Trend an US-Unis Lern dich glücklich!

Amerikas Studenten haben eine neue Religion: Glücklichsein durch Autosuggestion. Wissenschaftlich heißt die Disziplin "Positive Psychologie" und feiert mit oft schlichten Formeln einen Siegeszug an US-Unis - zum Beispiel in einem Happiness-Seminar in Harvard.

Von David Goeßmann, Cambridge


Das Auditorium des Sanders Theatre auf dem Harvard-Campus füllt sich langsam mit Studenten. Während sie ihre Laptops auspacken, E-Mails checken und im Internet surfen, läuft Wohlfühlmusik: "You are beautiful, no matter what they say. Words can't bring you down."

Harvard-Studenten: Vormarsch der Glückssucher
Jon Chase / Harvard News Office

Harvard-Studenten: Vormarsch der Glückssucher

Dann wird das Licht im pompösen Hauptvorlesungssaal der Eliteuni abgedimmt, und der Spot richtet sich auf Tal Ben-Shahar. Er geht auf der Bühne auf und ab und spricht über Selbstwertgefühl. Und erzählt, wie er trotz Erfolgen - als israelischer Squash-Meister, als Harvard-Dozent, glücklich verheiratet - früher nur geringes Selbstwertgefühl besessen habe. Denn weder Reputation noch Geld, so Ben-Shahar, seien der Schlüssel zur Maximierung des Wohlseins. Glück basiere vielmehr auf einer mentalen Technik, einer Art optimistischer Selbstbeschreibung, die jeder erlernen könne.

Jedes Semester gibt es in Harvard wie an allen US-Hochschulen ein Ranking der gefragtesten Kurse. Diesmal gewann der sogenannte "Happiness-Kurs" von Ben-Shahar. 855 Undergraduates schrieben sich ein, damit ist der Kurs populärer als der Klassiker "Einführung in die Ökonomie". An US-amerikanischen Universitäten boomen Seminare zur Positiven Psychologie. Bereits an rund 100 Hochschulen im Land laufen Kurse zu den Ingredienzen des Glücks wie Selbstachtung, Einfühlungsvermögen, Freundschaft, Liebe, Spiritualität und Humor. Auch High-Schools sind auf den Zug aufgesprungen. "Glücklichsein ist ein psychologisches Bedürfnis wie Essen ein körperliches", behauptet Ben-Shahar. Und er trifft damit den Nerv der stressgeplagten US-Studenten.

Happiness flutsch-flutsch von vorn

Die Positive Psychologie schreibt eine rasante Erfolgsgeschichte an US-Unis. 1997 wurde der Depressionsexperte Martin Seligmann zum Präsidenten der American Psychological Association gewählt und löste mit seiner Antrittsrede einen Aufruhr aus. Er rief seinen erstaunten Kollegen zu, die Neurosen, Psychosen und Depressionen einmal beiseite zu lassen und sich auf das Rätsel des glücklichen Lebens zu konzentrieren. Prompt erhielt Seligman 30 Millionen Dollar für seine Forschungsvorhaben. Seitdem läuft in den USA die Suche nach dem verlorenen Glück auf Hochtouren. 2003 hielt Seligman seine erste Vorlesung über Positive Psychologie, sie schlug ein wie eine Bombe.

Inzwischen ist "Positive Thinking" an US-Unis zu einer Art Leitidee aufgestiegen. Angehende Mediziner lernen, wie die richtige Einstellung Krankheiten verhindert und Leben verlängert; Wirtschaftswissenschaftler predigen die Macht des Optimismus als Weg zum Unternehmenserfolg. Jedes Jahr werden an der University of Pennsylvania Studienanfänger einem "Optimismus-Training" unterzogen. Das soll ihnen helfen, mit dem Stress, sich an das College-Leben zu gewöhnen, richtig umzugehen.

"Ich bin eigentlich ein pessimistischer, zynischer Mensch, der seine Emotionen zurückhält. Im Kurs habe ich gelernt, Gefühle zuzulassen, mich zu öffnen für das Glück", sagt Mary Anderson, eine Harvard-Studentin, die am Ben-Shahar-Kurs teilnimmt. Glück ist machbar, heißt es immer wieder. Im Gegensatz zu anderen Kursen, die sich aus der Perspektive der Neurowissenschaften, der Verhaltensforschung, der Philosophie und klassischen Psychologie hochspezialisiert dem Glück nähern, suchen die Happiness-Vorlesungen die praktische Anwendung.

Und im Nu verwandelt sich der Psychologe vom Krankheitsdiagnostiker zum Glückbringer, der den Selbsthilfe-Gurus im amerikanischen Fernsehen ähnelt. Der einzige Unterschied: Neben Atemübungen, Meditationen und populären Happiness-Anweisungen werden die Professoren-Shows mit akademischen Studien aufgepeppt. "Positive Psychology will eine Brücke schlagen zwischen der Mainstreet und dem Elfenbeinturm, dem Spaß der Selbsthilfe-Bewegung und der Evidenz der Forschung", so drückt es Ben-Shahar aus.

Fröhliche Prediger im Hörsaal

Letztlich kommt aber auch die Positive Psychologie nicht über die gängigen und schlichten Happiness-Formeln hinweg: "Führe ein Glückstagebuch!", "Sammle Dinge, für die du dankbar bist!", "Das Glas ist nicht halbleer, sondern halbvoll!", "Treibe drei Mal pro Woche für 30 Minuten Sport!", "Dein Glück liegt im Kreuzungspunkt von Freude, Bedeutung und persönlicher Stärke!", predigen die fröhlichen Psychologen. In der Bibel der Positiven Psychologie, Seligmans Werk "Character Strength and Virtues", steht eine Art Gebrauchsanweisung zum glücklichen Leben. Fein säuberlich eingeteilt in sechs Haupttugenden - Weisheit, Tapferkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Erhabenheit - und zwei Dutzend Charakterstärken.

Alles messbar, lehrbar und zum sofortigen Gebrauch bestimmt. Kleine Teilchen, aus denen man sich das Glück zusammen puzzlen kann. "Ich habe lange gedacht, man müsse lediglich das Negative ausmerzen", sagt Glücksforscher Seligman. "Doch dann bekommt man keinen glücklichen, sondern nur einen leeren Menschen. Man muss etwas Positives hineinbringen."

Die Mischung aus esoterischer Selbstfindung, Pfadfindermoral und Positive Thinking kommt bei den US-Studenten an. "Wenn ich lernen kann, über mich selbst positiv zu denken, ohne eine Menge Fakten in mich hineinzustopfen und Hunderte von Seiten pro Woche zu lesen, dann ist das großartig", sagt Alice Johnson, die am Harvard-Glückskurs teilnimmt.

Die Positive Psychology verspricht als Lohn für die Arbeit am eigenen Ego persönliche Ausgeglichenheit, mehr Leistungsfähigkeit und beruflichen Erfolg. Das selbstgemachte Glück soll zugleich als Karriereturbo dienen: Guru Ben-Shahar hält neben seiner Happiness-Vorlesung auch einen Kurs in "Psychologie der Führungsstärke" - natürlich ebenfalls erfolgreich.



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