Sexismusvorwürfe Protokoll soll Nobelpreisträger Hunt entlasten

Nobelpreisträger Tim Hunt ist zum Inbegriff für Sexismus an Hochschulen geworden, weil er getrennte Labors für Männer und Frauen gefordert hat. Nun ist ein internes Protokoll aufgetaucht: Allen sei klar gewesen, dass er scherzte.

Nobelpreisträger Hunt: "Ein chauvinistisches Scheusal wie ich"
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Nobelpreisträger Hunt: "Ein chauvinistisches Scheusal wie ich"


War es doch ein Missverständnis? Auf einer Konferenz von Wissenschaftsjournalisten in Korea hatte der britische Nobelpreisträger Anfang Juni getrennte Labors für Männer und Frauen angeregt - und damit viel Empörung ausgelöst. "Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen", sagte Hunt über Frauen. Dem Wissenschaftler wurde daraufhin Sexismus vorgeworfen, Hunt trat von seinem Posten als Honorarprofessor am University College London zurück.

Der Biochemiker hatte immer wieder betont, die Äußerung sei ein Scherz gewesen - geholfen hat es ihm bisher nicht. Nun ist ein internes Protokoll aufgetaucht, das seine Sicht der Dinge unterstützt. Über die Konferenzmitschrift hatte zunächst die britische "Times" berichtet. Sie liegt auch SPIEGEL ONLINE vor.

Angefertigt wurde das Protokoll von einem Vertreter des Europäischen Forschungsrates (ERC), einer EU-Forschungsförderorganisation. Hunt hatte als ERC-Botschafter an der Konferenz teilgenommen und nach den Sexismus-Vorwürfen auch seinen Posten beim Europäischen Forschungsrat verloren.

Hunt äußerte sich am Rande der Konferenz bei einem Essen, bei dem er eine kurze Ansprache hielt - "oder eher einen Trinkspruch", wie das Protokoll festhält. "Es ist seltsam, dass so ein chauvinistisches Scheusal wie ich gebeten wurde, vor Wissenschaftlerinnen zu sprechen", begann Hunt seine Rede. Daraufhin fielen die Worte, über die sich seine Kritiker echauffieren.

Dem Protokoll zufolge soll Hunt seine Aussage über Frauen in der Wissenschaft aber direkt im Anschluss als Scherz kenntlich gemacht und relativiert haben: "Jetzt im Ernst, ich bin beeindruckt von der ökonomischen Entwicklung Koreas. Und Wissenschaftlerinnen spielten darin ohne jeden Zweifel eine wichtige Rolle. Die Wissenschaft braucht Frauen, und Sie sollten trotz aller Hindernisse Wissenschaft betreiben, auch trotz solcher Scheusale wie mir."

Der prominente Evolutionsbiologe Richard Dawkins sieht das Protokoll als Bestätigung dafür, dass Hunt Opfer einer Hexenjagd wurde, wie er twitterte.

Was wirklich am Tisch gesagt wurde, ist schwer zu überprüfen. Die amerikanische Journalistikdozentin Deborah Blum, die mit Hunt an dem Essen teilnahm, wollte die Schilderungen des Protokolls gegenüber der "Times" weder bestätigen noch dementieren. Die ebenfalls bei dem Mittagessen anwesende Journalistikdozentin Connie St Louis, die Hunts Äußerung bei Twitter öffentlich gemacht hatte, sagte der Zeitung, die Worte "Jetzt im Ernst" seien nicht gefallen. Hunt selbst wollte sich zu dem Fall und auch zu der Gesprächsnotiz gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht äußern.

Ob das Protokoll tatsächlich als Entlastung dienen kann, ist fraglich. Die Notiz entstand offenbar erst, nachdem in den Medien bereits über Hunts Äußerungen berichtet wurde und der Forscher seinen Uni-Posten aufgegeben hatte. Es stammt außerdem von einem Vertreter der Organisation, für die Hunt an der Konferenz teilnahm. Denkbar ist daher auch, dass es gezielt zu seiner Entlastung angefertigt wurde.

Der Protokollant notierte, dass die Medien Hunt irrtümlich eine Aussage zugewiesen haben, die ein anderer Redner tätigte. Nicht Hunt, sondern ein Koreaner soll demnach bei dem Essen scherzhaft gesagt haben, er danke Frauen fürs Kochen. Auch betretenes Schweigen am Tisch, über das in den Medien berichtet worden sei, will der Protokollant nicht vernommen haben.

Eine Vertreterin des Organisationskomitees der Konferenz, heißt es in dem Protokoll, habe sich beeindruckt gezeigt, dass Hunt aus dem Stegreif solch eine lustige Rede halten könne. Es hätten sogar einige Teilnehmer über Hunts Trinkspruch gelacht. Die kurze Ansprache sei "scherzhaft (wenngleich komplett unangebracht)" gewesen, heißt es in der Mitschrift.

Pro & Contra zur Sexismusdebatte: Musste Hunt gefeuert werden?

bkr



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zursachet 25.06.2015
1. Liebe Männer
In Zukunft zum Thema Frauen keinerlei Äußerungen mehr. Mann weiß nie wehr gerade mit"aufschreit".
blockhead65 25.06.2015
2. so ein Blödsinn
der Mann ist Wissenschaftler, vielleicht ist er frauenfeindlich eingestellt, vielleicht nicht. Wenn wir Top-Leute wegen solcher Petitessen fertig machen sieht´s düster aus. Jeder Pubs wird unendlich aufgeblasen, wer von uns hat nicht auch schon mal was saublödes gesagt. Hexenjagd wegen nix, und ich empfinde die Rechte der Frauen als äusserst wichtiges Thema - aber wegen einer flapsigen Bemerkung jemanden an den Pranger zu stellen ist furchtbar, für ihn und für die gesamte Gesellschaft
roxxor 25.06.2015
3.
die Sau wurde bereits durchs Dorf gejagt...mehr als peinlich das ganze Thema, ob sich da jemand entschuldigen wird? Ich glaube nicht dran.
nauseam 25.06.2015
4. Hauptsache Skandal
Wieder mal eine Sau durchs Dorf getrieben, ein riesen Aufschrei, damit sich jemand profilieren kann. Der Skandal ist, dass erst Karrieren zerstört werden, bevor jemand fragt, ob es eigentlich stimmt.
geando 25.06.2015
5. Gesinnungspolizei 2.0
Zitat: "Was wirklich am Tisch gesagt wurde, ist schwer zu überprüfen" Aha. Aber für einen Rauswurf von seinem Posten hat dieser "schwer überprüfbare" Sachverhalt doch gereicht? Die AufschreierInnen der Gegenwart geniessen meiner Ansicht nach in erster Linie ihre Macht, andere twittermässig niederzuschreien und aus der Bahn zu drängen. Besonders fatal ist, das die Medien oft auf die Züge aufspringen, ohne diese in Frage zu stellen.
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