Ungarische Uni in Hamburg Wie sich Numerus-Clausus-Flüchtlinge Studienplätze in Deutschland kaufen

Hier wird Studieren zur Luxussache - schon rein finanziell. Eine Budapester Hochschule bildet Mediziner aus, die an deutschen Unis null Chance haben. Das Studium beginnt in Budapest - und geht in Hamburg weiter. Der kuriose Studiengang kostet, festhalten: 80.000 Euro Gebühren.

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Medizin sollte es sein. Musste es sein! Als erste in ihrer Familie wollte Astrid Kleinbongardt Ärztin werden. Aber weil die Abi-Note nicht reichte, sollte sie lange warten, "mittlerweile wären es sogar fünf Jahre".

Jetzt, nach nur zwei Jahren, sitzt die Studentin in einem frisch gestrichenen Raum der Hamburger Asklepios-Klinik St. Georg, Haus P, ihren Freund an der Hand und die Aufregung im Gesicht. Hier hat am Montag ihr praktisches Medizinstudium begonnen, der klinische Teil der Ausbildung - an einer Uni, wie es sie bisher in Deutschland noch nicht gab.

Medizinstudenten in Hamburg: Frischer Re-Import aus Ungarn
Erik Seemann

Medizinstudenten in Hamburg: Frischer Re-Import aus Ungarn

Kleinbongardt, 23, studiert Medizin an der Semmelweis-Universität, die bislang ausschließlich in der ungarischen Hauptstadt Budapest stand. Nun steht sie auch in Hamburg, in Alsternähe. An der "Asklepios Medical School", der Außenstelle der Semmelweis-Uni, können in diesem Semester maximal 42 Studenten den klinischen Teil ihrer Ausbildung beginnen. Später sollen es mal 160 sein.

Diese Hochschule ist ein Stück Ungarn in Deutschland: Hier unterrichten deutsche Mediziner deutsche Studenten - aber nach ungarischem Lehrplan. Wie das wird, wissen weder die Studenten noch die Dozenten so genau.

Die Semmelweis-Uni bietet deutschen Jungmedizinern schon seit 25 Jahren Asyl. Das Problem: Theoretisch garantiert das Grundgesetz die freie Berufswahl, praktisch aber gibt es den Numerus clausus als hohe Studienhürde. Medizin-Studienplätze sind in Deutschland rar, die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) und die Universitäten sieben streng nach Abi-Note und Wartezeit aus.

"Das ist der Grundstein, mehr noch nicht"

Der Kniff, mit dem Medizin-Interessenten die Sperre umgehen, ist so alt wie der Platzmangel selbst: Ab ins Ausland, sei es nach Österreich oder Großbritannien - oder eben nach Ungarn. Bis dato mussten die Numerus-clausus-Flüchtlinge an der Semmelweis-Uni aber nach dem Physikum auf einen Anschlussplatz in Deutschland warten. Oder so gut Ungarisch lernen, dass man an ungarischen Krankenbetten bestehen kann.

"Im ersten Semester ist ein Ungarisch-Kurs noch Pflicht", sagt Astrid Kleinbongardt. Den Sprachtest, den man in Ungarn zum Weiterstudieren nach dem Physikum braucht, schafft nicht jeder. "Einige von uns bestehen ihn und studieren in Ungarn bis zum Ende." Aber man brauche eben Zeit, um die schwierige Sprache zu lernen.

Und nun beginnt der Re-Import der Medizinstudenten. "Neuanfang" und "Pioniere" - diese Wörter fallen am Eröffnungstag immer wieder. Sie helfen, die Unsicherheit auf allen Seiten zu überdecken. Deutsche Investoren und ungarische Honoratioren tauschen eine Fahne, Streicher streichen die "Ode an die Freude", aber ein bisschen unheimlich ist es allen schon, was sie sich hier vorgenommen haben. "Wir legen heute einen Grundstein, mehr ist das noch nicht", sagt Jörg Weidenhammer, Geschäftsführer der neuen Medical School unter ungarischer Leitung. "Das Haus wird erst stehen, wenn die ersten Studenten hier ihr Examen machen."

Ein Medizinstudium für 80.000 Euro

Am Montag zog eine Handvoll hoffnungsfroher, teils banger Medizinstudenten in den Rohbau ein. "Das ist schon ein mulmiges Gefühl", sagt Bernhard Lamprecht, 24, wie seine Kommilitonen im fünften Medizin-Semester. "Die Frage ist, wie viel Erfahrung die hier mit der Ausbildung haben. Es ist aber gut, dass wir eine kleine Gruppe sind" - da könne man sich immerhin gegenseitig helfen.

Astrid Kleinbongardt hatte eigentlich alles richtig gemacht, viel gelernt und 2004 ihr Abitur in Duisburg mit der Note 1,9 geschafft. Nur der verflixte Numerus clausus für Medizin lag bei 1,8. Damals waren die Studienplätze so begehrt wie heute. Mittlerweile liegt der Notenschnitt je nach Bundesland zwischen 1,0 und 1,3, die Wartezeit bei zehn Semestern.

Weil sie aber so sehr wollte, legt sich die Familie krumm. Rund 80.000 Euro werden Eltern, Oma und Verwandte in sechs Jahre Ausbildung für Astrid Kleinbongardt investiert haben - allein für die Studiengebühren. "Da sollte man nicht drüber nachdenken", sagt die Studentin, lacht und schlägt die Hände vors Gesicht.

Sehr intensiv denkt die ungarische Semmelweis-Universität darüber nach. Schon 1983 führt sie das Studium in deutscher Sprache für Studenten aus der Bundesrepublik ein. Es ging um Devisenbeschaffung für die Regierung, sagt der Budapester Rektor Tivadar Tulassay. Der sozialistische Staat wollte harte Westwährung, der gute Ruf der Medizinerausbildung brachte mit den Studenten auch die D-Mark ins Land.



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