriften. 800 Gegenstände sollen festhalten, was sich gerade durch Vergänglichkeit auszeichnet: Szene-Kultur.

Ein wissenschaftliches Archiv sieht gewöhnlich anders aus, und auch Professorinnen stellt man sich anders vor: Birgit Richard hat kurze, blondierte Haare, viele silberne Ohrringe, Ketten, Armbänder und Ringe. Die 39-Jährige lehrt an der Universität Frankfurt Kunstpädagogik. Die Sammlung zur Jugendkultur hat sie schon 1994 in Essen begonnen, 1997 brachte sie ihre Fundgrube der Stile mit an den Main.

Die ältesten Sammlungsexponate datieren aus den Siebzigern, aus der Hochzeit des Punk, die jüngsten stammen aus der "Two Step"-Szene. "Die Sammlung gibt einen Überblick über die wichtigsten Kulturen", sagt Birgit Richard. Manche Sammlungsobjekte entstammen ihrer eigener Jugend - wie ein abgetretenes Paar spitze, schwarze, beschnallte Schuhe aus ihrer Grufti-Zeit. Anderes steuerten Studenten bei, der größere Teil sind Spenden. Auf Messen fahndet Richard nach typischen Stücken und bittet dann die Hersteller um Spenden für die Wissenschaft.

Das Sammeln ist für die Professorin kein Selbstzweck. Ihre Baseball-Kappen, Energy-Dinks und Alien-Maskottchen setzt Richard als Unterrichtsobjekt bei der Ausbildung von Kunstpädagogen ein. Sie bestückt damit Ausstellungen und nutzt sie bei Fortbildungsveranstaltungen - zum Beispiel für Lehrer. Schwierig ist es nach ihrer Erfahrung, die meist älteren Pädagogen von der Relevanz dessen zu überzeugen, was sie sammelt: "Das ist schon ein bisschen Missionarsarbeit."

Auch für die Wissenschaft habe die Beschäftigung mit Jugendkultur durchaus Erkenntniswert, meint Richard. "Was kommt wann und wieso wieder?", sei so eine exemplarische Frage, die man anhand von Jugendkultur gut stellen könne. Andere Fragen lauten: "Wie bildet sich Ästhetik aus und wie wird sie praktiziert?" Ihre Studenten sollen lernen, wie sie den Markt beobachten oder eigene Ideen zeitgemäß umsetzen können.

"Geschlossene Stilbilder sind Konstrukte", schrieb Richard in der Kurzfassung eines Vortrags: "Jugendkulturelle Stile sind Prozesse mit bedeutungsvollen punktuellen Akkumulationen von Gegenständen und einer Phase der relativ geschlossenen autopoetischen Reproduktion der stilistischen Kommunikationselemente." Für Laien: Szenekultur ist schnelllebig, und Wissenschaft ist tiefschürfend.

Und wie ist sie nun, die Jugendkultur von heute? "Schnell", sagt sie. Und "rückwärts gewandt". Retro, um im Jargon zu bleiben. "Manche Trends halten nicht länger als ein halbes Jahr." Dafür kommt vieles wieder, was schon da war. Punk-Accessoires wie Nieten und Ketten tauchen wieder auf, die Schlaghosen werden immer weiter, der Cowboy-Look hält sich tapfer, und selbst der Disco-Glamour-Look entsteigt dem Grab. Der Blick der Fachfrau zeigt sich jedoch im Detail: "Der Riegel hinten an der Baseballkappe verschwindet. Die sind jetzt aus Stretch."

Von Sandra Trauner, dpa



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