Studenten auf Plastikmüll-Floß Heidewitzka, wir segeln ohne Kapitän

Auf 5000 Plastikflaschen die Elbe runter: Auf diese abenteuerliche Reise haben sich fünf tschechische Studenten eingelassen. Auf ihrer "Petburg" wollen sie bis Hamburg schippern - doch deutsche Behörden machen ihnen Probleme.

DPA

Ohne Motor, nur mit reiner Muskelkraft kommen sie mit ihrem Tretboot voran. Ihr Boot besteht komplett aus Recyclingmaterial, die Umweltschützer wollen damit auf die sinkende Wertschätzung von PET-Flaschen in ihrem Heimatland aufmerksam machen. "Wir wollten etwas bauen, das günstig ist, und in Tschechien fliegen diese PET-Flaschen überall herum", sagt Hobbykapitän Jan Kara. Am Wochenende will die Gruppe auf der Elbe in Sachsen unterwegs sein.

Beinahe wäre die Mühe umsonst gewesen. Als die Mannschaft diese Woche den tschechischen Grenzhafen Decin (Landkreis Tetschen) erreichte, sorgten deutsche Regeln und Gesetze für einige Verwirrung. Vier Tage brauchte die Crew, um sich schlauzumachen. Weil das Boot zehn Meter lang und vier Meter breit ist, kam die Nachricht, man brauche dafür einen Bootsführerschein. Das hätte Monate gedauert. Am Ende fand sich eine Lösung: "Wir haben von den tschechischen Behörden eine Genehmigung für einen Sondertransport bekommen", berichtet Kara erleichtert am Telefon.

Wo immer das kuriose Boot anlandet, zieht es Schaulustige an. Autos hupen, Spaziergänger bleiben stehen. "Viele Leute winken uns und rufen 'Grüßt Hamburg von uns'", sagt Kara, den alle nur Honza rufen. Für den Studenten der Medienwissenschaft ist es nicht die erste verrückte Reise. Im letzten Jahr machte er sich zu Fuß auf den Weg von seinem Heimatort Nymburk bei Prag bis zum Fels von Gibraltar.

Acht Monate Bauzeit: Stahlseil, Holz und PET-Flaschen

Mehr als acht Monate haben Kara und sein Kumpan Jakub Bures (beide 22) Flaschen gesammelt und an ihrem Boot gewerkelt. Selbst Metallteile wie das Schaufelrad haben sie selbst zusammengeschweißt. Damit die Flaschen sich nicht während der Fahrt lösen, haben sie eine spezielle Technik entwickelt: Aus einer 1,5-Liter-Flasche wird ein Verbindungsstück, indem Hals und Boden abgeschnitten werden. In die entstehende Röhre können dann weitere Flaschen gesteckt werden. Am Ende wurde alles noch mit 59 Metern Stahlseil verschnürt.

Der Antrieb ist Muskelkraft, doch meist lässt sich die Crew von der Strömung treiben. Gelenkt und in die Pedale getreten wird wie bei einem Tretboot. "Es ist wichtig, das Boot manövrieren zu können, wenn wir auf große Güterschiffe treffen", weiß Kara inzwischen. Das war auch eine Bedingung für die Genehmigung durch die Behörden.

Die Fahrt soll vor allem Spaß machen, aber es geht auch um Umweltschutz. In Tschechien gibt es bislang kein Einwegpfand. "Wollte man unser Boot in Deutschland bauen, dann würde das allein 1500 Euro an Pfand kosten", rechnet Kara aus. Das Boot hat seinen Namen "Petburg" nach dem Kunststoff PET, dem Basismaterial für die meisten Getränkeflaschen. Nur rund sechs von zehn in Tschechien verkauften PET-Flaschen landen nach Angaben der Abfallwirtschaft im Recycling.

Mit der Aktion auf Umweltschutz aufmerksam machen

Die Jungs sehen sich auch als Botschafter ihres Heimatorts Nymburk, einer Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern nordöstlich von Prag. "Nymburk-Hamburk", das habe einen schönen Zusammenklang, sagen sie auf Tschechisch. Ein Begrüßungskomitee steht am "Tor zur Welt" schon bereit - aus Tschechen, die es in den hohen Norden verschlagen hat. An ein kleines Geschenk habe die Bootscrew gedacht, sagt Kara. "Wir bringen einen Baum mit, eine Linde, die wir im Moldauhafen anpflanzen wollen."

Was mit dem Plastikboot am Ende der Reise Mitte August passiert, ist noch nicht ausgemacht. Entweder findet sich ein Binnenschiffer, der es im Schlepp gegen die Strömung nach Böhmen bringt. "Oder wir nehmen es komplett auseinander und recyceln es."

Michael Heitmann/dpa/ilo



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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
krassmann 26.07.2014
1. Geniale Aktion
Das hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Was für ein Wahnsinn. Man erkennt wie richtig das Dosenpfand ist. Viel Glück Jungs. Ahoj
thinkahead 26.07.2014
2. Super Aktion!
... wünsche allzeit immer eine Handbreit Wasser unter'm Kiel!
blowup 26.07.2014
3. SFB Binnen - versteh ich nicht
Verstehe ich nicht so ganz. Wieso braucht man dazu einen Führerschein? Den SFB BNinnen scheint man nicht zu brauchen. "Bei dem Sportbootführerschein Binnen (SBF Binnen) handelt es sich um den amtlichen Sportbootführerschein zum Führen eines Sportbootes auf Bundeswasserstraßen im Geltungsbereich der Binnenschifffahrtsstraßen-Ordnung. Ein Sportboot ist dabei ein nicht gewerbsmäßig verwendetes Fahrzeug von weniger als 15 m Länge ohne Ruder und Bugspriet, ausgenommen Fahrzeuge, die durch Muskelkraft oder nur hilfsweise mit einem Treibsegel von höchstens 3 m² Fläche fortbewegt werden.[1] Sportboote mit einer Antriebsmaschine, deren größte nicht überschreitbare Nutzleistung höchstens 11,03 kW (15 PS) beträgt, sind von der Fahrerlaubnispflicht ausgenommen.[2]"
frutsch 26.07.2014
4. Vom aufgebundenen Bären
Auf Bundeswasserstraßen erkenne ich für dieses Fahrzeug keine Führerscheinpflicht. Die Eckdaten sind Motorantrieb ab 15PS oder Segelfläche >3m² und Länge
lammlamm 26.07.2014
5. Kunst
Die Jungs sind dumm - warum das Boot abschleppen oder zerlegen? Die ganze Aktion ist doch eigentlich Aktionskunst. Sie sollten es einfach als Kunstwerk anbieten. Vielleicht findet sich ja ein Käufer. Heutzutage ist alles möglich...
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