Trinkfeste Juristen Saufen für die Wissenschaft

Die Juristerei gilt als trockenes Metier - aber nicht in München. Dort trinken junge Rechtsreferendare unter fachlicher Aufsicht. Ihr Ziel beim Kollektiv-Zechen: fahruntauglich zu werden. Sie tun das für ihren Beruf, denn sie sollen den Alkohol kennen, bevor sie Betrunkene verurteilen.

Von Nadine Nöhmaier


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GMS

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"Die Gedanken sind frei, das Glas man mir fülle. Heut' ist's einerlei, ich sammle Promille." Dieses Motto gilt für den Trinkversuch im Institut für Rechtsmedizin der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität: Die kargen Flure im obersten Stockwerk, durch die sonst Wissenschaftler in weißen Kitteln eilen, haben sich in eine Kneipe verwandelt.

Auf Bierbänken sitzen gut fünfzig Mittzwanziger, eingenebelt von Zigaretten-Qualm. Sie trinken Bier und Wein in rauen Mengen. Einer von ihnen singt "La Isla Bonita" von Madonna und trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Drink it and shut up".

Bier und Wein auf nüchternen Magen

Die jungen Leute sind allesamt Juristen kurz vor dem zweiten Staatsexamen. Der Trink-Nachmittag ist freiwillig, aber Bestandteil ihrer Ausbildung: Die angehenden Anwälte, Notare und Richter sollen lernen, wie Alkohol wirkt.

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"Der Trinkversuch ist eine wichtige Grundlage für jeden, der später als Richter, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt mit Alkohol-Straftätern zu tun hat", erläutert Detlef Tourneur vom "Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr", der das Juristen-Trinken organisiert hat. "Ein Richter sollte wissen, dass ein Autofahrer, der mit 1,6 Promille hinterm Steuer erwischt wird, mehr als zwei Weißbier getrunken hat."

Beim Versuch feuchten die Nachwuchs-Juristen ihr sonst so trockenes Metier mit Bier und Weißwein an - auf nüchternen Magen. Zwei Damen in weißen Kitteln reichen ihnen die Selbsterfahrungs-Drinks. Fünf Euro kostet der Nachmittag, der mit einem Alkoholtest endet.

Bereits nach einer halben Stunde hat der 27-jährige Simon drei Halbe intus. Drei weitere fehlen ihm noch zu seinem Ziel, den 1,1 Promille - laut Gesetz die Grenze zur absoluten Fahruntauglichkeit. Gerichtsmediziner haben ihm vorgerechnet, wie viel er trinken muss, um die gewünschte Promillezahl zu erreichen. Dafür hat er Gewicht, Größe und das bevorzugte Getränk angegeben.

Männer müssen tiefer ins Glas schauen

"Männer müssen beim Versuch tiefer ins Glas schauen als Frauen", erklärt Rechtsmediziner Randolph Penning, der den Juristen das theoretische Rüstzeug für ihren Selbsterfahrungs-Trip vermittelt. "Frauen haben mehr Fettgewebe. Das nimmt keinen Alkohol auf - deshalb gerät mehr davon ins Blut."

Auch organisch seien Männer im Vorteil: Ohne Gesundheitsschäden könne ihre Leber täglich 40 Gramm reinen Alkohol abbauen; Frauen vertrügen weniger. "Das Tageslimit einer Frau liegt bei 20 Gramm reinem Alkohol", erläutert der Gerichtsmediziner. "So viel enthält bereits eine Halbe Bier oder ein Viertel Wein." Wie stark der Alkohol letztlich wirke, hänge jedoch entscheidend von der persönlichen Tagesform des Trinkers ab.

Nach einer Stunde bei Bier und Wein hält es im rechtsmedizinischen Institut niemanden mehr auf den Bierbänken. Wie auf einer Party pendeln die Jung-Juristen von Grüppchen zu Grüppchen. Zwei Männer, die Arm in Arm durch die Gänge tippeln, prosten allen weiblichen Kollegen zu.

"Mir ist gerade alles egal"

Christian, der bereits die 1,1-Promillegrenze gesprengt hat, ist überzeugt, dass ihm der Trinkversuch hilft, künftig die Wirkung von Alkohol einzuschätzen. "Und schreiben Sie: Es ist eine super Stimmung hier!", sagt der 28-Jährige. Nach dem Versuch will er mit seinen Freunden weiter trinken: "Ich bin jetzt so richtig drin!"

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Alexandra dagegen fühlt sich unwohl: Mit eineinhalb Gläsern Wein hat die 28-Jährige 0,5 Promille angepeilt - sie wollte beim Trinken ausloten, wie sie sich bei der Fahrverbotsgrenze fühlt. Beim Blasen zeigt das Testgerät jedoch, dass sie mit 0,8 Promille über ihr Ziel hinausgeschossen ist. "Ich spüre den Alkohol ganz gewaltig - mir ist gerade alles egal, was hier passiert. Das ist nicht gut!", sagt sie und verdreht die Augen.

Jetzt bezweifelt sie die Realitätsnähe des Versuchs: "In einer Kneipe kippe ich den Wein nicht so schnell hinunter wie hier", sagt sie. "Auf gar keinen Fall könnte ich jetzt noch Auto fahren - die erlaubte Grenze sollte auf 0,3 Promille gesenkt werden."


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