Übermüdete Studenten No sleep till Brooklyn

Ständiger Schlafmangel wird zu einem echten Problem für amerikanische Studenten, warnen Forscher. Die Duke University will mit individuellen Gesundheitsplänen vorbeugen und schaffte nebenbei die 8-Uhr-Kurse ab. Doch die gute Nachricht bedeutet keine Entwarnung für das akademische Partyvolk.

Von Oliver Voß


Es war im Jahr 1965, als der kalifornische College-Student Randy Gardner beschloss, nicht mehr zu schlafen. Genau 264 Stunden und 12 Minuten hielt er die Augen offen. Weltrekord. Während der elf Tage hatten ihn Freunde, das Fernsehen und Schlafforscher der Universität Stanford wachgehalten. Reizbarkeit, Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörungen stellten sich bei Gardner ein, die Wissenschaftler hatten Schlimmeres befürchtet. "Es war ein Triumph des Geistes über die Materie", erklärte der Siebzehnjährige am Ende. Und fiel dann in einen Schlaf, der nicht einmal 15 Stunden dauerte.

Zu wenig Schlaf: Kaum sieben Stunden verbringen US-Studenten im Bett
DDP

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Gardners Rekord ist bei heute ungebrochen, doch viele amerikanische Studenten schlafen grundsätzlich zu wenig. Wissenschaftler und Hochschullehrer bezeichnen den Schlafmangel inzwischen als ernstes Problem. 71 Prozent der Studenten leiden an Schlafstörungen, ermittelte Roseanne Armitage, die Leiterin des Schlaflabors an der Universität Michigan.

Eine "Epidemie" nennt der Geschichtsprofessor Peter Wood die Schlaflosigkeit auf dem Campus. Seine Hochschule, die Duke University, ergreift nun ungewöhnliche Maßnahmen gegen das Problem: Ab dem kommenden Semester sollen alle freshmen, die Studienanfänger, individuelle Gesundheitsplan von der Uni bekommen.

Wer hat an der Uhr gedreht?

"Wir möchten mit allen Erstsemestern eine Wellness-Strategie erarbeiten, die Schlaf, Sport und Ernährung beinhaltet", erklärte Ryan Lombardi, stellvertretender Studiendekan. Die Geschichten über lange Nächte auf dem Campus seien bekannt, sagte Lombardi. Doch es seien nicht nur Partys, die Studenten um den Schlaf bringen. Wie lange manche arbeiten, zeigen Lombardi unzählige E-Mails, die ihm mitten in der Nacht gesendet werden.

Der Schlaf der Gerechten: Gute Nacht, John-Boy!
DPA

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Die Übermüdung der Studenten war kürzlich auch Thema einer nationalen Konferenz. "Depressionen auf dem Campus - Verbindungen zu Stress, Schlaf und Alkohol" lautete der Titel der Veranstaltung an der Uni Michigan. Denn die Zahl der Depressionen und Selbstmorde hat an amerikanischen Universitäten enorm zugenommen.

"Schlafmangel ist oft ein erstes Anzeichen für Depressionen", sagte Roseanne Armitage. Nach Angaben der Schlafforscherin gehen amerikanische Studenten heute ein bis zwei Stunden später ins Bett als vor 25 Jahren. Während sie in den achtziger Jahren im Schnitt sieben bis siebeneinhalb Stunden geschlafen haben, waren es 2002 etwas mehr als sechs Stunden.

Die Folgen sind neben Depressionen auch schlechte Studienleistungen, ein erhöhtes Krankheitsrisiko und eine größere Zahl von Autounfällen. Anlässlich der Zeitumstellung Anfang April rief die "National Sleep Foundation" zu einer "Woche des Schlafes" auf. Unterstützt wurde die Organisation dabei vom amerikanischen Lehrer-Verband und der Vereinigung der Grundschullehrer, die sich besorgt über immer mehr übermüdete Schüler äußerten.

Schlaflos in Durham

Die Duke-Universität in Durham machte noch mit einer anderen Maßnahme Schlagzeilen. "Universität schließt 8-Uhr-Kurse", titelten Lokalpresse und CNN letzte Woche. Anschließend lief das Telefon heiß, Lehrer und die "National Sleep Foundation" gratulierten der Uni zu ihrer Entscheidung.

Doch die Hochschule bemüht sich nun klarzustellen, die Informationen seien zwar richtig, die geänderten Seminarzeiten aber keine Reaktion auf die grassierende Insomnie. Man habe erstmals seit zwei Jahrzehnten die Vorlesungsverzeichnisse grundsätzlich überarbeitet. Anlass war die Ballung von Kursen zwischen 10 und 14 Uhr, viele Veranstaltungen liefen parallel und die Räume waren knapp geworden.

Künftig wird es daher wieder mehr Vorlesungen am frühen Vormittag geben. Die Anfangszeiten um 8 Uhr wurden dabei als Zugeständnis an die Studenten gestrichen. Doch viele werden sich die Augen reiben, wenn sie bald um 8.30 Uhr in die Uni müssen. Der Schlafmangel geht weiter.



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