Ungarische Uni in Hamburg "Das ist Innovation"

Die Budapester Semmelweis-Uni eröffnet in Hamburg ihre erste deutsche Filiale. Im Interview erklärt Rektor Tivadar Tulassay, wie er mit einer Idee aus Sowjetzeiten auch im heutigen Ungarn gut an deutschen Medizinstudenten verdient - und warum er das in Ordnung findet.


SPIEGEL ONLINE: Warum kam Ihre Universität vor 25 Jahren auf die Idee, mitten im Kalten Krieg Medizin für Studenten aus der Bundesrepublik auf Deutsch zu lehren?

Tivadar Tulassay: 1983 litt Ungarn als sozialistisches Land unter Devisenmangel, und es wurde überlegt, wie man das Problem behebt. Die Medizin in deutscher Sprache hatte bei uns schon eine Geschichte, weil wir früher Studenten aus der DDR an der Semmelweis-Universität hatten. Also wurde vor 25 Jahren der erste bundesdeutsche Jahrgang immatrikuliert. Zwei Jahre später kam dann das englischsprachige Curriculum.

SPIEGEL ONLINE: Das ist heute noch so: Deutsche Studienbewerber für Medizin scheitern am Numerus clausus, Sie helfen den Deutschen, das System zu umgehen, und verdienen damit Ihr Geld?

Tulassay: Natürlich, ist das etwa schlimm? Das ist Innovation. Eine staatliche Universität ist heute viel zu abhängig, wenn sie ihr Geld nur vom Staat bekommt. Ungarn ist ein armer Staat und kann für neue Entwicklung und Forschung weniger Geld ausgeben. Wir aber wollen das, also brauchen wir eine Quelle. Alles wird durch Geld bezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Studenten zahlen in Budapest 11.200 Euro im Jahr - wie ist das bei den ungarischen Studenten?

Tulassay: Die zahlen nichts, wir sind eine staatliche Universität. Wenn die Deutschen auf Ungarisch studieren, zahlen sie auch nichts. Aber wenn wir uns extra die Mühe machen, in einer Fremdsprache zu unterrichten, ist das schon gerechtfertigt. Die deutsche Gruppe wird separat von den ungarischen Studenten unterrichtet.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Studenten kommen zu Ihnen, weil sie Probleme mit den Zulassungsbeschränkungen haben. Sammeln Sie also sozusagen die Reste ein?

Tulassay: Nein. Die deutschen Studenten sind nicht schlecht, im Gegenteil. Es sind gute und fleißige Studenten. Die Note ist nur ein Auswahlkriterium, aber die sagt ja nichts über die Qualität. Im deutschen Curriculum haben wir etwa 200 Studenten im ersten Semester. Im englischsprachigen Curriculum kommen die Studenten aus verschiedenen Regionen, die ist nicht so homogen wie die deutsche Gruppe. Die Deutschen machen uns nur Freude.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben sich die Bewerberzahlen aus Deutschland entwickelt?

Tulassay: Es gab einen Höhepunkt vor zehn Jahren, dann flachte die Kurve etwas ab. Aber seit einigen Jahren, seit es einen Mangel an qualifizierten Ärzten in Europa gibt, haben wir wieder neun- bis zehnmal so viele Bewerber wie Plätze. Das Diplom der Semmelweis-Universität ist sehr beliebt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wählen Sie die Studenten aus?

Tulassay: Es ist eine Kombination aus Prüfung, Abiturnote und den Vorkenntnissen der jungen Leute.

SPIEGEL ONLINE: Warum startet Ihr Studium schon jetzt, im September, und nicht wie bei anderen deutschen Studenten im Oktober?

Tulassay: Das ist der ungarische Stundenplan, nach dem sich auch die Medical School Hamburg richtet - St. Georg ist jetzt ein Stück Ungarn, ein Stück Semmelweis-Universität.

Das Interview führte Christoph Titz



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