Türkei Erdogan ordnet Festnahme von mehr als hundert Wissenschaftlern an

Massenentlassungen, Festnahmen - der türkische Präsident Erdogan geht seit Monaten mit starken Repressionen gegen Mitarbeiter an Hochschulen vor. Jetzt gibt es eine neue Verhaftungswelle in Istanbul.

Festnahmen in der Türkei (Symbolbild)
AP

Festnahmen in der Türkei (Symbolbild)


Die türkischen Behörden haben Medienberichten zufolge die Verhaftung von 103 Wissenschaftlern in Istanbul angeordnet. Im Zentrum der Untersuchung stehe die Technische Universität Yildiz, meldete der Sender NTV am Freitag. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, bei mehreren zeitgleichen Razzien in Istanbul seien bereits mehr als 70 Akademiker festgenommen worden.

Den Wissenschaftlern werde Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vorgeworfen. Konkret gehe es um mutmaßliche Verbindungen zu dem in den USA lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen. Die Türkei macht Gülen für den Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich. Gülen hat diesen Vorwurf zurückgewiesen.

Die Polizei habe Razzien in den Büros des betroffenen Lehrpersonals auf dem Uni-Campus in Istanbul durchgeführt, hieß es. Auch deren Häuser seien durchsucht worden. Nach dem Putschversuch hat die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Türkei Zehntausende mutmaßliche Anhänger Gülens aus dem Staatsdienst entfernt und Zehntausende Menschen festnehmen lassen - im Medienbereich, beim Militär, in der Justiz und auch im Bildungswesen. Dabei sahen sich auch Mitarbeiter von Universitäten zunehmend massiven Repressionen ausgesetzt.

HRK-Präsident: Erschreckend lange Liste an Repressionen

In Deutschland beobachtet diese Entwicklung mit wachsender Sorge. "Schließung von 15 Universitäten, Entlassung von mehreren Tausend Hochschulmitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Verhängung von Ausreiseverboten, Verhaftung von mehreren Hundert Hochschulangehörigen, die Absetzung von frei gewählten Rektoren - die Liste der staatlichen Repressionen gegen unsere türkischen Kolleginnen und Kollegen ist erschreckend lang", mahnt Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

Er verurteile das Vorgehen "in schärfster Form" und fordere die Türkei auf, die weltweit gültigen akademischen Freiheiten wieder herzustellen. "Unabhängige Forschung, angstfreies Lehren und Lernen und der offene Dialog dienen der gesellschaftlichen Entwicklung, in Deutschland wie in der Türkei, und sind die Basis für die so wichtigen türkisch-deutschen Wissenschaftsbeziehungen", sagt Hippler.

Besonders kritisch wertet er die Entlassung von mehreren Lehrkräften der deutsch-türkischen Universitäten in Istanbul Anfang November. "Diese und weitere Repressionen gefährden die Grundlage dieses Projektes, in dem sich 35 HRK-Mitgliedshochschulen engagieren. Eine türkisch-deutsche Universität, in der der Schutz der akademischen Freiheiten nicht gewährleistet ist, ist undenkbar."

fok/dpa/Reuters



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