Trendsport Jugger "Wir sind die Keiler, keiner ist geiler"

Wenn die wilden Kerle sich keulenschwingend verkeilen, wirkt das etwas humorlos. Aber diese Krieger wollen nur spielen. Jugger heißt ihre Sportart, die Anhänger vor allem im Uni-Dunstkreis findet. Die Steilvorlage lieferte ein Endzeit-Film über moderne Gladiatoren.

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Der Schlachtruf gellt über das Spielfeld der Uni Oldenburg. "Wir sind die Keiler, keiner ist geiler", brüllt die Mannschaft von Jann Heye Ksellmann. Der 26-Jährige ist Trainer und Vorstandsvorsitzender des Jugger-Vereins "Oldenburger Keiler". Jugger ist ein Trendsport, der 20 Jahre nach dem Kinofilm "Jugger - Kampf der Besten" boomt - allerdings in Deutschland erst allmählich etwas bekannter wird, gerade unter Studenten.

Ein Spiel dauert zweimal 100 Steine, ein Stein entspricht 1,5 Sekunden. Als Spielgerät dient der Jugg, ein aus Schaumstoff geformter Hundeschädel. "Drei, zwei, eins - Jugger", ruft Ksellmann, und das Spiel beginnt. Zwei Fünferteams laufen, von dumpfen Trommelschlägen begleitet, mit sogenannten Pompfen aufeinander zu. Pompfen? Pompfen: Das sind bis zu zwei Meter lange Polsterwaffen, die wie überdimensionierte Q-Tipps aussehen und von den Spielern selbst gebaut werden. Dazu verwenden sie Glasfaserstäbe, Schaumstoff und Klebeband.

Wer den Jugg zuerst ins gegnerische Mal platziert, erzielt einen Punkt. Von außen sieht das brachial aus, ist es aber nicht, findet jedenfalls Ksellmann. Im Gegenteil: Die Sicherheit der Spieler sei wichtig, Team- und Fairplay werde groß geschrieben.

Apokalyptische Filmfantasie als Ausgangspunkt

"Unser Jugger ist erstaunlich harmlos, obwohl es dicht am Film ist", sagt auch Ruben Wickenhäuser, 35, von einem Berliner Jugger-Verein mit Blick auf den doch "sehr brutalen" australischen Streifen aus den achtziger Jahren. Darin kämpfen moderne Gladiatoren in der post-apokalyptischen Zeit des 23. Jahrhunderts um ihren Lebensunterhalt, indem sie von Dorf zu Dorf ziehen und juggern. Das von Regisseur und Drehbuchautor David Webb Peoples eigens für den Streifen erfundene Spiel lieferte die Vorlage für die Sportart.

Jugger als Sport in Deutschland hat in den vergangenen Jahren an Popularität gewonnen. 2003 wurde die Jugger-Liga gegründet, in der aktuell etwa 60 Mannschaften spielen. 2008 gab es in Berlin die erste Jugger German Open; neben dem deutschen Team traten Jugger aus Australien und Irland an. "Es ist ein ziemlich einzigartiges Spiel - einerseits eine Mannschaftssportart wie Fußball, andererseits aber auch mit einer individuellen Komponente wie Fechten", so Ruben Wickenhäuser, der 2006 das Buch "Juggern statt Prügeln" veröffentlichte.

Im Sommer dieses Jahres wurde Jugger durch die Aufnahme des Oldenburger Vereins in den niedersächsischen Landessportbund erstmals in Deutschland offiziell als Sportart anerkannt, erzählt Keiler-Trainer Ksellmann: "Das war uns wichtig." Auf die Hundeschädel-Attrappe als Spielgerät mussten die Oldenburger Keiler allerdings verzichteten, "sie passte nicht zu den ethischen Grundsätzen des Landessportbundes", so der Diplom-Kaufmann. Als Jugg dient jetzt eine längliche Schaumstoff-Gurke.

Für Schulen dann doch arg kriegerisch

Besonders beliebt ist Jugger bei Studenten, die in Oldenburg rund 60 Prozent der Mitspieler in den Mannschaften stellen. Der Sport spricht sich herum. Ksellmann kümmert sich auch um die Nachwuchsarbeit: "Bei der Gründung unseres Vereins 2006 hatten wir acht Mitglieder, heute sind es 64", davon ein Fünftel Frauen.

"Jugger ist für den Schulsport durchaus interessant, weil es eine Gruppensportart ist", sagt Frank Harms, 44. Der Sportlehrer hat das Spiel im vergangenen Jahr an den Berufsbildenden Schulen in Varel mit Schülern der zwölften Klasse ausprobiert. "Die waren alle hellauf begeistert", so Harms. Die Schüler hätten schnell gemerkt, dass einer allein das Spiel nicht gewinnen könne und jeder auf den anderen angewiesen sei. Gegen Jugger spreche allerdings der martialische Hintergrund, der so nicht auf die Schule übertragen werden könne.

"Mit dem Film haben wir, abgesehen von der Spielidee, nichts zu tun, wir sind Sportler", betont Ksellmann. "Man kann sich einfach unglaublich gut austoben. Außerdem mag ich die 'community'. Denn nach den Spielen wie beispielsweise dem Liga-Finale in Berlin wird gezeltet, gegrillt und geredet."

Von Manuela Ellmers, ddp

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