Studentenurlaub mit Pappschild "Nach Süden"

So ist das beim Trampen: Ewig hältst du dein Schild raus. Und wenn es aussieht, als hielte keiner mehr, stoppt ein Mensch mit Herz und nimmt dich mit. Profi-Mitfahrer verraten, wie man mit Fremden sicher ans Ziel kommt.

Von Ines Schipperges


Markus Winter, 27, war auf dem Weg von Lissabon nach Lappland, als es in einem schwedischen Dorf nicht mehr weiterging. Er hatte den ganzen Tag in Autos fremder Menschen gesessen, nur um jetzt am Abend irgendwo in der Provinz hängenzubleiben. Er wollte die Nacht eigentlich in Göteborg verbringen, doch das war noch etwa 50 Kilometer entfernt. "Dann fragte mich eine Familie einfach so, wo ich hinwolle - und brachte mich kurzerhand bis nach Göteborg", erinnert sich Markus. Dabei lag ihr eigenes Ziel in entgegengesetzter Richtung.

So ist das manchmal beim Trampen: Man denkt, dass heute keiner mehr anhält, und dann kommt doch einer, der ein Herz hat und einen dort abliefert, wo man hinwill. Mit ein bisschen Glück gibt es auf der Fahrt auch noch gute Gespräche - so wie mit der schwedischen Familie. Trampen ist "absolute Ungewissheit", sagt Winter. Aber es beschere einem auch immer wieder aufregende, rührende, manchmal beglückende Erlebnisse.

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In den sechziger, siebziger oder achtziger Jahren, da standen sie oft in Scharen auf den Raststätten, an Autobahnauffahrten, auf Tankstellen. Junge Menschen auf Durchreise, oft Studenten, die ein Schild mit ihrem Sehnsuchtsziel hochhielten. "Paris" stand darauf. "Amsterdam". Oder einfach: "Nach Süden". Dann waren die Tramper plötzlich verschwunden, für eine lange Zeit. Jetzt sieht man sie wieder häufiger. Weil Trampen zum Zeitgeist passt. Zu Couchsurfing, Containern und Tauschbörsen. Zum Versuch, nichts zu verschwenden, auch nicht den Platz im Auto, der ja reichlich vorhanden ist: In einem deutschen Pkw sitzen durchschnittlich 1,5 Menschen.

Ein guter "Spot" ist alles

"Trampen ist eine tolle Form des Unterwegsseins", sagt Winter, der schon Zehntausende Kilometer mit Fremden durch Europa reiste. Trotzdem dürfe man sich nicht zu blauäugig an den Straßenrand stellen und den Daumen raushalten. Profis investieren Zeit in die Planung, zum Beispiel Luise Wilborn, 24, und Andreas Ostermann, 31, die fast in jedem Urlaub gemeinsam durch die Welt trampen. Sie raten: "Wer es schaffen will, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort anzukommen, braucht nicht nur Glück, sondern sollte auch die Gegend kennen."

Die beiden machen sich Pläne mit Raststätten, studieren die Straßenkarten, suchen sich strategisch günstige Plätze für Zwischenstopps aus. Ein guter "Spot", also Startpunkt, ist alles. Wichtigste Regel: Von kleinen Orten in größere ist der Weg einfacher als umgekehrt. Viele Tramper recherchieren auf Seiten wie "Hitchwiki" oder "Hitchbase", um herauszufinden, welcher Spot sich am besten eignet, um weiterzukommen.

Eine Garantie, noch vor Tagesende irgendein Bett zu erreichen, gibt es freilich nie. "Für Isomatte und Schlafsack für die Übernachtung im Freien muss immer Platz sein, auch wenn das Gepäck so knapp wie möglich ausfallen sollte", sagt Markus Winter. Nachts zu trampen ist für die meisten Profi-Tramper keine richtige Option. Im Dunkeln gerät man leichter an die Falschen: an Männer, die grapschen wollen, oder an Diebe, die den Trampern das Wenige klauen, was sie dabeihaben. Wer sich unsicher fühlt, sollte sich besser auch tagsüber mit einem Freund an den Straßenrand stellen. Trampen sei natürlich immer ein gewisses Risiko, sagt Winter. Wie viele andere hat er die schlechtesten Erfahrungen mit Menschen gemacht, die rasen. Da laute die Regel: darum bitten, am nächsten Rastplatz aussteigen zu dürfen.

Minivans halten fast nie

Und was tun Profi-Tramper, um Autofahrer möglichst schnell für sich einzunehmen? "Lächeln, gute Laune verbreiten. Je früher man loslegt, desto leichter fällt das", sagt Steven Hintzsche, 37, der oft mit seinem Freund Dima Klumpp, 35, auf Tour geht. Wenn es mal ganz zäh läuft, packen die beiden ihren Uralt-Kassettenrecorder aus und machen gute Stimmung: Das bricht bei vielen Autofahrern das Eis. Trotzdem können auch schon mal ein paar Stunden verstreichen, bis man eine Mitfahrgelegenheit bekommt. Zumal an manchen Autobahnauffahrten mittlerweile wieder 10, 20 Tramper gleichzeitig warten. Ungeschriebenes Gesetz: Vordrängeln gibt es nicht.

Luise Willborn und Andreas Ostermann helfen ihrem Glück aber manchmal ein bisschen auf die Sprünge und sprechen auf Rastplätzen Menschen an, die vertrauenswürdig wirken; wenn das eine Etappe einbringt, wird der Fahrer auch schon mal mit selbstgebackenen Keksen beschenkt. Ihre Suche nach Fahrern hat mehrfach positive Nebeneffekte gehabt: Durchs Trampen bekamen die beiden Praktikumsplätze vermittelt, Snowboards geliehen, durften im Garten der Fahrer zelten und wurden nachts von einem französischen Kunstprofessor durch die Galerien Lyons geführt.

Bei welcher Art Mensch mit welcher Automarke man die besten Chancen hat? "Da gibt es keine Faustregel", sagt Markus Winter. Schwer sei es bei jungen Männern in Papas Auto - und braven Vorzeigefamilien in Minivans; die Mitglieder schauten einen in der Regel eher kollektiv mit Verachtung an, obwohl noch viel Platz im Auto wäre.

Nicht alle Klischees entsprechen jedoch der Realität: Klumpp und Hintzsche wurden kürzlich von einem Frankfurter Manager im dicken Benz durch halb Deutschland kutschiert - umsonst natürlich. In Rumänien erlebten sie dagegen ständig, dass Fahrer nach einem "Lift", wie Tramper die Teilstrecken nennen, die Hand aufhielten.

Deutschland ist fürs Mitfahren sowieso ein vergleichsweise gutes Pflaster, in Italien ist es an den Autobahnen offiziell verboten, den Daumen rauszuhalten, in anderen Ländern wird es nicht gern gesehen. Hintzsche und Klumpp vermuten, dass das unter anderem für Ungarn gilt. In Budapest machten sie einmal die Bekanntschaft einer alten Dame, die erst nach mehreren Kilometern verstand, warum sich die beiden überhaupt in ihrem Auto befanden. Daraufhin schimpfte sie auf Ungarisch über viele Kilometer auf sie ein, hielt dann irgendwann unvermittelt an und schmiss sie einfach raus. Warum? "Wir haben keine Ahnung", sagen die beiden.

insgesamt 75 Beiträge
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Donluigi 22.04.2014
1. Mein bester Trampertrick
Seinerzeit im Klosterinternat in Oberbayern waren wir oft per Anhalter unterwegs. Der beste Trick: betende Hände. Also ganz normal Daumen raus, bei Augenkontakt mit dem Fahrer kurz "betende Hände" und fast immer konnte man sicher sein, daß man mitgenommen wird. Funktionierte in der Gegend um Garmisch prächtig, weil man sich sofort als Schüler besagter Schule outete. Funktionierte aber auch außerhalb verblüffend gut.
Teile1977 22.04.2014
2. Tramper
Ich nehme nie Tramper mit, da man sich in einem solchem Fall einer immensen Gefahr aussetzt. Da man als Mann onehin als potentieller Vergewaltiger und Mörder gilt önnte eine Mitfahrerinn die einem Böses will behaupten was sie möchte und mir würde niemand glauben. Einfach eine (versuchte) Vergewaltigung erfinden als Rache weil ich die letzten 10 Kilometer nicht auch noch gefahren bin, und schwubs ist mein Ruf (und meine Freiheit) ruiniert. Das mag übertrieben sein, aber auf einen Beweis bin ich nicht scharf.
Windukeit 22.04.2014
3. Gute Laune mit dem Kassettenrekorder verbreiten?
Danke, aber nein Danke, so ein Ding würde bei mir in hohem Bogen aus dem Fenster fliegen. Warum glauben eigentlich so viele Leute, sie müssten einen permanent zulabern. Ich nehme gerne Leute mit, aber ich habe es dann auch gerne ruhig.
ahhcrap 22.04.2014
4. Tramper ?
hab ich schon Jahre nicht mehr gesehen , und bin viel unterwegs ?
rosenvater 22.04.2014
5. Nie
Ich nehme niemals Tramper mit. Oft rauben die ja die Autofahrer aus und nicht umgekehrt. Und wenn bei mir im Auto einer "den Uralt-Kassettenrecorder aus packt und gute Stimmung macht", wäre ich wohl auch nicht gerade begeistert.
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