Kampf gegen Studienabbruch Bayern will Zwangsberatung für alle Studenten einführen

Rund ein Drittel der Studierenden bricht ihr Studium ab. Bayern will mit Pflichtberatungen für Bewerber gegensteuern. Nur eine Notlösung, sagt Wolfgang Herrmann, der Präsident der TU München.

Studenten in der Bibliothek
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Zur Person
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    Wolfgang A. Herrmann ist seit 1995 Präsident der TU München. Die Exzellenz-Universität hat 39.000 Studierende in 160 Studiengängen.

SPIEGEL ONLINE: In Bayern wird über einen Gesetzentwurf debattiert, der den Unis das Recht geben soll, Bewerber vor Studienbeginn verpflichtend zu einer Beratung zu schicken. Ist das die Lösung gegen die hohe Abbrecherquote?

Herrmann: Das ist ein kleiner Beitrag dazu. Allein schon dadurch, dass man Bewerber, die nicht zu Beratungsgesprächen kommen, abweisen kann. Das gab es bisher nicht. Aber letztlich ist der Beratungspassus im Gesetz nur eine Notlösung. Denn wenn wir vom Studium abraten, kann der Bewerber sagen: "Du kannst mich mal, ich versuche es trotzdem." Wenn die Beratung wirkungslos ist, ist das für Dozenten, Professoren und Mitarbeiter demotivierend.

Und ohne zusätzliche Ressourcen für die Universitäten ist die Frage, ob sie die Möglichkeit überhaupt einführen. An der TU München gibt es allerdings schon ein großes Beratungsangebot. Wir haben allein dafür 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

SPIEGEL ONLINE: Und nützt Beratung gegen Studienabbruch?

Herrmann: Die Beratungen tragen dazu bei, dass sich potenzielle Studierende für die betreffende Hochschule interessieren und ihre oft diffusen Vorstellungen vom Studium wenigstens teilweise klären können. Aber wir wissen nicht, warum sie sich dann für oder gegen ein Studium bei uns entscheiden und wo sie dann stattdessen hingehen. Auch zu den Abbrechern ist die Buchführung der Unis sehr schlecht.

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Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni

SPIEGEL ONLINE: Es gibt schon Eignungsfeststellungsverfahren, die Studierende davor bewahren sollen, das Studium abzubrechen. Besteht überhaupt Handlungsbedarf?

Herrmann: Die Eignungsfeststellungsverfahren halte ich für den Königsweg. Wir haben das Verfahren vor fast 20 Jahren eingeführt. Heute unterziehen wir 20 von 43 Bachelorstudiengängen dieser Eignungsfeststellung. Es hat dazu geführt, dass die Abbrecherquoten in kurzer Zeit erheblich reduziert wurden, weil wir eine ganz andere Studiendynamik bei den aufgenommenen Studenten hatten.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das im Vergleich?

Bei den Bachelorstudiengängen mit Eignungsfeststellung gibt es bei uns im Laufe des Studiums 20 Prozent Exmatrikulationen, bei den Universitäten, die das nicht machen, mehr als 30 Prozent. In Mathematik verlassen uns 19 Prozent, an den deutschen Unis gibt es 47 Prozent Abbrecher. Dabei sind in unseren Zahlen sogar noch diejenigen eingerechnet, die gar nicht abbrechen, sondern in ihrem Fach nur die Universität wechseln.

Wer die Grundlagenprüfung nicht schafft, ist raus

SPIEGEL ONLINE: Und warum schlagen Sie den Königsweg nicht komplett ein?

Herrmann: Das Verfahren ist sehr schwer handhabbar, seit es in Bayern gesetzlich geregelt ist. Als wir noch allein auf weiter Flur waren und durch eine sogenannte Experimentierklausel nach unseren Vorstellungen die Eignungsfeststellung machen konnten, mussten wir nicht vor Beginn festlegen, welche Noten die Bewerber haben müssen, um zum Gespräch eingeladen zu werden. Inzwischen aber schon. Das kann dazu führen, dass wir Tausende Bewerbungsgespräche führen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt unbeherrschbar.

Wenn die Kapazitäten nahezu erschöpft sind, muss man eben Prioritäten setzen. Die Fakultät für Elektrotechnik bei uns sagt: Wir nehmen alle an und nach einem Jahr machen wir die Grundlagen- und Orientierungsprüfung und wer die nicht schafft, ist raus. Das ist weniger Aufwand, das ist rechtssicher.

Aber ich halte das nicht für den besten Weg. Die gerechteste Lösung ist die Eignungsfeststellung, die mehr Wert auf Persönlichkeit legt, bei der schon zu Beginn der Bewerbung auch die Lebensumstände und das soziale Engagement zählen. Ich habe immer schon den Notenfetischismus bei Medizinstudenten beklagt: Als wären 1,0-Studenten die besseren Ärzte. Aber eine Abiturnote ist im wettbewerblichen System justiziabel, das Motivationsschreiben nicht.

Leistungsstark trotz schlechter Abinote

SPIEGEL ONLINE: Studienabbrecher sind oft überfordert, haben zu wenig Eigenständigkeit, kommen mit der Menge des Stoffs nicht nach. Sind die, die abbrechen, nicht gerade die Leistungsschwachen?

Herrmann: Ja, überproportional schon. Ich sag nicht, dass die Schulnote nichts bedeutet, aber das ist nicht alles. Wir erleben jedes Jahr junge Menschen, die eben doch leistungsstark und leidenschaftlich sind, auch wenn man das im Abiturzeugnis nicht in aller Eindeutigkeit sieht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn sich zukünftig jeder Student ausführlich beraten lassen muss, anstatt sich auszuprobieren: Verschenken wir dann nicht unerwartete Lebensläufe, positive Überraschungen oder das Recht zu scheitern?

Bewerber werden die richtigen Schlussfolgerungen ziehen

Herrmann: Ausschließen tut man nie etwas, es ist nur die Frage, was wahrscheinlicher wird. Ich glaube schon, dass mit einem intensiven Beratungssystem guter Erfolg wahrscheinlicher wird. Weil diese jungen Leute, die ja insgesamt nicht dumm sind, die richtigen Schlussfolgerungen schon ziehen werden. Das ist ja der Gedanke, der hinter dem Beratungssystem steckt. Bayern müsste in dieses System nur auch investieren. Wir an der TU können uns eine ganze Menge leisten, weil wir Geld aus Drittmitteln haben. Aber es gibt viele Unis, die haben das nicht. Deswegen darf man gespannt sein, wie die Beratungen anlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Studierenden, die an ihrem Studium zweifeln?

Unbedingt mit den Dozenten sprechen, denen sie vertrauen, und unbedingt eine persönliche Beratung in Anspruch nehmen. Bei uns würden sie das kriegen. Das ist klar.

Studienabbruch - ja oder nein? So entscheiden Sie richtig
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    Mehr als jeder vierte Bachelorstudent schmeißt sein Studium hin - häufig aus den falschen Gründen. Wann aber sollte man dabeibleiben? Wann ist es Zeit abzubrechen? Tipps für die richtige Entscheidung.
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Seite 1
harleyjoe 11.10.2016
1.
Zum Teil geht der Versuch, Studienabbrecher zu reduzieren, auch an der Realität vorbei. Mancher Studienanfänger weiss schon genau was er will, wo er hinwill, und dass das "sein Ding" ist. Viele andere -darunter auch meine Kinder- wissen das nicht. Die müssen noch durch Ausprobieren ihre Richtung finden. Deshalb wird man mit Studienberatung alleine nicht die Lösung finden. Die Hochschulen müssten den Studienanfängern vor dem Studium mehr Gelegenheit, durch "Probevorlesungen" festzustellen ob das für sie die richtige Entscheidung ist.
b.quach 11.10.2016
2.
Ich glaube, dass viele Studenten nicht die nötige Disziplin oder einfach nicht genug Unterstützung erhalten. Im Allgemeinen sollte man aber viel mehr in der Schule tun und die Schüler besser auf ihre verschiedenen Möglichkeiten informieren. Meistens bleibt das eher an einem selbst hängen und dann gehen viele studieren, weil sie eigentlich noch gar nicht wissen, was sie genau machen sollen. Die Eignungsfeststellungsverfahren der Hochschule finde ich auch insgesamt gut so wie sie sind. Dort wird auch nicht immer nur auf die Abi-Note geschaut, sondern auch wie man sich dem Professor präsentiert und ob man wirklich gewillt und motiviert ist das Studium durchzuziehen. Es gibt aber auch viele Hochschulen, die primär auf den Schnitt schauen, aber eine einheitliche Feststellung für die Vielzahl an Studiengängen wird wohl nie passieren.
mali123 11.10.2016
3. vielleicht hat es sich schon rumgesprochen?
dass ein studium keine jobgarantie mehr ist! ein studium stellt zunächst ein investment dar. man muss bedenken, dass man nix verdient, wenn man studiert. genauer gesagt kostet ein studium sogar eine menge geld. bedauerlicherweise sagt niemand den jungen leuten, dass sie dieses investment nie wieder sehen werden, weil der konkurrenzkampf unter den absolventen viel zu hoch ist und die löhne entsprechend niedrig. deswegen rate ich jedem: finger weg vom studium! es macht keinen sinn sich soviel stress auszusetzen und soviel geld in den sand zu setzen..... und das sage ich als "studierter".
donjoga 11.10.2016
4. 30 von 100
...war zu meinen Zeiten an der TH ganz normal. Die Chemiker und Physiker lagen da sogar bei 50%.
Ashurnasirapli 11.10.2016
5.
Was ist an diesem Ansatz neu? Schon vor 10 Jahren konnte ich mich an meiner Thüringer Alma mater nur zurückmelden, wenn ich mich vorher eine halbe Stunde mit jemanden vom Prüfungsamt unterhalte, warum die Regelstudienzeit überschritten wurde.
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