Trinksport Bierball Rennen, saufen, siegen

Ein skurriles Promille-Spiel erobert die Republik: Bierball. Ein bisschen Geschicklichkeit, viel Alkohol - die Spieler betonen den sportlichen Charakter, doch wenn die Jungs und Mädchen loslegen, zählt, wer am schnellsten schlucken kann.

Von Anna Fischhaber

SPIEGEL ONLINE

Der Berliner Mauerpark liegt im Dunkeln, nur über den tristen Vorplatz der Max-Schmeling-Halle gleißt grelles Flutlicht. Die Temperatur liegt nahe null, aber die jungen Leute tragen nur T-Shirts. Man könnte das sportlich nennen, oder man weiß, dass der Alkohol sie gleich wärmen wird.

Bierball steht in großen Buchstaben auf der Brust von Michelle, 21, aus Berlin-Prenzlauer Berg. Aus einem Ghettoblaster schallt HipHop. Drinnen in der Halle wetteifern normalerweise Handball-Bundesligisten, und Fans stehen mit Bier auf den Rängen oder vor der Halle. Heute aber ist das Bier hier nicht Beiwerk, sondern Mittelpunkt eines Turniers der anderen Art.

40 Jugendliche werden gleich den Berliner Bierballmeister unter sich ausmachen. Zehn Zweierteams treten an, darunter eine Frauenmannschaft. Die Jungs und Mädchen wohnen im Prenzlauer Berg und nehmen die Regeln ihres Spiels ernst. Michelle erklärt sie mit Hilfe eines Megafons. "Jeder passt auf sein eigenes Bier auf. Wenn die Flasche kaputtgeht, ist das Eigenschuld", sagt er streng.

Die Regeln sind so schlicht, dass man sie auch nach ein paar Runden noch kapiert. Zwei Teams stehen sich gegenüber, zwischen ihnen in der Spielfeldmitte eine Plastikflasche mit etwas Wasser. Aus etwa acht Metern Entfernung versucht ein Spieler, die Flasche zu treffen - mit einem Ball oder zu Not einem Stein. Fällt sie um, setzen beide Spieler ihr Bier an. Und zwar so lange, bis die Gegner zur Wasserflasche in der Mitte gespurtet sind, sie wieder aufgestellt haben und mit dem Ball zurück auf ihren Platz gelaufen sind.

Gewonnen hat jene Mannschaft, deren Bierflaschen zuerst leer sind. Ausschütten gilt nicht, auch der Verlierer muss nach der Niederlage den Rest auf Ex austrinken.

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Party-Sport mit Bier: Werfen, trinken, laufen
Gespielt wird mit Vorrunde, Halbfinale und Finale. Mitmachen darf jeder, der sein eigenes Bier mitgebracht hat, eine Flasche halten und einen Ball werfen kann.

Bundesweit gibt es inzwischen organisierte Ligen in Bierball. Die Spieler treffen sich zu Wetttrinken und verteilen Punkte fast wie in der Fußball-Bundesliga. Größe der Teams und Zahl der Durchgänge variieren stark - doch vor der Max-Schmeling-Halle geht es an diesem Abend recht gesittet zu. Maximal sieben Runden mit je einem halben Liter Bier muss ein Spieler überstehen.

Bei geübten Spielern dauert ein Durchgang nur Minuten. Und geübt sind Michelle und Palex, die das Turnier organisiert haben. Palex ist schon vor Jahren auf den Biersport gestoßen und spielt inzwischen fast jedes Wochenende Bierball. Das Team der beiden heißt "Beerhunter" und gilt diesmal als Favorit. "Bierball ist kein sinnloses Besaufen", sagt Michelle, der gerade ein Freiwilliges Ökologisches Jahr macht. "Es ist Trinken und Sport gemischt." Auch Mathematikstudent Palex, 20, hebt den sportlichen Charakter des Spiels hervor. "Kondition und Geschick sind wichtig", sagt er.

Dann geht es los.

"Ich muss mich konzentrieren", ruft Michelle und wiegt noch einmal den Tennisball in seiner rechten Hand. Er zielt, wirft und trifft. Während die Gegner losstürmen, reißen Palex und Michelle die 0,5-Liter-Flaschen hoch und versuchen, ihr Bier runterzukippen, ohne dass es regelwidrig überschäumt. Verboten ist es außerdem, einem langsameren Teampartner beim Biertrinken zu helfen. Darüber wachen wechselnde Schiedsrichter. "Es geht vor allem darum, schnell zu sein", sagt Michelle. Und zwar beim Trinken und beim Laufen.

"Mir kommt das vor wie Komasaufen"

Diverse Varianten der Bierballregeln finden sich inzwischen im Internet, viele YouTube-Videos dokumentieren das sportlich angehauchte Trinkspiel. Wie Bierball richtig geht und ob es nicht eigentlich Flunkyball heißt, darüber streitet die Fangemeinde im Netz. Gespielt wird inzwischen bundesweit, ob in Berlin, Karlsruhe oder Kiel. Auch auf Festivals ist das Partyspiel gerne gesehen - als Wurfgeschoss muss es nicht immer ein Ball sein, manchmal tut es auch eine Schubkarre.

Dass Bierball in Berlin ein Trend ist, kann auch ein alter Mann mit grauem Bürstenhaarschnitt bestätigen. Er sammelt an diesem Abend im Mauerpark Flaschen, an seinem Fahrradlenker hängen zwei große Tüten. Früher war das liegengebliebene Leergut rund um die Kulturbrauerei seine wichtigste Einnahmequelle, inzwischen ist er am Wochenende nur noch in Berliner Parks unterwegs. "Die spielen das hier überall", sagt er.

Dank der übrigen Flaschen kommt für ihn viel zusammen. Verstehen kann er die Begeisterung allerdings nicht. "Mir kommt das vor wie Komasaufen", sagt er. "Aber Hauptsache, ich habe etwas zu essen."

Palex und Michelle haben andere Sorgen - sie sind beim vorherigen Turnier im Halbfinale knapp ausgeschieden. "Heute müssen wir gewinnen", sagt Palex. Auf einem Zettel notieren sie jedes Ergebnis. Trotz zweieinhalb Litern Bier aus der Vorrunde steigt die Treffsicherheit der "Beerhunter". Und selbst als es plötzlich anfängt zu regnen, wollen sie nicht aufhören.

Kurz nach Mitternacht ist es geschafft. Michelle und Palex haben den Titel im Schnelltrinken zurückerobert. Nun sind sie wieder Meister.

Zumindest bis zum nächsten Wettkampf.

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