Undercover in einer Islamistenschule "Die Angst war immer da"

Vier Wochen besuchte Fritz Schaap verdeckt eine Sprachschule in Alexandria, in der Konvertierte radikalisiert werden sollen. Im Interview erzählt er von der Perspektivlosigkeit junger Gotteskrieger - und seiner Furcht aufzufliegen.

AP

SPIEGEL ONLINE: Herr Schaap, Sie waren vier Wochen undercover in einer Sprachschule in Alexandria. Dort sollen Islamisten für die westliche Welt ausgebildet werden. Was für Menschen sind Ihnen begegnet?

Schaap: Junge Männer, die nach Sinn und Rebellion suchen. Die meisten waren frisch konvertiert und kamen aus Deutschland, Frankreich, England oder den USA. Sie wurden von ihren Heimatgemeinden auf diese Schule geschickt, damit sie dort ihren Glauben vertiefen. Mit einem dieser Schüler habe ich zusammen gewohnt.

SPIEGEL ONLINE: Über ihre Erfahrungen haben Sie ein Buch geschrieben. Was hat Sie gereizt?

Schaap: Die Schule gilt als Durchlauferhitzer. Von dort gehen Leute nach Mekka oder in ein Ausbildungs-Camp. Mich hat die junge Generation der Konvertierten interessiert und die wollte ich poträtieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf diese Schule gekommen?

Schaap: Ich war als Student schon mal einige Wochen dort. Mein Professor hatte sie mir zum Arabischlernen empfohlen, mit dem beiläufigen Hinweis, sie sei etwas religiös. Monate später habe ich erfahren, dass auch einer der Sauerland-Bomber dort war. Außerdem sollen viele Deutsche dort radikalisiert worden sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Tarnung hatten Sie sich zurechtgelegt?

Schaap: Ich habe erzählt, wie sehr der Glaube mich beeindruckt hätte, als ich in Palästina Männer aus dem Widerstand getroffen habe, und dass ich mehr darüber erfahren will. Ein vorgespielter Hass auf Israel und die Juden hat außerdem geholfen. Und als Deutscher hatte ich sofort ein gutes Standing.

SPIEGEL ONLINE: Man hätte Ihren Namen bloß im Internet eingeben müssen, um zu erfahren, dass Sie Journalist sind. Keine Angst gehabt, aufzufliegen?

Schaap: Die Angst war immer da. Seltsamerweise ist aber nichts passiert. Ich hatte vorher versucht, meine Spuren im Internet zu löschen. An der Schule versteht aber ohnehin keiner Deutsch, die Sprachbarriere war sicher ein Vorteil.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah Ihr Alltag aus?

Schaap: Der Tag hat sich nach den Gebeten gerichtet. Fünf Mal ging es in die Moschee, das erste Mal morgens um 4.30 Uhr, dann Schule, dann wieder mit meinem Mitbewohner nach Hause, Koran-Verse auswendig lernen, Arabisch lernen und dann erneut in die Moschee.

SPIEGEL ONLINE: Ihren Mitbewohner beschreiben Sie als Fast-Food-Junkie aus Texas, der dem westlichen Leben nicht abgeneigt scheint. Ist das typisch für die heranwachsende Generation von Islamisten?

Schaap: Nein, typisch ist das nicht. Er ist ja kein Konvertit gewesen, sondern ein in den USA geborener Moslem mit einem nichtreligiösen familiären Hintergrund. Er schien noch zwischen den Welten zu stehen und wirkte manchmal, als wäre er noch nicht ganz angekommen in dem strengen salafistischen Umfeld der Schule. Er gab sich aber redlich Mühe. Der Großteil der Schüler hat sehr streng befolgt, was ihnen beigebracht wurde und war allem Westlichen stark abgeneigt - auch allen liberaleren islamischen Strömungen übrigens. Das ging so weit, dass einige statt Zahnbürsten kleine Wurzeln benutzten, wie man es wohl zu Zeiten des Propheten tat. Das ist mehr eine Ablehnung der Moderne.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten ihm gerne gesagt: Pack deine Sachen und fahr wieder in die Staaten?

Schaap: Ja, aber das ging nicht. Ich konnte ihm nicht mittendrin erzählen, wie engstirnig oder rückwärtsgewandt seine Ansichten sind. Es war nicht leicht, ständig diese Rolle zu spielen und Leute anzulügen, die ja freundlich zu mir waren. Aber es hat zur Recherche gehört und ich wäre in diesem Milieu sonst nicht an Informationen gekommen. Deshalb war es auch moralisch für mich zu vertreten.

SPIEGEL ONLINE: Später lernten Sie auch drei Deutsche kennen. Welchen Eindruck hatten Sie von denen?

Schaap: Sie schienen vorsichtiger als alle anderen. Sie lebten abgeschottet, hatten Privatunterricht und lernten den ganzen Tag Koran-Verse auswendig. Ich habe bei denen vor allem eine Perspektivlosigkeit gesehen. Junge Männer, mit einem niedrigen Bildungsgrad und einer abgebrochenen Lehre. Sie haben in dieser Gemeinschaft einen Halt gefunden und wurden akzeptiert. Plötzlich hatten sie auch einen gemeinsamen Feind: die Gesellschaft, in der sie selbst nicht Fuß fassen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich schätzen Sie diese Schule ein? Immerhin haben Sie auf dem USB-Stick eines Mitschülers den Link zu der radikalen Internetseite "44 Wege den Dschihad zu unterstützen" gefunden.

Schaap: Die Schule ist nicht das Hauptproblem. Gefährlich ist das Umfeld, die Salafisten und Hass-Prediger, die dort verkehren, zu Besuch waren und dann im Internet öffentlich zum Dschihad aufrufen, auf Deutsch, auf Englisch, auf Arabisch. Auch der deutsche Islamist Pierre Vogel war schon dort. Das ist beängstigend. Ich habe Leute kennengelernt, die auf jeden Fall für ihren Glauben kämpfen wollen. Wie der alte amerikanische Soldat, der seit längerem im Umfeld der Schule lebte und plante, in naher Zukunft nach Jemen zu gehen. Viele hatten dort massiv das Gefühl, die westliche Welt unterdrücke ihren Glauben. Von dort ist der nächste Schritt nicht mehr weit. Die Gefahr ist auf jeden Fall da.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind immer wieder heimlich in eine Kneipe gefahren, um zu trinken und zu rauchen. War die Recherche so anstrengend?

Schaap: Ab und zu musste ich da raus und ein Bier trinken. Es war schon sehr anstrengend, immer wieder dieselben Gespräche zu führen und die gleiche Tagesroutine mitzumachen. Abends habe ich dann in meinem Zimmer gesessen und alles aufgeschrieben. Nachts habe ich mich dann einige, wenige Male aus meinem Zimmer geschlichen und bin in eine Bar gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Was war der heikelste Moment?

Schaap: Gegen Ende meiner Recherche bin ich mit meinem Mitbewohner und seinen Freunden an meiner Stammkneipe vorbeigekommen. Da wurde mir schon mulmig. Ich dachte, ich wäre aufgeflogen und dies wäre ein Test. Zum Glück saß der Barkeeper nicht wie sonst vor seinem Laden und wir sind einfach vorbeigegangen.

SPIEGEL ONLINE: Unter einem Vorwand sind Sie nach vier Wochen wieder abgereist. Gab es Probleme?

Schaap: Nein, gar nicht. Ich habe meinem Mitbewohner erzählt, dass mein Großvater krank geworden ist und ich dringend nach Deutschland muss. Ich habe ihn gebeten, in der Schule Bescheid zu geben, und er hat meinem Opa alles Gute gewünscht. Ich habe gesagt, wir würden uns in zwei Wochen wiedersehen. Ich bin dann nie wieder zurück.

SPIEGEL ONLINE: Gab es nach Ihrer Geschichte Reaktionen von Mitschülern oder aus der Sprachschule?

Schaap: Erstaunlicherweise habe ich nie wieder etwas von dort gehört. Vielleicht liegt es auch daran, dass dort niemand Deutsch spricht. Aber ich bekomme immer noch den Newsletter von der Schule zugeschickt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst, mit diesem Buch religiöse Gefühle zu verletzen?

Schaap: Ich wollte und will keine Religionskritik üben und habe deshalb versucht, mich auf Beobachtungen zu beschränken. Ganz egal, was ich persönlich davon halte - die Beschreibung dieser vier Wochen spricht für sich.

Das Interview führte Jonas Leppin

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
M. Michaelis 22.10.2012
1.
Konvertiten sind in ihrer Radikalität am Schlimmsten, denn sie glauben sich besonders beweisen zu müssen. Sie sind auch am gefährlichsten für unsere Gesellschaft, denn sie sind schwerer zu erkennen. Leider scheint das kulturell naheliegendere Christentum als religiöse Heimat unattraktiv. Hinzu kommt dass der Wechsel zum Islam Problemlos möglich ist, der Wechsel vom Islam zu einer anderen Religion massive Konsequnenzen nach sich zieht.
huggi 22.10.2012
2.
Zitat von sysopTobias Kruse/OstkreuzVier Wochen besuchte Fritz Schaap verdeckt eine Sprachschule in Alexandria, in der Konvertierte radikalisiert werden sollen. Im Interview erzählt er von der Perspektivlosigkeit junger Gotteskrieger - und seiner Furcht aufzufliegen. Undercover an Islamistenschule: Interview mit Fritz Schaap - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/undercover-an-islamistenschule-interview-mit-fritz-schaap-a-860795.html)
... niedriger Bildungsgrad muss eine Voraussetzung für einen Konvertiten aus unserem Kulturkreis sein, keiner der seine Sinne beisammen hat wird diesem Unsinn verfallen. Dass man sich dann besonders wohl fühlt wenn man sich mit anderen Verlierern umgibt verwundert ja auch nicht wirklich.
Hupert 22.10.2012
3.
Zitat von sysopTobias Kruse/OstkreuzVier Wochen besuchte Fritz Schaap verdeckt eine Sprachschule in Alexandria, in der Konvertierte radikalisiert werden sollen. Im Interview erzählt er von der Perspektivlosigkeit junger Gotteskrieger - und seiner Furcht aufzufliegen. Undercover an Islamistenschule: Interview mit Fritz Schaap - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/undercover-an-islamistenschule-interview-mit-fritz-schaap-a-860795.html)
Nur vier Wochen dort gewesen, nur ganz selten nachts heimlich in eine Kneipe... wenn man das dann als Stammkneipe bezeichnet und man Angst hat der Wirt fällt einem auf der Straße um den Hals stimmt doch irgendwas nicht. Ich habe keinerlei Symphatien für religiösen Schwachsinn jeglicher Coleur aber die Story klingt irgendwie ganz schön halbgar. Auf welchem journalistischen "Durchlauferhitzer" hat Herr Schaap denn sein Handwerk gelernt? Und was ist eigentlich "poträtieren" wird man da mittels Dope gefügig gemacht? Ganz schwacher Artikel, vielen Dank...
westerwäller 22.10.2012
4. Es gibt objektive Kriterien...
Zitat von sysopTobias Kruse/OstkreuzVier Wochen besuchte Fritz Schaap verdeckt eine Sprachschule in Alexandria, in der Konvertierte radikalisiert werden sollen. Im Interview erzählt er von der Perspektivlosigkeit junger Gotteskrieger - und seiner Furcht aufzufliegen. Undercover an Islamistenschule: Interview mit Fritz Schaap - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/undercover-an-islamistenschule-interview-mit-fritz-schaap-a-860795.html)
... nach denen man beurteilen kann , welche Religionen das friedliche Zusammenleben der Menschen am meisten stören. Leider getraut sich keine Zeitung in Deutschland, eine solche Liste aufzustellen. In meiner eigenen Liste steht der Islam ganz unten. Der Buddhismus ganz oben. Immer noch kein Grund, einer der Religionsgemeinschaften beizutreten. Ich lebe jedoch lieber neben einem Hardcore-Christen (bspw. Zeuge Jehovas - obwohl diese sich selbst nicht als Christen bezeichnen, wie ich erst neulich im Gespräch erfahren musste) als neben einem Hardcore-Muslim (bspw. einem Salafisten).
Hupert 22.10.2012
5.
Ich hätte durchaus kein Problem das zu machen und mich 4 Wochen unter diesen Personen zu bewegen. Womit ich ein Problem hätte wäre der Umstand unter einem Lügenkonstrukt als Vorwand mir diese religiöse Diarrhoe anzutun um es hinterher finanziell ausschlachten zu können. Aber ja, ich bin ein relativ angstfreier Mensch und hätte die Eier. Viele Grüße
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