Tourreport Mit dem Rad zu Olli Kahn

Mit dem Fahrrad zur Fußball-WM, so lautete der Plan von Felix Göpel und Kevin Meisel. Mit 50 Kilo Gepäck radelten die beiden Studenten von Berlin erst nach Indien, dann nach Korea - und berichten bei UniSPIEGEL ONLINE. Im dritten Teil ihres Tourreports suchen sie verzweifelt Fernseher, treffen eine jamaikanische Studentin - und werden ziemlich nass.


Von Berlin nach Korea: Felix und Kevin im WM-Fieber
Felix Göpel

Von Berlin nach Korea: Felix und Kevin im WM-Fieber

Es nieselt, als Kevin und ich Osaka erreichen. Regenzeit. Nach dem Viertelfinale hatten wir Korea verlassen und waren mit der Fähre nach Japan aufgebrochen. Das Land wirkt auf den ersten Blick wohlhabend, von einer Wirtschaftskrise ist nichts zu spüren - außer bei uns: Ein halber Liter Wasser aus dem Automaten kostet 1,50 Euro, eine Kiwi 1,25 Euro und eine Büchse Bier 2,50 Euro.

Also trinken wir japanisches Leitungswasser, das zwar wie frisch aus dem Schwimmbecken schmeckt, aber zumindest bakterienfrei sein dürfte. In unseren Satteltaschen finden wir noch ein paar Vitamintabletten aus Deutschland, die stärker als der Chlorgeschmack sind und uns fit gegen den Regen machen.

Zehn Tage im Freien

Weil eine Übernachtung im Hostel zu teuer ist, beschließen wir, die nächsten zehn Tage im Zelt zu schlafen. Die erste unbebaute Fläche, die wir in Osaka finden, ist ein Reisfeld. Schließlich übernachten wir wenig gemütlich in einem Park. Keine gute Idee, wie wir wenig später merken, denn der japanische Regen prasselt in Strömen nieder.

Der zweite Tag. Vor dem Supermarkt kommen wir mit einem Japaner ins Gespräch, der gerade seinen Laden renoviert. Er schlägt uns einen Deal vor: Wir helfen ihm beim Isolieren der Wände und bekommen dafür ein Bett und Essen.

Bei dem Japaner können wir auch das Halbfinale Deutschland gegen Südkorea im Fernsehen anschauen. Super, denken wir uns, denn wir hatten schon befürchtet, das Spiel vor dem Fernseher bei McDonald's verfolgen zu müssen. Unser Gastgeber freut sich mit uns, dass die deutsche Mannschaft wieder nach Japan kommt, und spendiert reichlich japanisches Bier.

Regenschirme neben dem Mülleimer

Bei unserem neuen Freund stellen wir unsere Räder unter und verlassen Osaka Richtung Norden. Auf dem Weg nach Yokohama wollen wir uns die Gelegenheit, den Mt. Fujiyama zu besteigen, nicht entgehen lassen. In den vergangenen zehn Monaten hat unsere Ausrüstung stark gelitten. So manches wurde gestohlen, ging kaputt oder verloren. Es regnet noch immer in Strömen. Doch daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Wir zelten unter einer Bahnhofsbrücke und siehe da: Neben dem Mülleimer liegen zwei Regenschirme.

Das letzte Stück bis zum Fujiyama trampen wir. Dann wird es knallhart: Umhüllt von dichtem Nebel und Regen stapfen wir durch den Schnee. Nach acht Stunden erreichen wir unser Ziel. Doch wir können nicht behaupten, besonders viel vom Berg gesehen zu haben, aber immerhin waren wir oben. Wieder im Tal nehmen wir die Bahn nach Yokohama.

Rollende Straßenschuhe

Von WM-Atmosphäre ist in der Stadt des Finales nicht viel zu spüren. Das gigantische Städtekonglomerat aus Yokohama, Tokio, Kawasaki und Saitama schluckt die wenigen Touristen mühelos. Eine öffentliche Großbildleinwand, auf der das Spiel übertragen wird, finden wir nicht. Dafür aber jede Menge McDonald's-Filialen - und schräge Accessoires: Handys mit integrierter Kamera, flache Fernsehbildschirme in den Autos und Schuhe, mit denen man dank einer kleinen Rolle unter der Sohle bergab nicht laufen muss.

Für uns ist alles wieder mal zu teuer. Schade, denn so einen kleinen Fernseher hätte ich gerne auf meinem Fahrradlenker gehabt.

Dusche, Dinner, Übernachtung

In Tokio suchen wir wieder einmal nach einem gepflegten Park und haben Glück. Eine jamaikanische Studentin lädt uns in ihre Wohnung ein. Sie sagt, wir sähen so aus, als hätten wir warmes Wasser und Seife dringend nötig. Wir freuen uns, danken und erklären, der Dreck sei nur der Lavastaub vom Fujiyama, der sich hartnäckig an uns geheftet hat. Kevin und ich kaufen noch drei Flaschen australischen Rotwein, um den Abend mit unserer Gastgeberin und ihrer nigerianischen Freundin zu feiern.

Auch am nächsten Morgen bleibt uns das Glück treu. Es regnet kaum und in der U-Bahn schenkt uns eine Japanerin zwei Stadionkarten für das Finale. Es sind zwar nur Tickets für die Fernsehübertragung im Stadion von Tokio, aber besser als der Bildschrim bei McDonald's ist das allemal.

Die letzten eineinhalb Tage bis zum Finale zelten wir im wunderschönen Yoyogi-Park in Tokio, um unser Geld für das WM-Bier zu sparen. An ein Finale mit deutscher Beteiligung haben wir während unserer Reise durch Eurasien nicht so recht geglaubt. Vom 1:5 in der Qualifikation haben wir in Belgrad erfahren und wurden im Laufe der Tour von jedem Engländer, den wir getroffen haben, daran erinnert.

Nowotnys Kreuzbandriss

Die Relegationsspiele gegen die Ukraine haben wir so weit wie möglich in Teheran gesehen. Leider mussten wir uns mit der Zusammenfassung im iranischen Staatsfernsehen zufrieden geben, denn bei der Deutschen Botschaft durften wir nicht Fernsehen schauen und die ukrainische Botschaft haben wir nicht gefunden. Im chinesischen Xining informierte uns der Live-Ticker online über Nowotnys Kreuzbandriss. Und in Korea bangten wir, dass die deutsche Mannschaft die Vorrunde übersteht und ebenfalls nach Korea kommt. Und nun sind wir alle in Yokohama. So viel steht für uns schon fest: Zur nächsten WM fahren wir wieder mit dem Fahrrad.



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