Trendsport copy & paste Was heißt hier Eigentum?

Der Text- und Ideenklau breitet sich an den Hochschulen seuchenartig aus. Eine britische Professorin meint: Studenten kupfern nicht nur ab, weil sie faul sind - der Generation Google fehlt auch jede Vorstellung, was ein Plagiat überhaupt ist.


"Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente", sagte einst Theodor Fontane. Dozenten sehen es trotzdem als dreisten Betrug, wenn ihre Studenten sich hemmungslos bei Fundstücken aus dem Web bedienen - schließlich soll man im Studium lernen, eigene Erkenntnisse zu sammeln und in eine wissenschaftliche Sprachform zu bringen. Der Trend zum Abkupfern macht Hochschullehrer großes Kopfzerbrechen, ob in Deutschland, Großbritannien, den USA oder anderen Ländern. 

Copy & paste: "Ich hätte es nicht besser sagen können"

Copy & paste: "Ich hätte es nicht besser sagen können"

Text googeln, ausschneiden, einfügen, ausdrucken – das Internet habe Ideenklau zu einfach gemacht, klagt Sally Brown, Professorin der Metropolitan University Leeds. Viele Studenten glaubten, dass Abschreiben völlig in Ordnung sei, und redeten sich heraus: Ein bisschen Inspiration - was ist schon dabei? Etwa nach dem Motto: "Wenn die Professoren so dumm sind, uns drei Hausarbeiten zum selben Abgabedatum aufzugeben, was können sie dann erwarten?" Oder auch: "Ich hätte es selbst nicht besser sagen können."

Doch viele Studenten klauen inzwischen, ohne auch nur ansatzweise zu erröten. "Sie verstehen die Regeln gar nicht oder sie verstehen sie falsch", sagte Brown der BBC. "Es sind post-moderne Kinder der Generation Google, die aus vielen Quellen schöpfen; Wikipedianer, die nicht unbedingt das Konzept individueller Autorenschaft und Besitzrechte verstehen." Alle britischen Unis hätten mit dem Diebstahl geistigen Eigentums zu kämpfen. "Diejenigen, die sagen, an ihren Hochschulen gebe es so etwas nicht, stecken den Kopf in den Sand."

Härterer Kurs gegen Textklauer

Auf einer Konferenz zum Thema Ideenklau, die diese Woche in Großbritannien stattfand, hat Brown Gegenmaßnahmen vorgeschlagen: Abschreiben soll stets verfolgt und bestraft werden – am besten so, dass alle Studenten davon erfahren und abgeschreckt werden. Zudem sollen Dozenten mit ihren Studenten über die korrekte wissenschaftliche Arbeitsweise reden. Die beste Lösung aber sei, "copy & paste" unmöglich zu machen, zum Beispiel dadurch, dass in Hausarbeiten persönliche Erfahrungen der Studenten abgefragt würden oder sie ein Tagebuch über ihre Arbeitsschritte führen müssten.

Viele britische Universitäten in England arbeiten bereits mit dem Computerprogramm Turnitin, das gezielt nach abgeschriebenen Passagen fahndet und die abgegebene Arbeit mit 4,5 Milliarden Datensätzen aus dem Internet vergleicht. Jetzt soll die Software auch in britischen Schulen zum Einsatz kommen. Alle Abschlussarbeiten sollen überprüft werden, berichtete die "Times". Die Schulbehörde erklärte, wer beim Schummeln erwischt werde, könne durch den betroffenen Kurs oder gleich die ganze Abschlussprüfung fallen.

Doch welche Software ist schon unfehlbar? Im Internet kursieren bereits Tipps, wie Turnitin am besten auszutricksen ist. So schreibt ein anonymer Nutzer in einem Diskussionsforum: "Man braucht nur ausländische Google-Seiten zu durchsuchen, jagt die Texte dann durch ein Übersetzungsprogramm und korrigiert die Fehler – so findet das Programm nichts."

agö/dpa



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