Nachwuchssorgen der Kirche Ihr Priesterlein kommet

Die katholische Kirche hat derzeit nicht den besten Ruf - und massive Nachwuchssorgen. Wenige junge Männer wollen Priester werden, viele brechen die Ausbildung ab. Daniel Kretsch und Tobias Heil wollen es trotzdem versuchen. Ein Besuch im Mainzer Priesterseminar.

DDP

Auf den ersten Blick sieht das Zimmer von Daniel Kretsch, 26, aus wie eine ganz normale Studentenbude: 16 Quadratmeter groß, Bücher, Schreibtisch, Bett. Doch seine Adresse ist für einen Studenten eher ungewöhnlich: das Bischöfliche Priesterseminar im ehemaligen Augustinerkloster in der Mainzer Altstadt.

Vier Semester hat er Theologie und Geschichte studiert. Dann habe er den Wallfahrtsort Lourdes besucht und sich entschlossen, Priester zu werden, erzählt Kretsch. Auch Tobias Heil aus Frankenthal fand erst auf Umwegen zum Priesterberuf. Der 25-Jährige studierte zunächst Wirtschaftsingenieurwesen, dann Physik und Theologie. "Doch ich fühlte mich von Gott dazu berufen, Priester zu werden", sagt Heil.

Jeder Zweite bricht ab

Der Werdegang der beiden jungen Männer ist exemplarisch für viele ihrer Kommilitonen. "Seit einigen Jahren hat sich die Entscheidung, Priester zu werden, nach vorne verlagert", sagt Regens Udo Bentz, der Leiter des Priesterseminars. "Viele haben bereits ein anderes Studium angefangen, ehe sie zu uns kommen." Das habe durchaus Vorteile. Die Kandidaten seien heute "in ihrer Persönlichkeit ausgereifter", deshalb sei auch die Abbrecherquote gesunken. Trotzdem wird nur etwa die Hälfte der Seminaristen zum Priester geweiht. Derzeit wohnen 20 Kandidaten im Seminar, der jüngste ist 20, der älteste 44 Jahre alt.

Der Zölibat sei ein wesentlicher Grund dafür, dass die Ausbildung abgebrochen wird. "Die Kandidaten lernen im Priesterseminar, zölibatär zu leben. Sie sollen sich voll bewusst sein, was das bedeutet. Der Zölibat ist kein Verzicht auf etwas, sondern für etwas, die Leidenschaft für Gott", sagt Bentz. Wer eine Beziehung zu einer Frau eingehe und nicht bereit sei, diese Verbindung aufzugeben, müsse das Seminar verlassen. Schwierigkeiten im Studium und fehlende soziale Kompetenzen seien weitere Gründe.

Auch die Missbrauchsfälle werden vermutlich manch einen jungen Mann davon abhalten, Priester zu werden. Zumal die Kirche im Umgang mit den Fällen bisweilen offenbar weniger dazugelernt hat, als sie es gern nach außen verkündet.

86 Priesterweihen im vergangenen Jahr

Das Studium für das Priesteramt dauert zehn Semester. Etwa nach der Hälfte verlassen die Kandidaten das Seminar für ein Jahr, um zu erproben, was sie gelernt haben. "Nach dieser Zeit kommen die Seminaristen entschiedener zurück", sagt Bentz. Nach dem Studium folgt der zweijährige Pastoralkurs, die praktische Ausbildungsphase, und schließlich die Priesterweihe.

Auf dem Weg dahin hinterfragen viele Seminaristen den eingeschlagenen Pfad - auch die Studenten Kretsch und Heil: "Es gibt Phasen des Zweifels, etwa wenn es Stress im Studium oder mit Leuten im Seminar gibt", sagt Heil. Und Kretsch ergänzt: "Richtige Zweifel gab es bei mir noch nicht, aber Bedenken, ob ich die vielen Aufgaben eines Pfarrers, den Spagat zwischen Seelsorge und Verwaltung wirklich schaffe." Diese Sorge ist nicht unbegründet. Aufgrund des Priestermangels werden Pfarreien immer öfter zusammengelegt, die Arbeitsbelastung steigt.

Die katholische Kirche braucht dringend Priester, die Zahl der Priesterweihen sank nach Angaben der Deutschen Regentenkonferenz bundesweit von 122 im Jahr 2001 auf 86 im vergangenen Jahr. Dennoch nimmt Regens Bentz nicht jeden Interessierten auf. "Meine Aufgabe ist es, die geeignetsten Leute für die Priesterweihe zu finden. Schließlich muss ich dem Bischof die Kandidaten empfehlen."

Von einer Aufhebung des Zölibats hält Bentz nichts. "Ohne Zölibat würde sich das Bild des Priesters verändern. Es würden sich vielleicht mehr, aber auch andere Kandidaten melden." Als Ursachen für den Priestermangel sieht er vor allem die Säkularisierung der Gesellschaft, den demografischen Wandel und die hohe Eigenverantwortlichkeit, die von einem Pfarrer erwartet werde. Zudem stelle sich eine "Imagefrage": "Die beste Werbung für den Priesterberuf sind gute Priester, die als Vorbilder dienen."

Christian Meinl/dpa/fln

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