Zwangsstörung Hilfe, ich reiße mir alle Haare aus

Sie reißt und rupft, bis der Kopf von kahlen Stellen übersät ist: Janneke, 36, leidet unter Trichotillomanie. Hier erzählt sie, wie der Zwang ihr Leben bestimmt - und wie sie damit umgeht.

Kampf mit den eigenen Haaren (Symbolbild)
Getty Images/fStop

Kampf mit den eigenen Haaren (Symbolbild)


Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nie mein Gesicht. Ich sehe nur Haare. Die, die noch da sind. Die, die meiner Meinung nach wegmüssen. Und die vielen, die fehlen. Trotzdem kann ich nicht damit aufhören. Einmal mit der Pinzette gezuckt, und zack. Ein Haar zwischen Daumen und Zeigefinger, und noch eins, und noch eins. Ich reiße mir sämtliche Körperhaare aus. Ob das weh tut? Körperlich nicht, ganz im Gegenteil. Psychisch allerdings ist es eine enorme Belastung, Tag für Tag.

Es passiert nicht nur vor dem Spiegel. Ich sitze am Schreibtisch und arbeite am PC, ich liege auf der Couch und lese ein Buch, ich telefoniere mit einer Freundin - und automatisch fasse ich mir an den Kopf und zupfe. Oft bemerke ich es erst, wenn ich die Haarbüschel auf dem Boden sehe.

Früher bin ich ins Badezimmer gegangen, um meinen Kopf zu kontrollieren. Fehlen dort jetzt viele Haare? Lässt sich die Stelle noch kaschieren? Das mache ich nicht mehr. Ich weiß, dass es die kahlen Stellen gibt. Ich habe viele Techniken entwickelt, um sie zu verbergen.

Schminken, Sprayen, Schämen

Seit ich 17 bin, schminke ich täglich meine Augen und Augenbrauen. Ich habe komplizierte Hochsteckfrisuren mit vielen Haarspangen und reichlich Haarspray entwickelt, sogar jahrelang ein Tuch in den Haaren getragen. Es war mein Markenzeichen. Kein Mensch hat geahnt, was sich dahinter verbarg, und man tut es vermutlich auch heute nicht, wenn man mich sieht.

Ganz lange war es mein Geheimnis. Ich wusste nicht, was ich mit mir selbst anfangen sollte. Ich schämte mich so fürchterlich für dieses merkwürdige Verhalten, für das ich keine Erklärung finden konnte.

Inzwischen weiß ich, dass es sich um eine psychische Störung namens Trichotillomanie handelt. Das ist Griechisch und bedeutet in etwa "der Zwang, Haare auszureißen".

Haare ausreißen wider Willen

Ich war ein Teenager, als es anfing. Das ist typisch, habe ich später erfahren. Häufig entwickelt sich dieser Zwang nach einem Trauma, erklärte mir der Psychologe, mit dem ich als junge und verzweifelte Studentin erstmals über mein Problem sprach.

In unseren Gesprächen fanden wir aber kein traumatisches Ereignis, das dieses Verhalten hätte auslösen können, wie beispielsweise ein Missbrauch oder die Trennung der Eltern. Ich hatte eine glückliche Jugend, ein tolles Verhältnis zu meinen Eltern, viele Freundinnen, gute Leistungen in der Schule. Ich war ein relativ hübsches Mädchen und erhielt häufig Komplimente wegen meiner schönen, vollen und langen Haare. Ironischerweise.

Es gibt Forscher, die glauben, dass Trichotillomanie aufgrund chemischer Ungleichgewichte im Gehirn auftritt. Die Störung lässt sich aber nicht so leicht mit Medikamenten behandeln. Ich habe es versucht, aber das Medikament wegen unangenehmer Nebenwirkungen schnell wieder abgesetzt.

Psychotherapie, Verhaltenstherapie und Hypnosetherapie haben immer nur zeitweise funktioniert. Die Haare wuchsen nach, ich war voller Hoffnung - aber das Problem kam immer wieder. Und ich schämte mich.

Meine Friseurin ist eine große Hilfe

Zum Glück habe ich relativ schnell entdeckt, dass es zahlreiche Frauen (und auch Männer) mit Trichotillomanie gibt. Es existieren Onlineportale, über die man sich austauschen kann. So habe ich eine Freundin gefunden, mit der ich hin und wieder auf Facebook schreibe. Nur im Kontakt mit ihr gibt es keine Scham, kein schlechtes Gewissen, keine unangenehmen Fragen. Außerdem tauschen wir kleine Tricks aus, die uns im Alltag helfen. Vor einem Telefonat zum Beispiel klebe ich mir jetzt Pflaster auf die Finger. Es hilft auch, die Haare zu waschen und nass in ein Handtuch zu wickeln, bevor ich mich an den Schreibtisch setze. Aber es wird niemals für alle Situationen einen Trick geben.

Eine große Hilfe für mich ist meine Friseurin. Es hat lange gedauert, bis ich mich in einem Friseursalon wohlgefühlt habe. Nun habe ich aber einen tollen Salon gefunden und ich habe gelernt, dass es hilft, so offen wie möglich zu sein.

Friseure haben zwar oft vieles gesehen, kennen sich aber nicht mit einer Problematik wie Trichotillomanie aus. Dadurch, dass ich viel über mein Problem spreche, ist meine Friseurin eine Begleiterin geworden. Sie sieht sofort, ob es mir besser oder schlechter geht. Sie ist auch ehrlich zu mir, sodass mir klar ist, dass meine Haare wohl nie wieder alle nachwachsen werden.

Wir suchen gemeinsam eine Lösung - eine Farbe, Strähnen, einen Schnitt - die meine Problemstellen so gut wie möglich kaschiert. Ich habe auch schon überlegt, ob ich mir die Haare einfach ganz kurz schneiden lasse, und mich der Welt so zeige, wie ich wirklich bin: eine Frau mit Trichotillomanie. Eines Tages werde ich den Mut haben. Da bin ich mir sicher.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
alternativloser_user 08.04.2017
1. ...
Einfach mal ein Jahr lang eine rasierte Glatze tragen. Sieht als Frau vielleicht erstmal merkwürdig aus, ABER so kann man sich keine Haare ausreißen und eventuell reicht das schon, da man dadurch merkt dass es auch ohne Haare ausreißen geht. Und zur Not gibts ja auch Perücken wenn man nicht mit der Glatze klarkommt.
wasp1992 08.04.2017
2.
Ganz so einfach (Haare abschneiden) ist das leider nicht. Trichotillomanie ist meist eine sehr langwierige Krankheit. ich selbst bin seit etwa 17 Jahren betroffen. Es gibt immer bessere und schlechtere Phasen, aber ein Mittel, welches dagegen hilft, habe ich bis jetzt auch noch nicht gefunden.
diskantus 09.04.2017
3.
Psychotherapie ist, wie bei allen seelischen Störungen, der einzige Weg. ABER - nicht so, wie die Richtung der Schulmedizin das vorgibt: denn das greift zu kurz. Richtig wäre, mit einer Körpertherapie zu beginnen und zuzulassen, wohin sich diese entwickelt. Das kann ganz überraschende Wendungen nehmen ... auch in ein früheres Leben hinein. Und da muss es egal sein, ob die Schulmedizin und ihr Therapeut daran glaubt oder nicht. Es ist ein Weg in Neuland, und der muss (wenn er sich so manifestiert) gegangen werden. Bis hin zu einer Rückführungstherapie (nicht von einem selbst-ernannten esoterischen Therapeuten!). Massive seelische Störungen, die scheinbar nicht behandelt werden können, haben ihre Ursache meist in weit entfernt liegenden Ereignissen. Liegen diese außerhalb dieses menschlichen Lebens, kommt man schulmedizinisch nicht heran. "Haare" stehen für das Selbstbewusstsein/die Persönlichkeit des Menschen. Hier ist bereits klar ersichtlich, warum es so wichtig ist, die Ursache für das Herausreißen der eigenen Persönlichkeit zu finden, und warum "Verhaltenstherapien" nicht mal ansatzweise eine Lösung sein können. Bei einer psychotherapeutischen Körpertherapie (es gibt verschiedene Ansätze) spricht nicht der Klient selbst - sondern sein Körper. Die Zeichen, die er sendet, sind viel tiefer gehend als jedes Wort - und unverstellt. Daraus kann ein erfahrener Therapeut "lesen".
high-co 09.04.2017
4.
Zitat von diskantusPsychotherapie ist, wie bei allen seelischen Störungen, der einzige Weg. ABER - nicht so, wie die Richtung der Schulmedizin das vorgibt: denn das greift zu kurz. Richtig wäre, mit einer Körpertherapie zu beginnen und zuzulassen, wohin sich diese entwickelt. Das kann ganz überraschende Wendungen nehmen ... auch in ein früheres Leben hinein. Und da muss es egal sein, ob die Schulmedizin und ihr Therapeut daran glaubt oder nicht. Es ist ein Weg in Neuland, und der muss (wenn er sich so manifestiert) gegangen werden. Bis hin zu einer Rückführungstherapie (nicht von einem selbst-ernannten esoterischen Therapeuten!). Massive seelische Störungen, die scheinbar nicht behandelt werden können, haben ihre Ursache meist in weit entfernt liegenden Ereignissen. Liegen diese außerhalb dieses menschlichen Lebens, kommt man schulmedizinisch nicht heran. "Haare" stehen für das Selbstbewusstsein/die Persönlichkeit des Menschen. Hier ist bereits klar ersichtlich, warum es so wichtig ist, die Ursache für das Herausreißen der eigenen Persönlichkeit zu finden, und warum "Verhaltenstherapien" nicht mal ansatzweise eine Lösung sein können. Bei einer psychotherapeutischen Körpertherapie (es gibt verschiedene Ansätze) spricht nicht der Klient selbst - sondern sein Körper. Die Zeichen, die er sendet, sind viel tiefer gehend als jedes Wort - und unverstellt. Daraus kann ein erfahrener Therapeut "lesen".
Es ist schon erstaunlich, mit welcher Treffsicherheit(?) sie umgehend nach bloßem Lesen eines Artikels die klare "Indikation" für körpertherapeutische Verfahren stellen. Zum Leidwesen ausgebildeter Körpertherapeuten kriegen sie es dann tatsächlich auch noch hin, dieses Verfahren mit astreinem esoterischen Gschwurbel wie Reinkarnations"therapie" in einem Satz aufzuführen (letztere natürlich nur durchzuführen von einem TÜV-zertifizierten Wald-und-Wiesen-Schamanen). Was auch immer sie unter "Schulmedizin" verstehen... von in Deutschland zugelassenen Heilverfahren verstehen sie erschreckend wenig.
bernaldo 09.04.2017
5.
Ich habe mit Interesse diesen Artikel gelesen. Ich habe verstanden, dass es nicht schön ist, mit kahlen Stellen herumzulaufen. Aber ist es nicht dasselbe, wie Nägelkauen oder an den Lippen herumnagen? Also ein mehr oder weniger harmloser Tick. Wo ist der Unterschied, falls es einen gibt? Ich frage ernsthaft...
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