Tourreport aus Japan Im Land des Fächelns

Die Fußball-WM ist beendet, alle Mannschaften sind wieder zu Hause. Bis auf das Radsportteam Berlin-Nord. Felix Göpel und Kevin Meisel wollen nach ihrer Radtour durch Europa und Asien auch den Rückweg umweltfreundlich antreten - mit der transsibirischen Eisenbahn von Wladiwostok zurück nach Europa.

Von Felix Göpel


Wenigstens einer: Felix hat den WM-Pokal
Felix Göpel

Wenigstens einer: Felix hat den WM-Pokal

Das Finale haben wir zusammen mit japanischen Freunden in einer Karaokebar unweit vom Stadion gesehen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Das traditionelle Biertrinken setzten wir in Tokio Downtown fort. Dort gab es das Bier in homöopathischen Dosen - 250 Milliliter für fünf Euro. Nachdem wir nachts keinen grünen Platz fürs Zelt fanden, campten wir schließlich auf einem Hochhausdach. Am Morgen danach genossen wir einen phantastischen Ausblick bei Nudeln aus dem Plastiktopf.

Nun müssen wir die Weichen für den Rückweg stellen. Allerdings ist die russische Grenze bestens gesichert - auf der Tournee durch die russischen Botschaften und Konsulate wies man unser Visagesuch stets ab, in Seoul wollte man uns ein Transitvisum für drei Tage ausstellen. Das größte Land der Erde gewährt dem Besucher drei Tage für die Durchreise! Welches Fahrzeug schafft über 9000 Kilometer in drei Tagen? Wenn es eins gibt, verkehrt es gewiss nicht in Russland!

Beim Fußballtraining in Tottori: Erst höfliche Verneigung, dann Blutgrätsche
Felix Göpel

Beim Fußballtraining in Tottori: Erst höfliche Verneigung, dann Blutgrätsche

Unsere Einwände trugen wir in mehreren Konsulaten angemessen höflich russischen Beamten vor und standen trotzdem schnell wieder auf der Straße. Ein Visum für zehn Tage, ausreichend für die Durchreise, bekommen wir nur bei Vorlage von Zugtickets. Die gibt es allerdings nur in Wladiwostok oder bei semidubiosen Reiseveranstaltern, die dafür den fünffachen Preis verlangen.

Aber so schnell geben wir uns nicht geschlagen und versuchen, die postsowjetische Bürokratie mit Hilfe des amerikanischen Kapitalismus auf die Bretter zu schicken. Über das Internet bestellen wir bei einer US-Firma russische Visa. Bearbeitungszeit: zehn Tage. Wir beschließen, die Zeit zu nutzen und ein wenig durch Japan zu trampen.

Daumen raus: Per Anhalter nach Hiroschima
Felix Göpel

Daumen raus: Per Anhalter nach Hiroschima

Unser erstes Ziel: Hiroschima. Unsere japanischen Freunde aus Osaka malen ein zweisprachiges Schild, mit dem wir uns an die Autobahnauffahrt stellen. Der Regen der ersten Woche ist schwüler Hitze gewichen. Mit dem Schild fächeln wir uns abwechselnd Luft zu und weisen die Autofahrer auf unser Reiseziel hin. Die Japaner sind wirklich hilfsbereit, und wir kommen schnell nach Hiroschima.

In der Stadt weist nichts darauf hin, dass hier die Atombombe gezündet wurde. Sie unterscheidet sich kaum von anderen japanischen Städten. Am so genannten "Ground Zero", an dem 1945 nahezu alles in Asche verwandelt wurde, stehen heute ein Baseballstadion, ein Park, ein Mahnmal und ein Museum. Wir besichtigen das Museum und schlafen nachts im Park, in dem kein Baum älter als 50 Jahre alt ist.

"Atomic Bomb Dome" in Hiroschima
Felix Göpel

"Atomic Bomb Dome" in Hiroschima

Unser nächstes Ziel ist Tottori. Mittlerweile haben wir ein ordentliches Netzwerk an Freundschaften geflochten. Das und unsere anspruchslose Lebenshaltung erlaubt es uns, den japanischen Preisen aus dem Weg zu gehen. Wir zahlen hauptsächlich für Nudelsuppen und den Rotwein für unsere Gastgeber. In Tottori wohnen wir bei Ralf, der in Japan als Fußballtrainer und Englischlehrer seine Yen verdient.

Das schwüle Wetter und die leistungsstarken Klimaanlagen japanischer Autos haben mir einen ordentlichen Schnupfen beschert. In Japan ist eine laufende Nase extra schlimm, da es als unhöflich gilt, öffentlich ins Taschentuch zu schnauben - nur eine von unzähligen ungeschriebenen Benimmregeln.

Ralf und seine Freundin Tokiko helfen uns: Wir essen Nudelsuppe ohne zu schlürfen - unhöflich, ein Affront gegen den Koch. Wir stecken die Stäbchen in den Reis - pietätlos, macht man nur auf Beerdigungen. Wir stecken die Visitenkarte eines Japaners in die Gesäßtasche - demütigend, die Karte hat am Hintern nichts verloren. Doch die Japaner sind bei Ausländern sehr nachsichtig, wir überstehen jede versehentliche Normverletzung folgenlos.

Und wir bereuen nicht, in Japan auf das Visum warten zu müssen. Das Schöne an Japan sind die kleinen Unterschiede zu Europa. Beispiel? Gern: Taschenaschenbecher. Den ersten sah ich in Hiroshima an einer Haltestelle. Ein älterer Geschäftsmann holte ein kleines Metalletui, Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. Ich dachte zunächst überrascht, das ist ein Mischdöschen, und der Mann will sich an der Haltestelle einen bauen. Aber er hatte nur Sorge, auf die Gleise zu aschen.

Felix und Kevin: Mit den Benimmregeln auf Kriegsfuß
Felix Göpel

Felix und Kevin: Mit den Benimmregeln auf Kriegsfuß

Zweitens: der Taxiservice. Die Japaner sind überaus trinkfreudig, als Ausländer wird man in die Gelage schnell einbezogen. Wer sich am Ende nicht mehr in der Lage fühlt, selbst zu fahren, kann sich einen Taxifahrer rufen, der Fahrzeug und Partygäste sicher heimbringt.

Drittens: elektronisch beheizte Toilettenbrillen. Sehr angenehm, so werden für Stehpinkler Anreize statt Verbote geschaffen, in die Knie zu gehen. Angewärmte Klobrillen bin ich zwar auch aus meiner WG in Kreuzberg gewöhnt, aber hier hat das Methode.

Endlich Ersatz: Test neuer Räder in Osaka
Felix Göpel

Endlich Ersatz: Test neuer Räder in Osaka

In Tottori erhalten wir Nachricht von den amerikanischen Visa-Troubleshootern. Wegen eines Abkommens mit den Russen können sie uns nur ein Visum ausstellen, wenn wir eine Green Card haben. Der logische Zusammenhang bleibt uns auch nach angestrengtem Nachdenken verschlossen.

Aber die russische Bürokratie scheint schwer zu umgehen. Wir suchen abermals die Reisebüros auf, sie bleiben bei ihren utopischen Vorstellungen. Bei solchen Preisen muss man reisen - wir beschließen, nach China zu fahren und Russland von Süden aus in Angriff zu nehmen. In Peking können wir die Tickets am Schalter kaufen. Und dann bekommen wir wohl auch endlich das Visum.


Mit dem Rad zur WM - Bilder von einer langen Reise

Felix Göpel und Kevin Meisel: Hier konnten sie sich an einen Lastwagen anhängen und etwas Luft schnappen, das Foto schossen die mitfahrenden Arbeiter. Rattentempel im indischen Rajasthan: Im hinduistischen Tempel werden Ratten als Reinkarnationen von Geschichtenerzählern verehrt, täglich von Mönchen mit Zuckerbällchen und Milch gefüttert. Betreten darf man den Tempel nur barfuß - eine Nervenprobe für Besucher. Indien: Treffen mit einem alten Inder, der über die Radler aus Deutschland staunte.
Mit prächtigen Sonnenuntergängen wurden Felix Göpel und Kevin Meisel für ihre Strapazen entlohnt. Zwischenstation Prag: Rast auf der Karlsbrücke. Iran im Dezember letzten Jahres: Erst wurden die Radler in Teheran verwöhnt, dann mussten sie die harte Fahrt durch die persische Steinwüste antreten.
Kevin in Heaven: Oops, ein riesiges Marihuanafeld... Kurdischer Reiter: Manche Verkehrsmittel sind noch flotter als die beiden Radler - 1 PS in der Osttürkei gegen 4 stählerne Waden. Cave canem: Nicht alle Hunde auf der Tour waren so freundlich wie dieser - bei manchen half nur Pfefferspray.

On the Road: Die Stationen der Tour von Felix und Kevin - klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.






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