Turbo-Student Dessauer Mit 19 Jahren zur Promotion nach Harvard

Dieser Absolvent ist schnell, gut und extrem jung: Aaron Voloj Dessauer, noch keine 20, hat schon den Magistertitel in der Tasche. Der Express-Akademiker studierte parallel zur Schule - im Interview erklärt er, warum es Überflieger dennoch manchmal schwer haben.


UniSPIEGEL:

Sie haben Ihr Studium in Philosophie, Soziologie und Evangelischer Theologie in zwei Semestern durchgezogen und halten mit 19 Jahren schon ein Einser-Magisterzeugnis in der Hand. In dem Alter sitzen die Kommilitonen ihr erstes Proseminar ab. Wie haben Sie das geschafft?

Aaron Voloj Dessauer, 19, schloss sein Studium an der Uni Münster mit der Note "sehr gut" ab
Uni Münster

Aaron Voloj Dessauer, 19, schloss sein Studium an der Uni Münster mit der Note "sehr gut" ab

Aaron Voloj Dessauer: Ich war vor meinem regulären Studium in Münster bereits während der Schulzeit als Juniorstudent eingeschrieben und habe ab der 12. Klasse regelmäßig Vorlesungen, Seminare und Übungen besucht. Zum Glück liegt meine Schule in einer Uni-Stadt, da konnte ich während der Freistunden Vorlesungen hören und nachmittags in Seminare gehen. Ich habe während der Zeit viele Hausarbeiten geschrieben. Danach habe ich weiter gemacht und war plötzlich fertig.

UniSPIEGEL: Dabei gilt die Philosophie als kniffliges Fach mit hohen Abbrecherquoten. Warum haben Sie sich gerade diese Disziplin für das Juniorstudium ausgesucht?

Dessauer: Auslöser war, dass an meiner Schule der evangelische Religionsunterricht bei dem Philosophen Martin Arndt sehr gut war. Den habe ich mir angehört, obwohl ich selbst jüdisch bin und eigentlich nicht teilnahm. Dort haben wir sehr viel Philosophie gemacht, das Interesse daran hat mich gefangen und nicht mehr losgelassen.

UniSPIEGEL: Was Sie in wenigen Semestern nebenbei geschafft haben, dafür benötigen andere Studenten Jahre. Ist das Pensum in den Geisteswissenschaften zu dünn, sind die Anforderungen zu lasch?

Dessauer: Ich denke nicht. Es ist letztlich eine Geschmacksfrage, wie schnell man studieren will. Ich habe mich entschieden, meine Magisterarbeit über moralische Dilemmata schnell abzugeben, weil ich wusste, dass ich nach Amerika gehen würde.

UniSPIEGEL: Wurden Sie von den Kommilitonen für Ihre Zielstrebigkeit angefeindet?

Dessauer: Nicht wirklich, das Studium ist relativ anonym, man weiß meist nicht, wer neben einem im Seminar sitzt. Ich habe gegenüber Mitstudenten und Professoren nicht extra erwähnt, dass ich Juniorstudent bin.

UniSPIEGEL: Aber speziell gefördert wurden Sie auch nicht?

Dessauer: Was die Uni Münster angeht, so kann ich mich überhaupt nicht beklagen. Es gab aber in der Schule Lehrer, die meinten, ich würde andere Schüler dadurch behindern, dass ich relativ fortgeschrittene Fragen gestellt habe. Sie wussten manchmal nicht recht, was sie mit mir anstellen sollten. Als ich eine Klasse übersprang, sagte mir ein früherer Lehrer: "Gott sei Dank bist du weg." Es herrscht in Deutschland die Tendenz, dass es am fairsten sei, sich zuerst um die Schlechteren zu bemühen - die Besseren, so der Glaube, schaffen es schon allein und haben keine besondere Beachtung nötig.

UniSPIEGEL: Und jetzt gehen Sie in die USA, obwohl in Deutschland alle von Eliteförderung und Spitzenforschung reden. Was ist dort besser?

Dessauer: In Amerika sind Fälle wie meiner an der Tagesordnung, schneller Erfolg ist gesellschaftlich stärker akzeptiert, die Förderungsmöglichkeiten sind besser. In Deutschland hat man manchmal das Gefühl, sich schämen zu müssen, wenn man zu gut ist. Außerdem sind die Bedingungen an einer Spitzenuniversität wie Harvard einfach anders, die Betreuungsrelation, die finanziellen Mittel, der Zugang zu sehr guten Professoren.

UniSPIEGEL: An der Harvard Law School haben Sie einen sehr prominenten Mentor gefunden: Der Staranwalt und Harvard-Professor Alan Dershowitz berät Klienten wie Al Gore und Mike Tyson. Wie haben Sie den Kontakt hergestellt?

Dessauer: Ich hatte seine Bücher gelesen, als ich 14 oder 15 Jahre alt war. Als ich in Boston in Urlaub war, habe ich Dershowitz eine E-Mail geschrieben und gefragt, ob ich ihn kennenlernen darf. Die Professoren in Harvard, auch die mit großem Namen, sind ja meist sehr zugänglich, die Hierarchie ist nicht so stark zu spüren. Dershowitz hat mich eingeladen und, nach einigen Gesprächen, mir angeboten, für ihn als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu arbeiten. Ich habe meine Magisterarbeit bei ihm geschrieben, der Kontakt ist sehr eng: Er betreut meine Forschungen, ich recherchiere für seine Bücher.

UniSPIEGEL: Haben Sie gedacht, dass Sie so einfach in Harvard landen könnten?

Dessauer: Es war immer ein Traum von mir, in Harvard zu studieren, aber keine realistische Option. Ich wusste vorher nicht, wie ich das machen sollte. Jeder meinte, dass es verrückt und unrealistisch sei. Zum Glück bekam ich die Einladung, jetzt kann ich in Harvard forschen und arbeiten. Meine Promotion will ich aber an der Universität Münster einreichen.

UniSPIEGEL: Ähnliche Chancen könnten sich auch bald für andere junge Absolventen eröffnen, denn das Juniorstudium findet immer mehr Anhänger. Welche Tipps haben Sie?

Dessauer: Ich bin immer danach gegangen, was mir Spaß macht und habe nicht so sehr geschaut, welche Kenntnisse vielleicht gute Chancen auf dem Arbeitmarkt versprechen. Man sollte frei genug sein, seinen Interessen nachzugehen. Ich glaube nicht, dass man später in einem Beruf gut sein kann, der einem keine Freude bereitet.

Das Interview führte Jan Friedmann



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