Tourreport aus China Drink global, eat local

Nach ihrer langen Radtour durch Europa und Asien und nach der Fußball-WM planen Felix Göpel und Kevin Meisel die Rückreise. Für das russische Transitvisum absolvieren sie den Botschafts-Triathlon - überreden, flehen, zahlen. Und nur literweise Cola kann den kulinarischen Kulturschock in Schanghai kurieren.

Von Felix Göpel


Metropole Schanghai: Warten auf das Visum
Courtesy of the Grand Hyatt

Metropole Schanghai: Warten auf das Visum

Auf unserer einmonatigen Rückreise sind wir weiter nach Westen vorgestoßen. Wir grüßen "ni hao", die Leute rotzen wieder auf die Strasse, die Luft ist benzolgeschwängert, der Himmel grau, die Autos stoppen nie und hupen oft. Wir sind wieder in China.

Auf der Strasse drängen sich Banker, Drogendealer, Rotarmisten, Müllsammler, Souvenirhändler und wir. Prunkvolle Hochhäuser aus vorsozialistischen Zeiten erzählen Geschichten von rauschenden Epochen voller Partys, Dandys und Opium. Die Glitzerfassaden bekannter Konzerne erinnern daran, dass China schon lange nicht mehr kommunistisch ist. Es riecht wieder nach Asien. Willkommen in Schanghai.

In der Mühle der Bürokratie

Was für ein Unterschied zum geregelten Miteinander in Japan! Ordnung und Abenteuer - was César Luis Menotti für den Fußball als existenziell bezeichnet hat, gilt auch für das Reisen. Und ich bin immer wieder froh, wenn ich von einem ins andere komme.

Neues Material: Bonsai-Räder sind keine echte Alternative
Felix Göpel

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Wir mieten uns im viktorianischen Pujiang-Hotel ein. Der überaus stylische Bau war einst bekannt als Astor House Hotel und galt als bestes Haus der Stadt. In der großen Vergangenheit logierten hier illustre Gäste: unter anderem wohnten US-Präsident Ulysses Simpson Grant, Charlie Chaplin und Albert Einstein. Inzwischen ist das Pujiang die erste Adresse für Rucksackreisende. Die Zimmer wurden umgebaut und mit Betten vollgestellt.

In den ehrwürdigen Räumen können sich die Gäste heute die Zeit an einer Kletterwand, mit Videos, Karaoke oder Internet vertreiben. Dazu gibt es auch ein chinesisches Massagestudio, das sich auf Füße spezialisiert hat.

Vom Balkon des Schlafsaals schauen wir direkt auf die russische Botschaft, nur einen Steinwurf entfernt - hoffentlich ein gutes Omen für unser Visagesuchen. Wir probieren es gleich am Tag der Ankunft. Der russische Diplomat erklärt, dass wir ein Transitvisum bekommen, wenn wir ihm unsere Zugfahrkarten zeigen. Wir kaufen zwei Tickets für die Strecke Peking-Moskau.

Fahrkarten von Moskau nach Riga bekommen wir nicht. Die freundliche Chinesin im Reisebüro schaut irritiert bis belustigt, als wir danach fragen. Der russische Diplomat zeigt einen sehr ähnlichen Gesichtsausdruck, als wir ohne die Tickets nach Riga wieder bei ihm auftauchen - und verweigert uns das Visum.

Also versuchen wir es mit Überredung: Wir versprechen, in Russland nicht straffällig zu werden, generell keine Drogen zu kaufen oder zu verkaufen und auch sonst so schnell und unauffällig wie möglich sein Land zu durchqueren. Lächeln beim Diplomaten. Ich habe das Gefühl, er fürchtet nicht unseren schlechten Einfluss auf die russische Gesellschaft, sondern den schlechten Einfluss der russischen Gesellschaft auf uns. Ob wir denn eine Krankenversicherung hätten - ein Hoffnungsschimmer?

Abenteuergeschichten: Vor einer Schulklasse berichteten die beiden über ihre Reise
Felix Göpel

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Wir zeigen unsere Versicherungskarten. Der Diplomat blättert gedankenverloren im Reisepass und studiert die Stempel und Aufkleber der letzten zwölf Monate: Visa aus Jugoslawien, dem Iran, aus Pakistan, Indien, Nepal, und China. "Alles kein Problem", sagen wir.

Und der Diplomat hat Erbarmen. Für 80 Dollar stellt er uns nach dem Versprechen, Moskau auf dem schnellsten Weg nach Riga zu verlassen, ein Zehntages-Visum aus. Wir zahlen also den tourinternen Rekordpreis von mindestens 33 Cent für jede Stunde im Land. Und freuen uns trotzdem.

Die Rache der Flusskrebse

Uns bleibt eine Woche in Schanghai. Wir erkunden die Stadt per Rad und bleiben unterwegs immer wieder an den fantastischen Garküchen der Chinesen hängen. Trotz der ungesunden Vorliebe zum massiven Einsatz von Speiseöl findet man immer wieder die tollsten Sachen. Wo sonst gibt es Flusskrebse bis zum Abwinken für umgerechnet 2,50 Euro?

In den Straßen von Schanghai: Flusskrebse bis zum Abwinken
GMS

In den Straßen von Schanghai: Flusskrebse bis zum Abwinken

Nach zwei Tagen erleidet mein Magen allerdings einen schmerzhaften Kulturschock von Chinas Straßenständen - als wollten sich die Flusskrebse posthum für den Tod im heißen Fett rächen. Immerhin kann ich dem Magen mit japanischen Nudelsuppen und amerikanischen Hamburgern gewohnte Kost zuführen.

Zwei Liter Coca-Cola pro Tag kurieren schließlich alle Beschwerden. Die braune Brause gibt es in Schanghai zum Glück an jeder Ecke. Ein Hoch auf den internationalen Warenaustausch! In Kombination mit der Cola schmecken bald auch wieder die Flusskrebse ohne Nebenwirkungen. Drink global, eat local: So klappt's auch mit der Globalisierung.

Winterjacken, Riesenteddy, Mao-Feuerzeug

Als unsere kulinarische Tour durch Schanghais Gassen endet, fahren wir mit dem Zug nach Peking. Vor uns liegen rund 9400 Kilometer Zugfahrt in sieben Tagen mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Moskau. Unsere Räder sind beladen wie indische Hafenrikschas.

Felix und Kevin: Let's go West
Felix Göpel

Felix und Kevin: Let's go West

Von den Preisen in der Bahn haben wir bisher nur Übles gehört, gratis gibt's angeblich nur heißes Wasser. Deshalb nehmen wir den Proviant selber mit: 32 Nudelsuppen, 16 Schokoriegel, zehn Büchsen Bier, acht Liter Coke und vier Bananen.

Zudem haben wir uns in der Shopping-Metropole Schanghai nach Geschenken für die Daheimgebliebenen umgeschaut und uns fast ausschließlich für die günstigsten Waren entschieden - nicht immer leicht zu transportieren. Mit an Bord dürfen: sechs Winterjacken für die Familie (antizyklisch und im halben Dutzend kaufen spart Geld), ein Riesenteddy für den Sohn des besten Freundes und ein Mao-Sturmfeuerzeug mit elektronischer Erkennungsmelodie für die Ex-Freundin von der Antifa. Let's go West!

Mit dem Rad zur WM - Bilder von einer langen Reise

Felix Göpel und Kevin Meisel: Hier konnten sie sich an einen Lastwagen anhängen und etwas Luft schnappen, das Foto schossen die mitfahrenden Arbeiter. Rattentempel im indischen Rajasthan: Im hinduistischen Tempel werden Ratten als Reinkarnationen von Geschichtenerzählern verehrt, täglich von Mönchen mit Zuckerbällchen und Milch gefüttert. Betreten darf man den Tempel nur barfuß - eine Nervenprobe für Besucher. Indien: Treffen mit einem alten Inder, der über die Radler aus Deutschland staunte.
Mit prächtigen Sonnenuntergängen wurden Felix Göpel und Kevin Meisel für ihre Strapazen entlohnt. Zwischenstation Prag: Rast auf der Karlsbrücke. Iran im Dezember letzten Jahres: Erst wurden die Radler in Teheran verwöhnt, dann mussten sie die harte Fahrt durch die persische Steinwüste antreten.
Kevin in Heaven: Oops, ein riesiges Marihuanafeld... Kurdischer Reiter: Manche Verkehrsmittel sind noch flotter als die beiden Radler - 1 PS in der Osttürkei gegen 4 stählerne Waden. Cave canem: Nicht alle Hunde auf der Tour waren so freundlich wie dieser - bei manchen half nur Pfefferspray.

On the Road: Die Stationen der Tour von Felix und Kevin - klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.




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