Tourreport des Radsportteams In einem Zug von Peking nach Moskau

Nach vielen tausend Kilometern per Rad und einem Abstecher zur WM nehmen Felix Göpel und Kevin Meisel die transsibirische Eisenbahn. Eine Legende auf Schienen - auf 8000 Kilometern Weg sehen die Berliner Studenten vor allem dies: blühende Wiesen, Wildblumen, Birken.

Von Felix Göpel


Bitte einsteigen und Türen schließen: Abfahrt in Peking
Felix Göpel

Bitte einsteigen und Türen schließen: Abfahrt in Peking

Nachts im Pekinger Hauptbahnhof rollt lautstark die transmandschurische Eisenbahn ein - unser Zuhause für die nächsten sechs Tage. Es ist ein legendärer Zug, die 8000 Kilometer von Peking nach Moskau beschreiben viele als unvergessliches Erlebnis und großes Abenteuer: Höchste Eisenbahn, dem Mythos ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

Der erste Eindruck ist osteuropäischer Charme. Die beiden russischen Zugbegleiterinnen sind von burschikoser Freundlichkeit, solange die Fahrgäste sich ordentlich den Dreck von den Sohlen putzen. Es sind imposante Frauen, so kräftig, dass sie mit ihren Hüften fast beide Seiten des Zugflures gleichzeitig säubern können.

Die Waggon-Innenwände sind mit Kunststoffholz in Hellbraun verkleidet, den Flur schmücken rosaweiße Plastikblumen. Wir bekommen zu zweit eine Vier-Mann-Kabine und sind froh, dass es endlich losgeht und wir unsere Ruhe haben.

Auf der Fahrt gen Russland kommt die erste Überraschung beim ersten Zwischenstopp: Wir haben das Abteil doch nicht für uns allein. Zwei Chinesen, ein Dicker und eine Dünner, dringen schwer beladen und kräftig schwitzend in unsere neu geschaffene Gemütlichkeit ein. Nun wird bis Moskau alles etwas enger, stickiger und lauter. Die beiden sprechen kein Englisch, wir kein Chinesisch. Kevin stöhnt auf: "Ich wette, der Dicke schnarcht!"

Stur in der Spur - 8000 Kilometer auf Schienen

Gemeinsam durch Dick und Dünn: Die beiden chinesischen Abteilgenossen Entlang der Strecke: Ein Dorf an der Bahnlinie Monotonie in Grün: Felix Göpel späht nach Birken und Wiesen
Neben der Spur: Die chinesisch-russische Grenze brachte etwas Auslauf für die Passagiere Birken, wohin das Auge reicht: Subventioniert Russland die Birkenindustrie? Kleine Pause: Jeder Zwischenstopp bringt Abwechslung

Die Reise von Peking nach Moskau - Klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.


Noch eine unangenehme Überraschung: ein schmetterlingsgroßer Fleck, tja, unklarer Herkunft auf meinem Kopfkissen. "Dreh's um!", sagt Kevin pragmatisch. Auf der anderen Seite klebt ein kurzes, braunes, gekringeltes Haar - hoffentlich von einer Achsel oder zumindest dem Rücken. Die Zugbegleitung verkauft uns frische Bettwäsche.

Kevin hat beschlossen, die Zugfahrt zum Fasten zu nutzen. Die Wochen in Korea und Japan waren bewegungsarm und kalorienreich. Für die Schlussetappe von Warschau nach Berlin, die wir mit dem Fahrrad zurücklegen wollen, möchte er seinen cW-Wert verbessern. Das sichert mir den alleinigen Zugang zur Verpflegungskiste.

Der Dicke schnarcht nicht, wir schlafen gut in der ersten Nacht. In jedem Wagen gibt es umsonst heißes und kaltes Wasser, in den hinteren Waggons lassen sich die Fenster öffnen. Ich entdecke einen mäßig attraktiven Speisewagen. Im Zug sind fast ausschließlich Russen und Chinesen, ganz am Ende auch einige Rucksackreisende.

Die Landschaft, die an uns vorbeizieht, ist schön: blühende Wiesen, jede Menge Wildblumen, ab und zu ein paar Birken. Nach eineinhalb Tagen Mandschurei erreichen wir die chinesisch-russische Grenze. Das reißt die Fahrgäste aus ihrer Reiselethargie - ein Ruck geht durch den Zug. Die Passagiere ordnen ihr Gepäck, manche ziehen sich zu Ehren der Grenzer ein Hemd über den nackten Oberkörper oder putzen sich rasch die Zähne.

Die Grenzer sind nette Leute. Uns kontrolliert eine blonde Russin mit dunklem Haaransatz, in ihrer Uniform durchaus attraktiv. Sie macht Stichproben beim Gepäck, findet unsere Schmutzwäsche und verlässt das Abteil ohne weitere Fragen. Weil die Spurbreite sich in Russland ändert, müssen nach der Passkontrolle alle für mehrere Stunden den Zug verlassen.

Knoblauchdunst steigert das Fastenvergnügen

Russland unterscheidet wenig von der Mandschurei: blühende Wiesen, jede Menge Wildblumen, ab und zu ein paar Birken. Weil es im Zug keine Dusche gibt, bleibt allein der Wasserspender in der Toilette. Alle Fahrgäste bewegen sich gemeinsam auf einem dürftigen Hygiene-Niveau.

Probleme bereiten uns nur die kulinarischen Vorlieben unserer zwei Chinesen. Schon bei unserer Radtour haben wir festgestellt, dass Chinesen einen überaus großzügigen Umgang mit Knoblauch pflegen. Auf den Restauranttischen stehen oft Teller mit in Öl eingelegten Knoblauchzehen, die der Gast grob zerstückelt oder auch im Ganzen über sein Essen streut. Unsere Bettnachbarn haben offenbar einige Tellerchen mitgenommen, auf jede Mahlzeit - ich kann das vom Hochbett gut beobachten - kommt mindestens eine Zehe. Die Klimaanlage arbeitet hart.

Aber spätestens beim Abendessen muss sie passen. Kevins Fastentage beginnen so unter Extrembedingungen. "Ich wünschte, der Dicke würde schnarchen und hätte dafür den Knoblauch zu Hause gelassen", stöhnt er.

Einen Höhepunkt der Reise verschlafe ich: Die Fahrt am Ufer des Baikalsees entlang gilt als der schönste Abschnitt. Nach dem Aufwachen sehe ich nur das bekannte Bild der Wildwiese mit Birken.

Mit "Faust" gegen die Eintönigkeit

Mittlerweile fahren wir auf den Gleisen der traditionellen transsibirischen Strecke von Moskau nach Wladivostok. Zwei weitere Strecke führen von Moskau nach Peking: Die Route durch die Mongolei heißt transmongolisch, die durch die Mandschurei transmandschurisch. Diese Unterscheidung hat sich im Englischen durchgesetzt, in Deutschland benutzt man meist für alle drei Strecken den Begriff "transsibirisch".

Kevin Meisel und Felix Göpel: Strapaziöse Rundfahrt
Felix Göpel

Kevin Meisel und Felix Göpel: Strapaziöse Rundfahrt

Kevin sieht nach einer halben Woche ohne Nahrung bleicher, aber nicht sichtbar schlanker aus und vertreibt sich die Zeit mit einer Rangliste seiner Lieblingsgerichte. Ich lese zum zweiten und dritten Mal auf dieser Tour "In eisigen Höhen" von John Krakauer und "Imperium - sowjetische Streifzüge" von Ryszard Kapuscinski. Und beginne dann, aus Langeweile Goethes "Faust" auswendig zu lernen.

Für Abwechslung sorgen nur Zwischenstopps, bei denen wir für einige Minuten den Zug verlassen können. Wir passieren interessante Städte (Nowosibirsk, Jekaterinburg, Omsk), sehen aber immer nur den Bahnsteig, den Cola-Automaten oder russische Rentner.

Mittendrin, aber nicht dabei

Fahren wir im Kreis? Überall das gleiche Bild: wilde Wiesen und Birken. Wir sind schon über 6000 Kilometer unterwegs und haben vier Zeitzonen durchquert - aber die Landschaft bleibt: Monotonie in Grün. Unglaublich, wie viele Birken es in Russland gibt.

Um den dritten Höhepunkt der Fahrt nicht zu verpassen, bin ich nach meinem Fauxpas am Baikalsee besonders aufmerksam: Eine Stunde hinter Jekaterinburg rauscht ein weißer Obelisk am Zugfenster vorbei. Der kontinentale Grenzstein - wir sind wieder in Europa! Nach sechs Tagen und 8000 Kilometern auf Schienen erreichen wir Moskau. Kevin kann wieder anfangen zu essen.

Unser Fazit: Wir haben zwar viel von Russland gesehen, aber hatten nicht das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Die Zeit im Zug war so informativ wie ein sechstägiger tonloser Dokumentarfilm über Russland mit dem Themenschwerpunkt Birke. Wir haben nur gesehen, was die Fenster freigaben. Wir haben nichts gehört als das Rattern des Zugs. Und wir haben nichts gerochen außer Achselschweiß und chinesischen Knoblauch. Wer so eine Zugfahrt plant, sollte auf jeden Fall ein paar gute Bücher mitnehmen.

Was zuvor geschah - mit dem Rad quer durch Europa und Asien zur Fußball-WM

Felix Göpel und Kevin Meisel: Hier konnten sie sich an einen Lastwagen anhängen und etwas Luft schnappen, das Foto schossen die mitfahrenden Arbeiter. Rattentempel im indischen Rajasthan: Im hinduistischen Tempel werden Ratten als Reinkarnationen von Geschichtenerzählern verehrt, täglich von Mönchen mit Zuckerbällchen und Milch gefüttert. Betreten darf man den Tempel nur barfuß - eine Nervenprobe für Besucher. Indien: Treffen mit einem alten Inder, der über die Radler aus Deutschland staunte.
Mit prächtigen Sonnenuntergängen wurden Felix Göpel und Kevin Meisel für ihre Strapazen entlohnt. Zwischenstation Prag: Rast auf der Karlsbrücke. Iran im Dezember letzten Jahres: Erst wurden die Radler in Teheran verwöhnt, dann mussten sie die harte Fahrt durch die persische Steinwüste antreten.
Kevin in Heaven: Oops, ein riesiges Marihuanafeld... Kurdischer Reiter: Manche Verkehrsmittel sind noch flotter als die beiden Radler - 1 PS in der Osttürkei gegen 4 stählerne Waden. Cave canem: Nicht alle Hunde auf der Tour waren so freundlich wie dieser - bei manchen half nur Pfefferspray.

On the Road: Die Stationen der Tour von Felix und Kevin - klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.




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