Tourreport aus Moskau Runter kommen sie immer

Auf dem Rückweg nach Berlin bleiben die WM-Touristen Felix Göpel und Kevin Meisel ein paar Tage in Moskau. Die Stadt hat den Radlern einiges zu bieten: Fallschirmsprünge zu Wegwerfpreisen, Scharmützel mit betrunkenen Soldaten und ein Wiedersehen mit einem Hippie aus dem Dschungel von Nepal.

Von Felix Göpel


Vor dem Sprung: Felix und Kevin markieren wilde Entschlossenheit - jedenfalls für den Fotografen
Felix Göpel

Vor dem Sprung: Felix und Kevin markieren wilde Entschlossenheit - jedenfalls für den Fotografen

Der russische Diplomat in Busan hatte uns vorgewarnt: "Russia is a very strange country." Russland ist ein überaus merkwürdiges Land - und dazu hatte er gelacht und uns dann das Visum verweigert. Jetzt sind wir angekommen, und unser russischer Freund Kirill holt uns vom Bahnhof in Moskau ab.

Kirill ist Juwelier, Hippie, Überlebenskünstler, Abenteurer und Fahrradfahrer. Ich habe ihn im März dieses Jahres im nepalesischen Dschungel getroffen. Er war wie ich mit dem Rad unterwegs auf dem Weg nach Katmandu, und weil wir uns gleich gut verstanden und er einen stattlichen Vorrat Haschisch in seinem Lenker versteckt hatte, sind wir die Strecke zusammen gefahren.

Auf meiner persönlichen Liste der abgefahrensten Typen steht Kirill ganz weit oben. Als wir mit Kevin per Jeep nach Lhasa fuhren, hat er sich auf den 5000 Meter hohen Pässen in Tibet munter eine Tüte gedreht, während ich, von der Höhenluft gezeichnet, verzweifelt gegen das Erbrechen kämpfte.

Wir bringen unser Gepäck zu Kirill nach Hause und schauen uns Moskau an. Auf dem Roten Platz werden wir von zwei Polizisten kontrolliert. Wer länger als drei Tage in der Stadt ist, muss sich bei der Polizei oder in seinem Hotel registrieren lassen. Weil wir nicht registriert sind und die Polizisten nicht wissen, wie lange wir schon in Moskau sind, wollen sie uns mit auf die Wache nehmen.

In St. Petersburg: Mit Überlebenskünstler Kirill an den schönsten Plätzen der Stadt Am Puls der russischen Macht: Das Radsportteam Berlin-Nord ist auf dem Roten Platz angekommen, wo einst Matthias Rust landete Die russische Armee privatisiert: Hubschraubereinsatz gegen harte Dollar

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Zum Glück zeigt unser Stempel im Pass, dass wir vor fünf Tagen an der chinesisch-russischen Grenze im Zug saßen. Nach 20 Minuten hat Kirill die Polizisten überzeugt, dass wir erst heute angekommen sind. Und er bestätigt: Russia is a very strange country.

Wir wollen die fünf Tage, die uns das russische Visum noch zubilligt, so gut wie möglich nutzen und fahren übers Wochenende mit Kirill nach St. Petersburg. Der Himmel ist blau, die Sonne lacht, auf den Straßen laufen die schönsten Mädchen herum. Obwohl man sich klamottenmäßig dem Einfluss der achtziger Jahre noch nicht ganz hat entziehen können: Die Frauen tragen Röckchen und Bluse textilsparend knapp, die Männer bevorzugt Netzhemden und gern ein Bier in der Hand - eine Atmosphäre wie auf der Dorfdisko in der Lausitz vor zehn Jahren. Und man fühlt sich schnell wohl.

Jubiläum in Moskau: Seit einem Jahr auf Achse

Wir klappern die Sehenswürdigkeiten der Stadt ab. Die Souvenirhändler verkaufen Osama-Bin-Laden-Matrjoschkas, in denen Massenmörder vergangener Zeiten stecken: Stalin, Mao, Pol Pot.

Im Nachtzug zurück nach Moskau erzählt uns Kirill, wie seine Fahrradtour durch China ein spektakuläres Ende nahm. Im Juni hatte das Land, ähnlich wie jetzt, mit schweren Hochwassern zu kämpfen. Unser russischer Freund wurde eines Nachts, als er neben einem Fluss im Freien schlief, von einer Flutwelle mitgerissen. Fahrrad und Gepäck hat er seitdem nicht wieder gesehen. Im Morgengrauen zogen ihn einige chinesische Arbeiter aus den Fluten, nachdem er sich über zwei Stunden lang in der Mitte des Stromes an einen Baum geklammert hatte.

Auf dem Sprung: Nur Liegen ist schöner

Am Montag feiern Kevin und ich in Moskau Jubiläum: Vor genau einem Jahr sind wir in Berlin mit den Rädern losgefahren. Kirill macht uns einen Vorschlag: "Gönnt euch einen Fallschirmsprung, Jungs! Der Spaß kostet euch in Moskau als Tandemsprung nur 100 Dollar. Wer kann da noch 'Njet' sagen?" Keiner von uns war vorher jemals Fallschirmspringen. Kevin hat immer noch ein lädiertes Knie vom Radfahren. Und um meinen Magen zu schocken, reicht gewöhnlich schon ein einfaches Kettenkarussell.

Auf dem Weg nach unten: Knie, Magen und Russen überstanden den Sprung halbwegs unversehrt Nach der unsanften, aber unfallfreien Landung: Sergej und Felix posieren fürs Erinnerungsfoto BiGa - Felix Göpel / Radler / Russland - Flug TEXT (thumb)

Kurz vor dem Herzkasper: Die sprunghaften Radler - per Klick auf ein Bild geht's zur Großansicht


Eine Stunde später stehen wir auf dem Flugplatz der ehemaligen Roten Armee. Sergej, mein Fallschirmlehrer, sieht nicht so aus, als würde er sich regelmäßig aus dem Helikopter werfen. Er ist locker über 60 Jahre alt, sein weißes Haar zum Zopf gebunden. Mit seinem mächtigen Bart gleicht er eher einem russischen Philosophen als einem ehemaligen Fallschirmjäger.

Die Einweisung dauert keine zehn Minuten. Sergej und Kevins Lehrer Eduard erklären uns das Wichtigste, Kirill übersetzt. Als Kevin fragt, warum die Anweisungen im Original immer länger sind als in der Übersetzung, lacht Kirill: "Ihr wisst doch, mein Englisch ist nicht so gut." Ich habe schon zu viel Adrenalin im Blut, um herzlich mitlachen zu können. Auf dem Weg zum Helikopter ruft Kirill uns hinterher: "Keine Sorge, Jungs, die Rote Armee macht keine Fehler!" Ich denke an den Diplomaten in Busan: Russia is a very strange country.

Der Hubschrauber gewinnt an Höhe, meine Nervosität steigt mit, die Vorfreude nicht. Ich habe nie durch waghalsige Sprünge auf mich aufmerksam gemacht. Früher in der Grundschule war ich der Letzte, der vom Einmeterbrett gesprungen ist, und der Letzte vom Dreier. Das Fünfmeterbrett habe ich immer nur von unten gesehen.

Und jetzt gleich hoch auf 4000 Meter. Kevin sieht wesentlich lockerer aus, als ich mich fühle. Die Luke geht auf. Ein Springer nach dem anderen wirft sich in den blauen Himmel. Kevin zwinkert mir zu und springt mit Eduard auf seinem Rücken hinaus. Jetzt bin ich wohl dran.

Vom freien Fall, immerhin fast eine halbe Minute, bekomme ich fast nichts bewusst mit: zu wenig Blut im Adrenalin. Aber als der Schirm sich öffnet und unseren Fall bremst, bekomme ich das Gefühl, etwas Großartiges zu tun. Unter mir breitet sich Moskau aus. Zu meiner Überraschung fängt Sergej hinter mir plötzlich an, Englisch zu reden. Der freie Fall muss sich positiv auf seine Denkleistung ausgewirkt haben.

Kollision mit trinkfesten Soldaten

Er gibt mir die Seile in die Hand und fliegt eine scharfe Kurve, die meinem Magen allerdings übel bekommt. "Uohhh, take it easy, Sergej!", rufe ich. Und wir kommen gut unten an. Bei der Landung vergesse ich zwar, die Beine anzuziehen, sodass ich zuerst aufsetzte. Aber beim anschließenden dreifachen Überschlag auf dem Rollfeld ziehen sich weder Sergej noch ich ernste Blessuren zu.

Radler Felix und Kevin: Die letzten Etappen führen nach Warschau und Berlin
Felix Göpel

Radler Felix und Kevin: Die letzten Etappen führen nach Warschau und Berlin

Abends feiern wir mit Kirill im Park unseren Sprung und zugleich den letzten Tag in Moskau. Um uns herum sind unzählige Soldaten dabei, sich mit Bier und Wodka um den Verstand zu trinken. Klar, in jeder Kultur spielt Alkohol eine wichtige Rolle. Aber in Russland hat das Trinken eine andere Dimension.

Kevin beschließt, sich den Gepflogenheiten anzupassen, und bestellt in einer nahe gelegenen Trinkhalle drei große Pils für uns. Auf dem Weg zurück durch eine Straßenunterführung versperren ihm fünf Soldaten den Weg. Es sind üble Gesellen. Die Abzeichen an ihren Uniformen weisen sie als Fallschirmjäger der russischen Armee aus. Ihr Atem zeugt von extensivem Alkoholgenuss. Und ihre Gesichter sind derart deformiert und verfärbt, dass sie zweifelsohne schon mehr als eine Prügelei hinter sich haben.

Sie fordern Kevin auf, sein Geld herauszurücken. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Art informeller Wegezoll für die Benutzung der Straßenunterführung. Als Kevin ihnen erklärt, er verstehe sie nicht, machen die Männer geschlossen einen Schritt auf ihn zu. Die Zeichen stehen auf Sturm, und mein Partner entschließt sich zum kontrolliertem, aber zügigen Rückzug.

Er drückt dem nächsten Russen die Biere in die Hand, macht auf dem Absatz kehrt und sprintet in die Dunkelheit. Die Soldaten sind offenbar zu betrunken, um die Verfolgung aufzunehmen. Der erste Raubüberfall unserer einjährigen Tour endet glimpflich - ohne Verletzungen, aber mit dem Verlust der alkoholischen Getränke.

Russia is a very strange country.

Was zuvor geschah - mit der transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Moskau

Gemeinsam durch Dick und Dünn: Die beiden chinesischen Abteilgenossen Entlang der Strecke: Ein Dorf an der Bahnlinie Monotonie in Grün: Felix Göpel späht nach Birken und Wiesen
Neben der Spur: Die chinesisch-russische Grenze brachte etwas Auslauf für die Passagiere Birken, wohin das Auge reicht: Subventioniert Russland die Birkenindustrie? Kleine Pause: Jeder Zwischenstopp bringt Abwechslung

Stur in der Spur: 8000 Kilometer auf Schienen - per Klick auf ein Bild gelangen Sie zur Großansicht




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