Auslandssemester im Knast "Ich hatte Angst, die Prüfungen zu verpassen"

140 Männer, drei Schlafräume, ein Plumpsklo: Deniz Schmick, 28, landete in einem Gefängnis in Istanbul. Der deutsch-türkische Student war für ein Auslandssemester im Heimatland seiner Mutter - und wurde festgenommen. Wie konnte es dazu kommen?

DPA

Ein Interview von Marie-Charlotte Maas


Zur Person
  • Deniz Schmick
    Deniz Schmick, 28, ist in Deutschland als Sohn einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren. Er studiert an der Universität in Siegen Maschinenbau. Während seines Auslandssemesters an der Universität Bursa wird er vergangenen August in einer Istanbuler Bar von der Polizei festgenommen und verbringt fünf Tage hinter Gittern.
SPIEGEL ONLINE: Deniz Schmick, Sie haben ein Auslandssemester in der Türkei verbracht, jetzt werfen Ihnen die Behörden dort Widerstand gegen die Staatsgewalt vor. Was haben Sie getan?

Schmick: Ich war etwas trinken, in einer Bar in der Nähe vom Taksim-Platz in Istanbul. Dort tobten vor einem Jahr die Gezi-Park-Proteste, aber sie waren längst abgeflaut, als ich da war. Plötzlich stürmten Polizisten hinein und befahlen: Alle Mann raus auf die Straße. Einige durften direkt wieder gehen, drei Freunde von mir und ich mussten in einen Polizeibus steigen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich gewehrt?

Schmick: Nein, ich hatte schon von Bekannten gehört, dass es willkürliche Festnahmen gibt, und mich informiert, wie ich mich zu verhalten habe. Es gibt dafür richtiggehende Leitfäden im Netz. Darin heißt es: ruhig bleiben, mit den Polizisten mitgehen - daran habe ich mich gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Keine Angst gehabt?

Schmick: Erst nicht, aber dann schon, als ich sah, wie Polizisten manchen Mitgefangenen niederknüppelten und mit Kabelbindern fesselte.

SPIEGEL ONLINE: Wohin wurden Sie gebracht?

Schmick: In ein Untersuchungsgefängnis, wo wir unsere Wertsachen wie Uhren und Telefone abgeben und uns fotografieren lassen mussten. Unter den Gefangenen waren auch Rentner, Sanitäter, ein Autor aus Deutschland, ein amerikanischer Tourist und mehrere Schüler und Studenten. Wir alle wurden in eine unterirdische Neun-Mann-Zelle gesteckt, es gab kein Tageslicht und zum Schlafen nur Isomatten. Nachts um drei wurden wir geweckt, weil es Essen gab.

SPIEGEL ONLINE: Ähnliches erzählen andere Gefangene aus der Zeit. Wir haben Sie die zwei Nächte ausgehalten, die Sie einsitzen mussten?

Schmick: Ich habe versucht, ruhig zu bleiben. Ich stand kurz vor der Klausurenphase und konnte die Zeit nicht zum Lernen nutzen - ich hatte Angst, die Prüfungen zu verpassen. Das hat mich am meisten aufgeregt. Andere waren allerdings weniger locker. Ein Mitinsasse rührte nichts von dem Essen an, weil er Angst hatte, vergiftet zu werden. Am darauffolgenden Montag wurde ich dem Staatsanwalt vorgeführt. Weil ich einen deutschen Pass habe, hat man mich vor die Wahl gestellt, das Land zu verlassen oder weiterhin in Haft zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht ausgereist?

Schmick: Nein, ich habe mich geweigert, die Türkei zu verlassen. Das wäre mir wie ein Schuldeingeständnis vorgekommen, außerdem wollte ich das Semester abschließen. Daraufhin bin ich in Abschiebehaft gelandet: 140 Männer in drei Schlafräumen mit zwei Duschen und einem Plumpsklo.

SPIEGEL ONLINE: Wieso kamen Sie dann doch nach wenigen Tagen raus?

Schmick: Nachdem sich die Rektorin meiner Hochschule eingeschaltet hatte, haben sie mich entlassen. Ich durfte zurück nach Bursa und bis zum Ende des Semesters bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Zur Gerichtsverhandlung sind Sie aber nicht wieder hingereist.

Schmick: Ich hatte Angst, keinen fairen Prozess zu bekommen und verurteilt zu werden, obwohl ich nichts getan habe. Ich sympathisiere zwar mit den Demonstranten, war aber nie aktiv dabei - das reicht in Istanbul schon, um überwacht zu werden. Jedenfalls ist das mein Eindruck.

SPIEGEL ONLINE: Was genau wirft der Staatsanwalt Ihnen vor?

Schmick: In der Anklageschrift heißt es, dass ich Flaschen und Steine auf Polizeibeamte geworfen hätte. Die Polizei verwendet Verbandsmaterial als Beweismaterial gegen mich: Wer so etwas bei sich trägt, sagen sie, will auch verletzen. Vollkommen absurd. Ich arbeite in Deutschland seit Jahren ehrenamtlich beim Roten Kreuz und habe es deshalb immer bei mir. Die Polizei vor Ort hat mich zudem der Spionage beschuldigt und wollte permanent wissen, wer meine Auftraggeber seien.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für Ihre Zukunft?

Schmick: Ich werde wohl nicht mehr in das Herkunftsland meiner Mutter fahren können, ohne mit einer Festnahme rechnen zu müssen. Der nächste Prozesstermin steht im Sommer an. Meine zweite Heimat bleibt mir wohl länger verschlossen.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
cengiz-alanya 26.03.2014
1. optional
Sollen nun alle die Angst haben verreissen und nicht wieder einreisen? Etwas mehr Mut bitte.
wyschnewski 26.03.2014
2. Das ist auch der Grund weshalb ich nicht mehr hinreise
in die Heimat meiner Eltern.... habe schon zu oft im Internet meine (freie) Meinung über die Politik in der Türkei geäußert, dass reicht dann schon aus, um dort in den Knast zu landen. Werde bald meinen türkischen Pass wegen diesen Autokraten abgeben, damit ich wenigsten meine Stimme erheben kann, ohne gleich Gefahr zu laufen, Jahrelang in den Knast gehen zu müssen.
maturin001 26.03.2014
3. ...
Zitat von cengiz-alanyaSollen nun alle die Angst haben verreissen und nicht wieder einreisen? Etwas mehr Mut bitte.
Haben sie den Artikel denn nicht gelesen? Der Mann wurde ohne jeden Grund festgenommen und eingesperrt, genauso wie vermutlich tausende Andere. Was sollte ihm da sein Mut nutzen? Wenn es den türkischen Behörden gefällt, werden sie das wieder tun, da kann er noch so mutig sein.
Lisatilki 26.03.2014
4.
Mir ist fast genau das gleiche pasasiert. War in einer bar in Kadiköy/Istanbul am 25.12.13 was trinken. Auf dem nach Hause weg sind wir zwischen die Fronten geraten und dann festgenommen worden. Danach wurden auch wir, also mein Italienischer Freund und ich in Untersuchungshaft gesteckt. Uns worde genau wie in diesem Beispiel vorgeworfen Dinge auf die Polizei geworfen zu haben und das Wort Spion ist auch gefallen. Letztendlich hies die Beschuldigung vorm Richter dann, dass wir uns gegen die Festnahme gewehrt haben, was auch nicht der Fall ist. Ich habe drei Nächte dort verbracht. Ohne jemanden der Englisch sprach in meiner zelle. Mein Mitbewohner hat zum Glück alle Übersetzungsangelegenheiten für mich übernommen und war, soweit es ging immer an meiner Seite. Auch nach dem Freispruch vom Richter, mussten wir noch eine Nacht bleiben, da wir noch zur Blutabgabe, wegen ansteckender Krankheiten und zum Ausländeramt mussten. Immer wieder wurde uns gedroht, dass wir abgeschoben werden obwohl wir Studenten in der Türkei sind/waren und eine gültige Aufenthaltsgenehmigung hatten. Isomatten und Essen gabs bei uns von der Polizei nicht. Holzbänke und Essen, was uns Freunde brachten mussten war bei uns angesagt. AUch ich war kurz vor meiner Klausurphase bzw eigentlich mitten drin. ZUm Glück waren meine Professoren hier so kulant, dass ich alle meine Klausuren nachschreiben durfte und somit erstmal alles verarbeiten konnte. Bis heute werde ich nervös sobald ich die Polizei auf der Straße sehe. Wenn ich weiß, dass Abends Demonstrationen in Kadiköy sind, gehe ich nicht mehr aus dem Haus.
hjdelle 26.03.2014
5. die türkey
ist uns näher als die ukreine wenn man davon ausgeht bis 1945 wo die rechten SSler mit adolf gegen die russen völkerrechtswidrig gekämft haben wo misch sich hier unsere söldner der usa sprich bunderregierung und eu ein keine zeit wir oganisieren gerade die unterwanderung der ukrine mit den nazis
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